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Viele Badetouristen, aber nur noch zwei Einwohner: Comino ist die verlassene Insel Maltas

Wer in Malta in den Ferien ist, macht meist höchstens wegen der Blauen Lagune einen Abstecher auf die kleine Nachbarinsel Comino. Doch schon ein kurzer Spaziergang zeigt, Comino hat mehr zu bieten als es den Anschein macht: Geschichten aus vergessenen Zeiten.

Livia Fischer
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Die Blaue Lagune in Comino ist dank des klaren Wassers ein Touristen-Hotspot. Ein einsames Plätzchen zu finden, ist schwierig.
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Das kristallblaue Wasser vor Comino lockt viele Touristinnen und Touristen an.
Wer Einsamkeit sucht, ist hier aber am falschen Ort – die Blaue Lagune ist ein echter Touristen-Hotspot.
Eine Infrastruktur gibt es auf der Insel nicht, die Stände hier sind die einzige Verpflegungsmöglichkeit.
Die meisten Touristinnen und Touristen kommen tagsüber zum baden und verlassen die Insel spätestens gegen Abend wieder.

Die Blaue Lagune in Comino ist dank des klaren Wassers ein Touristen-Hotspot. Ein einsames Plätzchen zu finden, ist schwierig.

Bild: Getty Images

Das Brummen der Motoren vermischt sich mit der Partymusik, die aus den Lautsprechern ertönt, und mit dem Geschwätz und Gelächter der Badegäste. Die Blaue Lagune in Comino ist ein lauter Ort – und die Sehenswürdigkeit der Insel schlechthin. An einem schönen Sommertag fahren die Schnellboote und kleineren Schiffe im Minutentakt hierhin und laden etliche Touristinnen und Touristen aus. Der Platz ist zurecht ein Hotspot. Bei wolkenlosem Himmel, wenn die Sonne direkt ins Wasser scheint, glitzert das Meer in einem hellem Türkis wie in der Karibik.

Gegen Abend verschwinden die Boote samt Touristen allmählich wieder. Zurück bleiben Mülleimer, rappelvoll mit leeren Getränkebechern und ausgehöhlten Ananas mit Strohhalmen. Trotz dieses Anblicks – den Titel einer Partyinsel trägt Comino nicht. Im Gegenteil. Der Rest der gerade mal drei Quadratkilometer grossen Insel, die zum maltesischen Archipel gehört, lässt sich eher mit dem Wort «ausgestorben» beschreiben.

Mit dem Boot zur Messe

Nur wenige Fussminuten von der Blauen Lagune entfernt wird es still – egal zu welcher Tageszeit. Auf einem winzigen Hügel mittig der Insel thront ein hoch ummauerter Friedhof. Der Durchgang ist durch eine Gittertüre versperrt, um deren Griff ein klobiges Schloss hängt. Auch ein Blick ins Innere zeigt: Es ist kein Friedhof wie man ihn sonst kennt. Alles was man sieht, ist Kies, auf der linken Seite Steinplatten - womöglich Grabplatten -, ein Sockel, auf dem wahrscheinlich mal die Büste eines Heiligen drauf war, und verwildertes Gewächse. Begraben wurde hier schon lange niemand mehr.

Die Tür zum Friedhof ist verriegelt.
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Ein Blick durch die Gitterstäbe hindurch lässt schon erahnen, dass hier schon lange niemand mehr begraben wurde.
Die Aussenansicht des kleinen Friedhofs.

Die Tür zum Friedhof ist verriegelt.

Bild: Livia Fischer

Um 18.30 Uhr läuten im Norden die Kirchenglocken. Der Klang erinnert an das Bimmeln der Kuhglocken bei einer Alpabfahrt. Die von aussen schlicht gehaltene Kapelle wurde im 17. Jahrhundert erbaut – zu dieser Zeit lebten um die 200 Menschen auf Comino. Mittlerweile sind es nur noch zwei. Trotzdem finden regelmässig Gottesdienste statt; während den Sommermonaten immer samstagabends und im Winter jeweils sonntagvormittags.

