Zwischen Pilgern und Portwein: Wer Galicien besucht, sollte auch in den Nordwesten Portugals

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Zwischen Pilgern und Portwein: Wer Galicien besucht, sollte auch in den Nordwesten Portugals

Bild: Getty

Wer in Spaniens Galicien unterwegs ist, sollte den Nordwesten Portugals besuchen – oder umgekehrt. Die Region hat eine gemeinsame Seele.

Hans Suter
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Strahlend und winkend steht sie vor der Markthalle in der Altstadt von Santiago de Compostela: Sterneköchin Lucia Freitas. Und schon geht es los zum Einkauf: Fisch, Muscheln, Fleisch, Bohnen, Gemüse, Olivenöl – alles von höchster Qualität. Bei einer befreundeten Fischhändlerin begibt sie sich hinter den Tresen und begutachtet einen klein gewachsenen Thunfisch. Die zierliche Gourmetköchin verschwindet fast hinter den Auslagen. Mit geschultem Blick kontrolliert sie die Augen, drückt auf den Fischleib: Frisch!

Sterneköchin Lucia Freitas kauft auf dem Fischmarkt in Santiago de Compostela ein.

Sterneköchin Lucia Freitas kauft auf dem Fischmarkt in Santiago de Compostela ein.

Bilder: Hans Suter
Miesmuschel auf kandierter Zitronenscheibe.

Miesmuschel auf kandierter Zitronenscheibe.

Bild: Hans Suter

Lucia Freitas führt in der Altstadt zwei der elf im Guide Michelin aufgeführten Restaurants. Direkt neben dem Mercado serviert sie im «Lume» eine moderne Fusion-Küche mit kleinen Häppchen und Gerichten zum Teilen. Im «A Tafona», dem zurzeit einzigen Sterne-Lokal der Stadt, zelebriert sie die hochstehende Kochkunst mit Schwerpunkt Fisch und Meeresfrüchte. Die Gerichte sehen aus wie Kunstwerke: Silbern schimmernde Sardinen mit leuchtend grünen Punkten auf goldgelber Krokette oder dottergelbe Miesmuscheln auf kandierten Zitronenscheiben – die Fantasie von Lucia Freitas scheint grenzenlos zu sein.

Sardinen-Kreation von Lucia Freitas.

Sardinen-Kreation von Lucia Freitas.

Bild: Hans Suter

Mit der selbstbewussten und energiegeladenen Frau durch den Fischmarkt von Santiago de Compostela zu streifen, die frischen Schätze des Meeres einzukaufen und später ein daraus zubereitetes 14-Gänge-Menü zu geniessen, ist für den Gourmet so eindrücklich wie für den Pilger das Betreten der Porta Santa (heilige Tür) der Kathedrale. Sie wird nur in einem heiligen Jahr geöffnet. 2021 ist ein solches.

Das Ziel der Pilger auf dem Jakobsweg: Die Kathedrale von Santiago de Compostela.

Das Ziel der Pilger auf dem Jakobsweg: Die Kathedrale von Santiago de Compostela.

Bild: Getty

Fällt nämlich der Jakobustag – der Namenstag Jakobus am 25. Juli – auf einen Sonntag, steht laut altem Papstprivileg ein Heiliges Jahr an. Und weil die Coronapandemie vielen Pilgern eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela verunmöglichte, wurde auch 2022 dazu erklärt.

Inzwischen sind sie zurück. Mit Wanderstock und der unverwechselbaren Muschelschale am Rucksack verkünden sie ohne Worte: Willkommen im bedeutendsten Wallfahrtsort Spaniens und dem drittwichtigsten der Welt nach Jerusalem und Rom. Der Sage nach sollen hier die Gebeine des Apostels Jakobus des Älteren ruhen. Sie liegen in einem reich verzierten Schrein in der alles überragenden Kathedrale.

Eine Wanderung durch den alten Stadtkern von Santiago de Compostela ist ein Gang durch die Zeit. Trotz vieler bau- und kulturhistorisch wertvoller Schätze hat die Stadt eine ausgeprägt junge Seite. Das liegt vor allem an der Universität. Die Gassen in der Altstadt – 1985 von der Unesco zum Welterbe erhoben – sind belebt von jungen Menschen, ebenso die Plätze und Parks.

Fjorde, Sandstrände und Eukalyptusbäume

Beeindruckend schön ist auch das Umland. Geradezu faszinierend wirken die Gegensätze der Natur: Sonne und Meer, Fjorde wie im kühlen Skandinavien, Eukalyptusbäume wie im heissen Süden und weite Sandstrände und von Kiefern übersäte grüne Hügellandschaften prägen das Gesicht Galiciens ausserhalb der Städte. Die Fahrt zu den Rias, den für Galicien typischen fjord­ähnlichen Meeresbuchten am Atlantik, macht die schroffe Wildheit der Natur richtig nahbar.

