Rocky kehrt nochmal zurück

Sylvester Stallone erhält vom Zürcher Filmfestival den Preis für sein Lebenswerk. Eine Wahl, die auf den ersten Blick erstaunt. Doch «Rocky» hat sich seinen Ehrenplatz in der Filmhistorie erboxt.

Roland Schäfli
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Idole unter sich: Sylvester Stallone 2006 vor der Statue des Original-Rocky-Balboa in Philadelphia. (Bild: ky./Rusty Kennedy)

Idole unter sich: Sylvester Stallone 2006 vor der Statue des Original-Rocky-Balboa in Philadelphia. (Bild: ky./Rusty Kennedy)

Vielleicht mag es intellektuellere Filmfreunde besänftigen, dass er in einem Woody-Allen-Film mitgespielt hat. Im Sekundenauftritt gab er 1971 in «Bananas» einen tumben U-Bahn-Rohling. Und im gleichen Jahr spielte er einen Tänzer in Alan J. Pakulas Oscar-gekröntem Thriller «Klute». Das war, bevor es in Mode kam, auf dem Kinoplakat nur noch den Namen «Stallone» abzubilden. Der Name verkauft den Film. Und in den 80er-Jahren hat kaum ein Name besser Filme verkauft als seiner.

Rambo im Wörterbuch

Die Frage bleibt: Warum verleiht das Filmfestival Zürich den Lebenswerk-Preis an Stallone, der nach «Rocky» die grosse Hoffnung der Kritiker, ihnen sei ein neuer Brando geboren, nicht ganz einlösen konnte. Begründung von Karl Spoerri von der Programmleitung: «Wo bei Chaplin jeder an die von ihm kreierte Figur denkt, sind es bei Stallone die allseits bekannten Rocky und Rambo, die unzertrennlich mit ihm verbunden sind.»

Zwar gilt in beiden Fällen der erste Teil als künstlerisch wertvollster, den eben nicht Stallone (sondern John G. Avildsen) als Regisseur verantwortete. Er hat jeweils anschliessend die kommerziell einträgliche Serienproduktion lanciert. Dennoch: Er wird in einem Atemzug mit Chaplin genannt. Hier kämpft ein Underdog sprachlos mit Spazierstock gegen eine übermächtige Welt – dort einer mit der geladenen M-16, ebenfalls ohne Worte. Beide Figuren erkennt man überall auf der Welt. Und der Name «Rambo» ist als Synonym der tumben Kampfmaschine gar in die Wörterbücher eingegangen. Mancher Schauspieler hat weniger erreicht.

Das Festival in Downtown Zurich ist dem Kommerziellen ja nicht abgeneigt und liegt damit mehr als Locarno auf der Linie des obersten Schweizer Filmförderers, Nicolas Bideau. Zürich liebt Star-Power. Und kaum einer weiss besser als Stallone, was Star-Power in Dollars umgerechnet bedeutet. Er mag zwischen zwei Salven auch mal mit dem künstlerischen Fach geliebäugelt haben (wie etwa 1978 im Gewerkschaftsfilm «F.I.S.T.»), doch am Box-Office, Hollywoods Kassahäuschen, ist er regelmässig abgestürzt, wenn er statt einsilbiger Action-Heroen mal einsilbige Komiker spielen wollte. Sprechendes Beispiel dafür ist etwa «Stop Or My Mom Will Shoot», 1992.

«Die Masse hört mir zu»

Wo «Stallone» draufsteht, hat gefälligst auch Stallone drin zu sein. In diese Sackgasse hat er sich selbst gespielt. Seine minimierte Mimik ist teils auf seine partielle Gesichtslähmung zurückzuführen. Das mögen einfach die dicken Kartoffeln des dummen Bauern sein. Jedenfalls war seine Männlichkeit der Bestseller der 80er. «Ich kann für die Masse sprechen, und die Masse hört mir zu.»

Tatsächlich feiern die Massen Rambo als Helden von Post- Vietnam. Reagan bewirtet ihn im Weissen Haus. Und in Rocky IV hüllt er sich ins Sternenbanner wie in einen Frottémantel, nachdem er den Russen ausgeknockt hat. Das ist die simple Symbolik, seinerzeit nach dem Geschmack des Publikums. In derselben Dekade hat sein Machthunger für eine nie dagewesene Kontrolle der Stars über Filme und Finanzen gesorgt.

Auf eigentümliche Weise steht die fiktive Figur Rocky mit ihrem Schöpfer in Verbindung, der ebenso vom Nobody zum Weltstar wird, aber vor Rückschlägen nicht gefeit ist. Ein Sohn autistisch, die Tochter schwer krank, zwei Ehen geschieden, die von ihm mitbegründete und persönlich beworbene Restaurantkette «Planet Hollywood» schreibt Verlust. «90 Prozent meines Lebens bestehen aus Misserfolgen.»

Und seine Zeit als Kassenmagnet ist unwiderbringlich vorbei. Wann immer das Box-Office zu schwächeln beginnt, besinnt er sich auf seine Archetypen – Rocky und Rambo. Denen hat er nun als immerhin 60jähriger zur Ehrenrunde verholfen. Zeit, selbst die Runde bei den Festivals zu machen und Preise fürs Lebenswerk abzuholen.

Ein Kreis schliesst sich

Geboren ist er am selben Tag wie George W. Bush, am 6. Juli 1946. Im Armenkrankenhaus von New Yorks «Hell's Kitchen». Mit 15 wählen ihn die Mitschüler zum Typen, der «am ehesten auf dem elektrischen Stuhl landen wird». Vater sizilianischer Schafhirte, Mutter Zigaretten-Girl. Scheidung. Pflegeeltern. Schule für Schwererziehbare. Liest Superman-Comics, statt zu lernen.

Den High-School-Abschluss macht er – dank eines Stipendiums – in der Schweiz, im American College of Switzerland. So schliesst sich jetzt in Zürich der Kreis. «Er hat sehr positiv auf unsere Einladung reagiert», sagt Spoerri, «und sich sehr über die Golden-Icon-Auszeichnung gefreut.» Ein Chancenloser, der im Triumph zurückkehrt. Ein Klischee wie aus einem Stallone-Film. «Ich mag Klischees», gibt der zu, «es ist schön, mit irgendetwas fest rechnen zu können.»

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