Kreuzfahrtschiffe gelten momentan als die sicherste Art zu reisen – wir haben auf dem Mittelmeer den Test gemacht

Reisen trotz Covid
Kreuzfahrtschiffe gelten momentan als die sicherste Art zu reisen – wir haben auf dem Mittelmeer den Test gemacht

Vor einem Jahr waren sie Coronahotspots. Nun sind Schiffe zur sichersten Art des Reisens geworden. Wir waren an Bord der «Grandiosa» auf dem Mittelmeer. Mit nur 1000 anderen Passagieren.

Roland Itten (Text) und Rolf Neeser (Bilder)
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Schwarze Regenwolken an diesem Dienstagmorgen über Neapel. Die Nacht auf See war stürmisch. Windstärke 8, vielleicht mehr. Hoher Wellengang. Nun wartet die Kommandobrücke seit gut zwei Stunden auf grünes Licht des Lotsen.

Wir stehen ganz oben auf Deck, vier Kilometer vor der Hafeneinfahrt.

Kreuzfahrtschiff MSC Grandiosa

Kreuzfahrtschiff MSC Grandiosa

Bild: Rolf Neeser

45 Meter unter uns jagt der Wind noch immer Gischt über die Wellenkämme. Doch das Schiff bewegt sich kaum, die Stabilisatoren wurden unter Wasser bereits nachts ausgefahren. Nun verhindern starke Motoren, dass wir abdriften. Die MSC «Grandiosa»: sechstgrösstes Kreuzfahrtschiff weltweit. 2400 Kabinen, Stapel­lauf 2019, 331 Meter lang, 43 Meter breit, 19 Stockwerke hoch. Bis zum Kamin sind es über 60 Meter. Momentan der einzige Ozeanriese im Mittelmeer.

Zwei Tage vorher, am 7. Februar, sind wir in Genua an Bord gegangen. Gebucht hatten wir kurzfristig. Die Route: Genua–Civitavecchia (Rom), Neapel, Palermo, Malta und zwei Seetage zurück. «Ausbrechen aus dem Lockdown!» war der Grund. Einfach nur weg. Aber nicht zu weit, am besten in den warmen Süden. Unter Sonne auf dem Schiff dem Horizont entgegen. Und endlich wieder etwas Normalität erleben.

Die Vorstellung, in Restaurants und Gesellschaft in angeregter Atmosphäre fein zu essen. Ohne «Polizeistunde» an einer Bar draussen auf Deck einen Drink bestellen und in der Sonnenliege abhängen. Später allenfalls eine Stunde Fitness im riesigen Sportslab, mit Sicht aufs Meer. Vielleicht etwas Wellness oder in Boutiquen zollfrei shoppen. Abends Shows, vielleicht später im Casino noch ein paar Chips setzen. Genau all das tun, was uns seit dem 22. Dezember verboten wurde. In einer schicken schwimmenden Stadt. Für 6330 Passagiere und 1700 Crew-Leute.

Wegen Covid-19-Ausbrüchen lagen mehrere Kreuzfahrtschiffe vor bald einem Jahr wochenlang isoliert an Hafenmolen. Mittlerweile hat auch MSC das Schutzkonzept massiv verschärft. Darum in Genua zwingend im Gepäck: negativer, maximal 48 Stunden alter PCR-Covid-19-Test. Dreifach ausgedruckt. Dazu ausgefüllter Gesundheitsfragebogen und eine Selbstdeklaration – wonach wir die Massnahmen zur Eindämmung von Covid-19 in Italien kennen würden. Mit Angabe von Einreiseort und Autokennzeichen.

«Satisfaction» auf dem Pooldeck, zur Freude des Personals

Vor dem Terminal zeigen wir Schiffs­ticket, Pass und die Dokumente. Alle tragen Maske. Oben an der Rolltreppe medizinisches Personal als Empfangskomitee.