Die oft sturmgepeitschte Küste zeigt sich an diesem Tag regnerisch, kühl und wolkenverhangen. An eine Bootsfahrt ist nicht zu denken. Ebenso gut könnte es aber ein sonnenreicher Strandtag sein, wenngleich das Wasser des Atlantiks selbst im Hochsommer kaum je 18 Grad erreicht. Den Galicier, der Regen als Tropfen edlen Champagners empfindet, beeindruckt das ­wenig.

Weintrauben werden noch mit den Füssen ausgepresst

Die Weiterfahrt in den Norden Portugals zeigt die enge Verwandtschaft mit Galicien. Wäre der Grenzübertritt nicht beschildert, würde man ihn kaum wahrnehmen. Die als grüner Minho bekannte Region gilt den Portugiesen als Wiege der Nation. Jedes Kind kennt deren erste Hauptstadt Guimarães, das religiöse Zentrum Braga mit der höchsten Kirchendichte Portugals und die lebendigen Traditionen wie Volkstanz (Rancho), Trachten, Volksmusik und Gastronomie.

Blick auf das Ausgehviertel am Ufer des Douro in Porto.

Blick auf das Ausgehviertel am Ufer des Douro in Porto.

Bild: Hans Suter

Nicht fehlen darf ein ausgedehnter Besuch der hügeligen, 220000 Einwohner zählenden Stadt Porto. Zusammen mit der Stadt Vila Nova de Gaia am gegenüberliegenden Ufer des Rio Douro bildet sie den Kern der Metropole Porto, in der 1,7 Millionen Menschen leben. Die Stadt ist nicht nur für die blau bemalten Azulejos (Kacheln), die vielen imposanten Gebäude und Brücken, einladenden Cafés und kulinarischen Spezialitäten wie Tripas (Kutteln), Alheira (Wurst aus Fleisch und Brot) und Francesinha (mit Sauce übergossenes, warmes Sandwich) bekannt. Sondern ganz besonders für den Portwein. Der Süsswein wird aus dem Douro-Tal nach Porto transportiert, in Vila Nova de Gaia gelagert und von dort in die Welt exportiert; Hauptmarkt ist Grossbritannien.

Das Douro-Tal ist Unesco-Welterbe. Von hier stammt der weltbekannte süsse Portwein.

Das Douro-Tal ist Unesco-Welterbe. Von hier stammt der weltbekannte süsse Portwein.

Bild: Getty

Dem Weinbau kommt in Nordportugal grosse Bedeutung zu. Im Douro-Tal werden neben dem dominierenden Portwein rote Tafelweine gekeltert und Olivenöle gepresst. Viele Weingüter bieten zudem Erlebnisgastronomie und Gästezimmer an.

So auch das Gut Quinta da Pacheca bei Lamego, wo noch das Traubenpressen mit den Füssen zu sehen ist. Aus einer Halle dringt rhythmische Musik in den Nachthimmel. Es ist gegen 22 Uhr, ein Mittwoch. Männerstimmen sind zu hören. Ein verstohlener Blick in die halb offene Tür bestätigt: Hier lebt die Tradition weiter. Sogleich dringt der unverwechselbare Geruch von gärendem Traubenmost in die Nase.

Im Douro-Tal pressen Männer die Trauben noch traditionell mit den Füssen.

Im Douro-Tal pressen Männer die Trauben noch traditionell mit den Füssen.

Bild: Hans Suter

Acht Männer in kurzen Hosen und T-Shirt stehen mit nackten Beinen und Füssen in einer Linie in einem Betonbecken voller roter Trauben. Zur Musik treten sie an Ort und zerquetschen die Beeren, ohne die bitteren Kerne zu beschädigen. Nur langsam bewegen sie sich nach vorn.

«Das dauert zwei bis vier Stunden, je nach Ernte», sagt einer der Männer, der das seit Jahren macht. Nach der Arbeit versteht sich. Jeder der Acht arbeitet tagsüber in einem anderen Beruf. So geht das etwa drei Wochen im Jahr. «Morgen Abend kommen wir nochmals, zum letzten Mal in diesem Jahr. Dann ist die Ernte vorbei.»

Gut zu wissen

Anreise
Swiss fliegt ab Zürich direkt nach Porto, Edelweiss steuert direkt Santiago de Compostela an.

Beste Reisezeit
Am besten werden Galicien und der Nordwesten Portugals im Sommer bereist. In der übrigen Zeit kann es zu reichlich Niederschlägen kommen.

Übernachten
Das Hotel San Francisco Monumento in Santiago de Compostela ist zentral gelegen und ein ehema­liges Kloster aus dem 18. Jahrhundert.

Das Hotel Paço de Calheiros Manor House liegt nahe der portugiesischen Kleinstadt Ponte de Lima und ist ein Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert in den Weinbergen.

Hinweis
Die Reise wurde ermöglicht durch den Reiseveranstalter Gebeco, Tourismo de Galicia und Lufthansa.

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