Der Priester, der die Messen abhält, heisst Joseph Attard. Er wohnt auf der Nachbarinsel Gozo, etwa zehn Bootsminuten von Comino entfernt. «Nur bei schlechtem Wetter fällt der Gottesdienst aus. Dann, wenn das Meer zu unruhig ist, um es mit dem Boot zu überqueren», sagt Attard. Von Gozo kommen auch die meisten Messebesucherinnen und -besucher, oftmals wohnen auch Touristinnen und Touristen dem Gottesdienst bei.

Die Kirche trägt den Namen Chapel of Our Lady's Return from Egypt oder auch einfach Marienkapelle.

Die Kirche trägt den Namen Chapel of Our Lady's Return from Egypt oder auch einfach Marienkapelle.

Bild: Livia Fischer

Die letzten Zwei

Ebenfalls immer anwesend sind Salvu Vella und seine Cousine Evangelista Buttigieg – die einzigen Bewohner Cominos. Ihr Haus befindet sich an der gleichen steinigen Strasse wie die Kapelle, einfach im Süden. Hier drin haben sie bis vor kurzem noch zu dritt gelebt, Vellas Bruder ist im Dezember verstorben und liegt nun in Gozo, wo mehr Verwandtschaft lebt, begraben.

Vor Vellas und Buttigiegs Haus aus Kalkstein – das ist das typische Baumaterial Maltas – steht ein schwarzer Golfwagen. Irgendwo hinter dem Gebäude versteckt sich ein Hahn, der sich mit einem lauten Krähen bemerkbar macht, und aus den Fenstern ertönt Musik. Diesmal klassische, ganz andere als bei der Blauen Lagune.

Hier wohnen Salvu Vella und Evangelista Buttigieg.
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Der Weg zum Haus ist steinig – wie alle Strassen Cominos.
Die Kalksteinfassade und die Bäumen davor tarnen das Haus gut; von weitem ist es kaum erkennbar.

Hier wohnen Salvu Vella und Evangelista Buttigieg.

Bild: Livia Fischer

Vella und Buttigieg sind mittlerweile 73 und 82 Jahre alt und wollen keine Interviews mehr geben. Priester Attard hat aber einen guten Draht zu ihnen, wie er sagt. Obwohl sie ein Leben in Abgeschiedenheit führen, seien sie keinesfalls zurückhaltend, sondern «sehr, sehr sozial», wie der Priester beteuert. Überhaupt seien sie «ganz normale Menschen», würden die sozialen Medien wie etwa Facebook oder Skype nutzen, «um mit der Welt in Kontakt zu sein».

Und trotzdem: Ganz so ein normales Leben führen sie nicht. Oder zumindest ein etwas anders organisiertes als die meisten von uns. Infrastruktur gibt es auf der verlassenen Insel keine, so auch keinen Laden. Attard erzählt:

«Salvu und Evangelista bestellen ihre Lebensmittel bei Shops in Gozo, welche die Waren dann alle drei bis vier Tage via Boot liefern.»

Ausserdem hätten die beiden hinter ihrem Haus einen Garten, wo sie verschiedenstes Gemüse anpflanzen. Dass sie jemals wegziehen, sei ausgeschlossen: «Beide sind in Comino geboren und sehr glücklich darüber, hier zu sein.»