Bild: Rolf Neeser

Weisse Schutzkleidung. Zuerst Fiebermessen, dann werden alle nochmals getestet. Molekular-Schnelltest. Nach 20 Minuten das Okay, wir dürfen an Bord. Nicht ohne elektronisches Armband aus Plastik, ähnlich einer Swatch-Uhr. Es wird uns die nächsten acht Tage als Zahlungsmittel dienen, als Schlüssel zu unseren Kabinen. Und: Es wird alle unsere Kontakte mit Passagieren, denen wir während mehr als 15 Minuten näher als 1½ Meter kommen, aufzeichnen.

Erkrankt trotz negativem Test eine Person unterwegs an Covid-19, müssten die entsprechenden Kontakte in Quarantäne. In Einzelkabine, bis zum Ende der Reise. Der Aufwand zum Schutz der Passagiere ist gross. Alle öffentlichen Bereiche, Türgriffe, Toiletten, alle Kabinen, auch die der Crew, werden mehrmals täglich desinfiziert. Und: Jeder Passagier, auch das Personal, muss unterwegs einmal pro Woche zum Schnelltest.

Bild: Riccardo Fani / MSC

Deck 6, wir steigen zu. Gelangen in eine 100 Meter lange Innenpromenade, gesäumt von Boutiquen, Restaurants. Eindrucksvoller LED-Himmel. Am Ende ein hohes Atrium. Geschwungene Treppen, die Stufen mit funkelnden Swarovski-Kristallen. Ein Pianist spielt einsam Oscar Petersons «Night Train». In Loungesesseln eine Handvoll Leute.

Wo sind die anderen Passagiere? Noch nicht eingecheckt, bereits auf Kabine? Wir gehen aufs riesige Pool-Deck, zählen hier ganze 30 Personen. Vor einem Jahr wären es mehrere hundert gewesen. «Das grosse Schiff und nur wir», sagt Rolf, der Fotograf, schelmisch. Ja, gut möglich, dass wir die «Grandiosa» diese Woche ein wenig wie für uns allein haben. Wir zwei, mit unseren Kollegen Lorenz, Inhaber der besten Bieler Cocktailbar, und Robert alias «Dr. Föön», begnadeter Witzeerzähler und populärer Berner Musiker.

Die Sonne scheint, das ist uns wichtiger als viele Passagiere. Wir bestellen vier Glas Chardonnay, Robert packt seine Gitarre aus, spielt «Satisfaction» von den Stones. Auch zur Freude der zwei indonesischen Pool-Kellner, sie singen mit.

Kreuzfahrt MSA Grandiosa

Kreuzfahrt MSA Grandiosa

Bild: Rolf Neeser

Ja, das wird die ultimative Kreuzfahrt: Vier Schweizer mit nur knapp 1000 anderen Passagieren. Die Auslastung des Schiffs unter 20 Prozent also. Erlaubt wären dieser Tage 50 Prozent.

In der «Bubble» auf den ­Landausflug

Ein Geisterschiff ist die «Grandiosa» dennoch nicht. Das Marktrestaurant auf Deck 15 ist gut besetzt. Das Angebot gross, aber keine Selbstbedienung wie sonst. Die ausgewählten Speisen werden über spucksicheres Plexiglas gereicht, MSC-Mitarbeiter achten auf Abstand in der Schlange. Am Tisch maximal vier Personen, ausser Familien. Die Maske darf überall ausgezogen werden, sobald man sitzt. Und im gesamten Aussenbereich, sofern der Abstand von 1½ Metern gewährleistet ist.

Wir gehen auf unsere Kabinen, Deck 14, die meisten Decks darunter sind nicht belegt. 21.30 Uhr, Nachtessen im Restaurant La Perla. Auch die zweite Essenssitzung ist gut besucht, etwa 300 Personen. Durchschnittsalter 35 bis 40 Jahre, auch Familien. Nach dem ­Kaffee zur Unterhaltung. Die Show «Voyage fantastique» haben wir verpasst, doch in der grossen Lounge spielt eine Band «Mr. Saxobeat». Die Tanz­fläche rappelvoll, alle mit Maske, aber die Leute geben alles. Kompensation auch hier.

