Reisen
Italiens Dörfer liegen wegen der Abwanderung im Sterben – ein Professor will sie mit einem neuen Konzept retten

Mehr als 7000 mittelalterliche Dörfer gibt es in Italien. Nicht wenige standen durch die Abwanderung kurz vor dem Ende. Doch ein kreatives Konzept haucht ihnen neues Leben ein. Im ligurischen Dorf Borgomaro sieht man die wundersame Verwandlung.

Sabine Neddermeyer (Text) und Anja Menzel (Fotos)
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Im Zuge der Belebung wird im Bergdorf eine Osteria eröffnet.

Im Zuge der Belebung wird im Bergdorf eine Osteria eröffnet.

Bild: Anja Menzel

Manchmal muss man die weitesten Wege antreten, damit man das Naheliegendste schätzt. Manchmal muss man nach England und dann nach Australien ziehen, um später bereit zu sein, ein Dorf zu revolutionieren. Und manchmal muss eine smarte Idee zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Person treffen. So, wie sie Elena Scalambrin getroffen hat. Die Italienerin ist dabei, das Dorf ihrer Grosseltern zu transformieren.

Elena Scalambrin belebt das Dorf ihrer Grosseltern.

Elena Scalambrin
belebt das Dorf ihrer Grosseltern.

Bild: Anja Menzel

Erste Eindrücke beim Ankommen im 300-Seelen-Dorf Borgomaro im bergigen Hinterland von Ligurien zeigen zunächst überhaupt nichts Revolutionäres. Im Gegenteil, ich erblicke nur wahnsinnig idyllisch wirkende Szenen: Eine junge Frau fegt meditativ die malerische Gasse vor ihrem Haus, auf der Bank vor dem Lebensmittelladen plaudern drei ältere Damen, gegenüber studiert ein älterer Herr zum Kaffee seine Tageszeitung.

Auf dem Platz vor dem Dorfladen spielen die Kinder Fussball, und die Alten treffen sich zum Schwatz.

Auf dem Platz vor dem Dorfladen spielen die Kinder Fussball, und die Alten treffen sich zum Schwatz.

Bild: Anja Menzel

Was man nicht sieht: Der Alltag der Einwohner solcher kleiner Bergdörfer ist oft alles andere als idyllisch. Senioren sind gezwungen, jede Woche viele Kilometer zu fahren, zum Beispiel, um zum Arzt zu gehen. Viele junge Leute ziehen weg, weil sie hier keine Zukunft haben.

So wie in Borgomaro leiden viele Dörfer unter der Abwanderung, die zum langsamen Aussterben der für uns zauberhaften Orte führt. Der Leerstand gehört für die Zurückgebliebenen längst dazu. Doch ein Ort, in dem gähnende Leere herrscht, ist für niemanden mehr lebenswert.

Ligurien ist authentisch – und nicht bloss «instagramable»

In Italiens drittkleinster Provinz sieht die Lage anders aus. Borgomaro ist 15 Kilometer von der Hafenstadt Im­peria entfernt. Der Küstenabschnitt zwischen Imperia und Ventimiglia nennt sich Riviera dei Fiori, Blumen­riviera. Die vielen kleinen Küsten­gemeinden sind wichtige Touristen­ziele – genauso, wie die Küstendörfer der Cinque Terre weltweit bekannt sind für ihre bunten Häuser und terrassenförmig an den Steilhängen angelegten Weinberge. Die Cinque Terre sind von Touristen überlaufen, Borgomaro ist es nicht.

In Zeiten, in denen die meisten Menschen auf der Suche nach dem beson­deren Etwas sind, geht es oft nur um die «most instagramable» Sehenswürdigkeit beziehungsweise um die meisten «Likes» auf dem Internet­portal Ins­ta­gram. Aber nicht allen. ­Andere wollen viel lieber das tun, ­worum es doch beim Reisen geht: mit den Lebenswelten von Einheimischen in Verbindung treten. Sie ahnen, dass in den kleinen, uralten Dörfern ein eigener Lebensstil steckt. Es geht um Authentizität.

Die Gassen sind die Hotelflure, der Dorfplatz die Lobby

Albergo Diffuso – zu Deutsch «verstreutes Hotel» – heisst das Konzept, das Borgomaro und weitere rund 80 Dörfer in Italien verwandelt hat. Es ist eine schlaue und charmante Art, Tourismus nachhaltig zu machen: Das ganze Dorf gehört dabei zum Hotel.

Vorhandene, aber ungenutzte Gebäude werden wie ein horizontal im ganzen Ort ausgebreitetes Gasthaus genutzt – Gassen und Plätze des Dorfes sind die Hotelflure. So wird die Trennung von Dorfgemeinschaft und Touristen aufgehoben.

Der Initiator Giancarlo Dall’Ara nennt das «Ferien für Touristen, die keine sein wollen». Erstmalig entstand es für Carnia, die bergige Gegend in der Region Friaul-Julisch Venetien im Nordosten Italiens. Es ging darum, nach dem grossen Erdbeben 1976 zerstörte und wiederaufgebaute Häuser für touristische Zwecke zu nutzen. Damit sollte die Abwanderung gestoppt werden, denn die meisten Bewohner waren mittlerweile in umliegende Städte gezogen.

Der heutige Professor Giancarlo Dall’Ara hatte als touristischer Berater und Hotelmanager damals die Idee, das Miteinander von Touristen und Einheimischen im Alltag zu etablieren statt wie üblich zu trennen.

Erlebnistourismus würde man es heute nennen: Das ganze Dorf wird zur Unterkunft, die Gäste werden Teil des Dorf­lebens. Dall’Ara sagte einmal in einem Interview, dass er sich ein Albergo Diffuso vorstelle wie einen Roman, der die Geschichte einer Kultur erzähle. Die Gäste würden vorübergehend in die Geschichte hineingezogen, damit sie die Lebensweise besser verstehen können.

Zugebaut wurde nichts, Zerfallenes aber in Stand gesetzt.

Zugebaut wurde nichts, Zerfallenes aber in Stand gesetzt.

Bild: Anja Menzel

Grossartige Chance für kleine Dörfer

In Imperia geboren, in England studiert, in Australien gelebt, in Mailand in Marketing und Kommunikation ­tätig, war im Jahr 2008 der Moment gekom­men, in dem für Elena Scalambrin alle Puzzleteile zusammenpassten: Ihr wurde klar, dass Dall’Aras Konzept die Lösung für das Dorf ihrer Grosseltern ist.

Als Kind hatte sie im Bergdorf Borgomaro die Ferien verbracht. Hier war ihre Mutter geboren und aufgewachsen. Elenas Grossvater war lange tot, und das Haus ihrer Grossmutter stand in den Jahren 2005 bis 2012 leer und war, mit zerstörtem Dach, in einem schlechten Zustand. Gemeinsam mit ihrer Familie gründete sie ihr Albergo Diffuso, das Relais del Maro. Neu gebaut wurde nichts, nur Bestehendes renoviert.

Als zentrale Anlaufstelle fungiert das Haupthaus Casa Madre aus dem frühen 19. Jahrhundert, in dem sich einst eine Metzgerei befand. Die 14 Zimmer von Elena Scalambrins Albergo Diffuso sind in drei Locations zu finden: im Casa Madre und in zwei nahe gelegenen historischen Häusern, Casa nel Borgo und Casa del Fienile.

Gemütliche Zimmer der Casa del Fienile in einer antiken Scheune.

Gemütliche Zimmer der Casa del Fienile in einer antiken Scheune.

Bild: Anja Menzel

Letzteres ist das Gebäude mit der ältesten Geschichte: Bereits im 14. Jahrhundert wurde hier Hanf zu Seilen verar­beitet. Zwei Zimmer in diesem Haus spiegeln mehr als alle anderen Räume den Kern des Dorfes: typische Gewölbedecken und liebevolle Ausstattung.

Einkaufen kann man direkt bei den Herstellern

Die Erfolge für das Dorf zeigen sich im borgomarischen Netzwerk: Es wächst. Gäste machen Privat- oder Gruppen-Yoga mit Aimée im neuen Heilgarten des Dorfes, kaufen bei lokalen Produzenten ein, beispielsweise Brunas köstliches Brot in der Panetteria Gandolfo, Olivenöl aus einer der traditionellen Ölmühlen und Ziegenkäse aus den Manufakturen Corsio di Arroscia und Mendatica.

Kürzlich entschieden sich zwei junge Leute dazu, im Dorf eine Osteria zu eröffnen. Ich für meinen Teil hatte das unvergessliche Vergnügen, mich in der Hotelküche mit der Senior-Hotelbesitzerin zum Kuchenbacken zu treffen – eine einzigartige Form der Gastfreundschaft. Solche faszinierenden Momente gibt es in jedem Albergo Diffuso. In den kleinen Dörfern abseits der Touristenströme lebt man für ein paar Tage lang das Leben wie vor 50, 60 Jahren. Eine Reise in die Vergangenheit? Das geht hier ganz einfach.

Alberghi Diffusi gibt es viele

In Italien gibt es mehr als 80 Alberghi Diffusi, die dem Nationalverband der Alberghi Diffusi ADI angehören. Der Verband schützt die Marke Albergo Diffuso und gibt Standards vor. Weitere sind zu finden auf: https://www.alberghidiffusi.it. Die Preise sind stark saisonabhängig.

Das im Artikel beschriebene Albergo Diffuso Relais del Maro liegt ganz in der Nähe von Imperia. Adresse: Via Ambrogio Guglieri, 1, 18021 Borgomaro,

https://relaisdelmaro.it/de/ Tel. +39 0183 54350