Quarantänestation für Seeleute

Wenige Meter vom Wohnhaus entfernt, nahe dem St. Mary's Tower, einer Festung aus dem Jahre 1618, befindet sich ein etwas heruntergekommenes Gebäude in L-Form. Abgesehen vom leisen Rauschen des Windes ist kein Mucks zu hören. Die grünen Fensterläden sind geschlossen, die Türen verriegelt, der Innenhof mittels verrosteten Metallketten abgesperrt. Kleine rote Schilder mit der Aufschrift «Residential Area» erinnern daran, dass hier einmal gewohnt wurde: Das grösste Gebäude auf der Insel war früher ein Isolationsspital. Erbaut wurde es gegen Ende des 19. Jahrhunderts von den britischen Militärbehörden, um Truppen unterzubringen, die aus den pestverseuchten Häfen in der Levante – den Ländern des östlichen Mittelmeerraums – nach Malta zurückkehrten.

Das Überbleibsel der Quarantänestation: Die frühere «Residental Area» (zu Deutsch: Wohngebiet) steht schon lange leer.
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Die Fensterläden und Türen sind alle verschlossen.
Dieser Wagen dürfte schon jahrelang ungebraucht in dieser «Garage» stehen.
Die Eingänge sind teils noch mit Namen angeschrieben und mit Briefkästen versehen.
Ebenfalls verlassen und verwildert ist der Hinterhof.
Das ehemalige Isolationsspital liegt im Südosten der Insel, von hier hat man Blick auf Malta.
Auf Höhe des Friedhofs sieht man von links eine ehemalige Schweinefarm, zwischen den Bäumen das letzte Wohnhaus, das längliche Gebäude ist die frühere Quarantänestation und daneben steht der St. Mary's Tower.

Das Überbleibsel der Quarantänestation: Die frühere «Residental Area» (zu Deutsch: Wohngebiet) steht schon lange leer.

Bild: Livia Fischer

Wie Informationstafeln auf dem Areal weiter verraten, wurde 1948 für die wenigen auf der Insel lebenden Kinder im Krankenhausgebäude eine Schule in Form einer altersübergreifenden Klasse eröffnet. Unterrichtet wurde bis 1965, danach gab es keine Kinder im schulpflichtigen Alter mehr.

Von der Gefängnisinsel zur Bauerninsel

Die Quarantänestation veranschaulicht, wie geschichtsträchtig die kleine Insel – und überhaupt Malta – ist. Von 1798 bis 1800 wurden die maltesischen Inseln von den Franzosen besetzt, Comino diente als Verbannungs- und Inhaftierungsort für Kriminelle und Regimegegner. 1799 kam es dann zu Auseinandersetzungen mit den Briten, die mindestens 150 französische Sympathisanten und Kollaborateure hierhin verbannten und letztlich die Herrschaft an sich rissen.

Rund 100 Jahre später, als die Insel zur Quarantänestation wurde, wohnten noch 34 Personen auf Comino. Die gesamte Bevölkerung wurde in diesem Jahr von ihren Kleinbetrieben enteignet und erhielt eine Entschädigung, damit sie sich in Malta oder Gozo ein neues Leben aufbauen konnte. Erst nach dem Ende der Quarantänestation wurde die Insel wieder besiedelt. 1948 zählte Comino 68 Einwohnerinnen und Einwohner, in den frühen 1950er-Jahren liessen sich schliesslich zwei bis drei sizilianische Bauern mit ihren Familien auf der Insel nieder. Von denen lebt mittlerweile niemand mehr hier – Vella und Buttigieg stammen aus maltesischen Familien.

Gut zu Wissen

Anreise Malta Die Swiss fliegt von Zürich direkt nach Malta.
Anreise Comino Fast stündlich fährt ab Cirkewwa im Nordwesten Maltas eine Fähre nach Comino. Schnellboote ab der Hauptstadt Valletta fahren etwa 16-mal täglich, Fähren 10-mal.

Übernachten Als Übernachtungsmöglichkeit gibt es den Campingplatz «Tal-Ful», Wildcamping ist verboten. Das einzige kleine Hotel, das es in Comino gab, ist seit 2020 ausser Betrieb.

Coronasituation Für die Einreise nach Malta braucht es eine vollständige Impfung oder einen negativen PCR-Test. (lf)

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusbüro Visit Malta.

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