Zurück auf Deck vor Napoli: Die Wellen, die uns letzte Nacht in den Tiefschlaf wiegten, haben sich gelegt. Wir laufen ein. Die pulsierendste und farbigste aller italienischen (Hafen-)Städte kann kommen! Nach Rom der zweite Landausflug. Leider bei nur 14 Grad, gestern waren es noch 24. Auf eigene Faust drauflos geht nicht, wir bewegen uns, wie später in Palermo und Valletta, in der «Bubble». Zuerst im grossen Bus, Belegung beschränkt auf 16 Per­sonen, Chauffeur und Reiseleiter wurden am Morgen negativ auf Covid-19 getes­tet.

Bild: Rolf Neeser

Berühmte Monumente, ein paar Fotostopps. Dann weiter zu Fuss, durch die Altstadt und das «Spanische Viertel».

Bild: Rolf Neeser

Unterwegs zwei organisierte Toilettenstopps, später stehend eine fantas­tische Pizza Margherita – take-away –, die Getränke vom Bus auf uns. Nein, kein Kneipenstopp. Kein individuelles Shopping. Kein Entfernen von der ­Gruppe. Wer es trotzdem tut, darf nicht mehr aufs Schiff. Sicherheit steht über allem. Der Ausflug ist trotzdem toll, Neapel beeindruckt auch so.

Wer sich infiziert, fährt im Quarantänebus nach Hause

Im Unterschied zu uns darf die Crew nicht von Bord, auch Kapitän und Offiziere nicht. Damit nicht genug. Kommt neues Personal an Bord – mit zweifach negativem Test, wie wir in Genua –, geht es zuerst zwei Wochen in Quarantäne. «In Einzelkabine, aber immerhin eine Balkonkabine», wie uns der Hoteldirektor Giuseppe Pane beim Apéro erklärt.

Giuseppe PaneHoteldirektor und erster Offizier

Giuseppe Pane
Hoteldirektor und erster Offizier

Bild: Rolf Neeser

Pane ist schweizerisch-italienischer Doppelbürger, arbeitet seit 32 Jahren für MSC, beschreibt sich als «meerbegeistertes, treues Familienmitglied» und ist für zwei Drittel der Schiffsmitarbeiter zuständig. Das sind im Normalbetrieb 900 Leute. Auch Pane musste im Januar zwei Wochen in Kabinen­quarantäne. Zum Vergleich: Das Hotelpersonal in den Schweizer Bergen und an derzeit beliebten Destinationen wie Cancún oder Dubai kehrt abends nach Hause zurück.

Man halte von Kreuzfahrten, was man wolle, sie sind derzeit die sicherste Reiseart. Notfalls mit modernem Hospital, genügend medizinischem Personal und sogar Beatmungsgeräten. Sollte doch jemand das Virus einfangen, würde er – nach Quarantäne in Kabine und zurück am Einschiffungsort – im Kleinbus und abgetrennter Fahrerkabine direkt nach Hause in die Schweiz, ins europäische Herkunftsland gefahren. Auf Kosten von MSC. Dafür haben alle eine Versicherung abgeschlossen.

Zwei Tage später, zwischen Malta und Sizilien. Wir liegen am Pool. Es ist 17 Uhr, noch immer 25 Grad. Auf Deck ziemlich viele Leute. Die Buchungen würden jede Woche zunehmen, hatte uns Giuseppe Pane gesagt. Diese Kreuzfahrt hier hat sich für MSC wohl kaum rentiert. Wir jedenfalls genossen mit wenigen Passagieren eine Art zweite Jungfernfahrt. Und bestellen in der Abendsonne vier Gin Tonic.

«Westliches Mittelmeer» mit der MSC «Grandiosa».
8 Tage ab Genua, Civitavecchia/Rom, Neapel, Palermo Valletta, Genua
Innenkabine ab 549 Fr. p. P.
Balkonkabine ab 719 Fr. p. P.
Buchbar bei Cruise Center:
www.cruisecenter.ch