Resolut im Männerrevier

Ursula Uttinger ist schon als Streberin bezeichnet worden – und hat es insgeheim als Kompliment empfunden. Denn die gleiche Bezeichnung zum Verb umfunktioniert, ergibt eine positive Deutung: Ursula Uttinger strebt eine Karriere an. Hiefür scheute sie sich nicht, in die Männerdomäne des st. gallischen Polizeikommandos einzudringen. Fredi Kurth

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Umgeben von männlichen Kollegen: Ursula Uttinger im Kommandogebäude der Kantonspolizei St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Umgeben von männlichen Kollegen: Ursula Uttinger im Kommandogebäude der Kantonspolizei St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Eins, zwei Polizei, drei, vier Offizier. Für Ursula Uttinger waren es rasche Schritte in die Führungsposition der St. Galler Kantonspolizei. Eine Frau in Kaderfunktion – das gibt es heutzutage, aber in einem derart klassischen Männerrevier? Die Juristin schaffte als bisher einzige Frau den Sprung in den siebenköpfigen Kommandostab und dürfte dem Privileg noch einige Zeit verhaftet bleiben, auch dann, wenn sie im Sommer ihren Platz wieder räumen wird. Möglich war es wohl nur, weil sie sich als Quereinsteigerin bewarb, als entschlossene Aussenseiterin und – erst noch – Zürcherin. Mutig waren auch jene, die sie einstellten, in einem Departement notabene, das von einer Frau geleitet wird: Regierungsrätin Karin Keller-Sutter.

Ursula Uttinger, bedauern Sie, dass nicht mehr Frauen in polizeilichen Führungsgremien tätig sind?

Ursula Uttinger: Ja sehr. Frauen haben einen andern Blickwinkel. Wenn eine Frau erscheint, wechseln Männer die Tonart, andere Aspekte erhalten mehr Gewicht. Meine Erfahrung: Meine Kollegen schauen inzwischen weniger nur für sich und sind eher bereit, zusammen ein Ziel zu erreichen.

Aber solche Veränderung geschieht nicht allein durch weibliche Erscheinung. Was haben Sie unternommen?

Uttinger: Einfache Sachen. Wir gingen zusammen auf eine Skitour und ruderten auf dem Bodensee. Ich habe ein Verbesserungsmanagement umgesetzt, in dem gute Ideen deponiert werden können. Männern geht es im Beruf mehr um das Konkurrenzdenken, weniger um das Miteinander, das Gemeinwohl. Ich versuche, konkret darauf einzuwirken, dass nicht in allen Bereichen stets die Besten rekrutiert werden – auf Kosten jener, die altersmässig oder krankheitshalber nicht mehr volle Leistung erbringen. Es kann diesen nur schon helfen, wenn sie keinen Nachtdienst mehr leisten müssen. Hier geht es um soziale Verantwortung, und die steht auch einer Polizeiorganisation gut zu Gesicht.

Können Frauen im Polizeiberuf alles, was auch Männer können?

Uttinger: Im Prinzip schon. In seltenen Fällen, wenn es eine Frau mit einem «Fetzen», einem körperlich starken Widersacher, zu tun bekommt, ist sie vielleicht unterlegen. Aber sonst – gewisse Eliteeinheiten der israelischen Armee bestehen aus Frauen. Zudem benötigen wir Frauen für spezifische Aufgabe, wenn ihresgleichen als Opfer befragt werden müssen oder bei Delikten mit Kindern. Es bewerben sich nach wie vor zu wenige Frauen, zurückzuführen auf das eher konservative Berufsbild der Polizei in der Ostschweiz.

Ursula Uttinger behauptet von sich, eine «Chaotin» zu sein, und zeigt auf den unaufgeräumten Pult im Büro. Sie sei in gewissen Dingen unberechenbar. Zum Beispiel erscheint sie mal um sechs Uhr, dann erst um halb neun bei der Arbeit. Die Unregelmässigkeit ist Ausdruck ihrer vibrierenden Energie, Ausdruck ihrer Unruhe, mit der sie Aufgaben anpackt. Ihre Vorstellungen allerdings sind kantenscharf, verfolgt sie hart und konsequent. Die Begegnung mit ihr im Kapo-Hauptgebäude am Rand des Klosterviertels lässt darauf schliessen, dass sie sich im Männerkollegium wohl fühlt. Robust und bestimmt ihr Auftreten. Sie unterhält sich in ihrer Umgebung, als ob sie selbst ein Mann wäre – ohne den fraulichen Charme zu verlieren.

Wie sieht Ihre Arbeit im Detail aus?

Uttinger: Als Chefin Stabsdienste befasse ich mich mit Rechtsfragen, mit dem Personalwesen, Rechnungswesen und der Aus- und Weiterbildung. Es gibt keine Routine, aber wie immer auf solcher Stufe viele Sitzungen, und es gibt viele Entscheidungen zu treffen.

Was haben Sie schon entschieden?

Uttinger: Wir haben zum Beispiel in der Aus- und Weiterbildung ein Konzept umgesetzt, in dem ein Feedback verlangt wird. Was war schlecht? Was sollen wir ändern? Oder wie würden die Mitarbeitenden handeln, wenn sie an Stelle des Kommandanten wären: Zum Beispiel im Ausgleich von Beruf und Freizeit oder bei Entwicklungsmöglichkeiten in der Polizei.

Eine Frau, eine Quereinsteigerin zumal, will in einer Männerdomäne viel verändern. Da müssen Sie ja irgendwo auch anecken.

Uttinger: Ich polarisiere natürlich. Einige sind eher abgeneigt, andere ziehen motiviert mit. Denn ich wirble Staub auf. Von kompetenter Seite hat man mir einmal gesagt: «Das zeigt auch, dass sich Staub angesetzt hat.»

Wo genau?

Uttinger: Die Polizei kennt eine starke Hierarchie, eine militärische Abstufung vom Oberst bis zum Polizisten, zehn bis elf Grade. Ich versuche allen zu sagen, nicht der Rang sei entscheidend, sondern der Mensch. Im Prinzip muss die ganze Polizeiorganisation laufend überdacht und weiterentwickelt werden.

Haben Unzulänglichkeiten dazu geführt, dass Sie nach knapp zwei Jahren den Dienst quittieren?

Uttinger: Nein. Es sind persönliche Gründe. Aufstiegsmöglichkeiten aus meiner Position im Polizeikorps sind beschränkt. Im jetzigen Zeitpunkt habe ich mich aber für die Herausforderung, Leiterin der IV-Stelle der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen zu werden, entschieden. ich hätte gerne weiter bei der Polizei gearbeitet. Aber diesen Karriereschritt – für mich eine Horizonterweiterung – musste ich machen. Ich möchte mich entwickeln, weiteres erreichen. Bin ich deswegen eine Karrierefrau?

Jedenfalls geraten Sie in Widerspruch mit den männlichen Kollegen, denen Sie Konkurrenzdenken ankreiden…

Uttinger: Für mich gibt es zwei Arten von Ehrgeiz: Den hierarchischen, der nur die Leiter anstrebt, und den sportlichen. Ich bin eine Wettkämpferin, die den Erfolg für das Team vor Augen hat. Ich spielte Basketball in der Nationalliga A und rudere für Kaufleuten Zürich, aber nicht im Einer…

Karriere und soziale Verantwortung – das will Ursula Uttinger am neuen Arbeitsplatz miteinander verbinden. Dort wird sie auch mit Männern zu tun haben, aber nicht ausschliesslich wie im Kommandostab. Die klare Linie, die sie immer anstrebt, hat sie in unserem Gespräch angedeutet. In einer Hinsicht übertrifft sie viele Männer: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund.