Einst bedeckte ein Meer die Schweiz – auf diesen Bergtouren sehen Wanderer die Spuren noch heute

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Einst bedeckte ein Meer die Schweiz – auf diesen Bergtouren sehen Wanderer die Spuren noch heute

Bild: Shutterstock

Auf Karst zu wandern, ist ein spezielles Erlebnis, das Ausdauer, Trittsicherheit braucht – und Überraschungen bereithält.

Silvia Schaub
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Schon manches Mal sind wir im Winter mit den Ski die Pisten bei den Churfirsten hinuntergebrettert. Was für eine bizarre Welt unter der Ostabfahrt vom Chäserrugg nach Iltios steckt, eröffnet sich einem jedoch erst im Sommer. Zwischen Chäserrugg und Gamserrugg befindet sich nämlich das Karrenfeld der Plisa.

Das kleine Tal im Toggenburg auf rund 1700 bis 1900 Metern über Meer ist nicht nur für Wanderinnen und Wanderer ein spannendes Gebiet, sondern auch für Geologinnen und Hydrologen, gilt es doch mit seiner Karstlandschaft als Geotop von nationaler Bedeutung.

«Nehmen Sie sich doppelt so viel Zeit, wie auf dem Wanderwegweiser angegeben ist», gibt uns Hansjakob Schäppi mit auf den Weg. Der Geologe aus Wil SG hat den Geologischen Rundweg um den Gamserrugg eingerichtet.

«In diesem Gebiet kann man die Erdgeschichte wunderbar erkunden.»

Wir nehmen von Unterwasser ­zuerst die Iltios-Bahn und anschliessend die Luftseilbahn hinauf auf den Chäserrugg, um uns den steilen Aufstieg zu sparen. Als Alternative bietet sich ab Wildhaus die Sesselbahn auf die Gams­alp an.

Bevor wir unsere Wanderung in Angriff nehmen, gehen wir gleich bei der Bergstation ein Stück Richtung Rosenböden. Allein schon der Rundblick gibt uns einen ersten Eindruck von der besonderen Geologie im Säntis-Churfirsten-Gebiet. Da erblickt man Aufschichtungen und Brüche, Faltungen und Decken aus der Kreidezeit vor 140 bis 65 Millionen Jahren. «Nirgendwo sieht man das besser als hier, weil es sich um eine Randkette der Alpen handelt», erklärt Schäppi. Kaum vorzustellen, dass während der Bildung des Schrattenkalks ein weites, seichtes Meer das Toggenburg bedeckte.

Blick von der Plisa in Richtung Säntis und Alpstein.

Blick von der Plisa in Richtung Säntis und Alpstein.

Bild: Silvia Schaub

Einige Brocken sehen aus wie Fabelwesen

Karstlandschaften gibt es freilich nicht nur hier. Karst nimmt etwa einen Fünftel der Landesfläche der Schweiz ein. Die grössten Gebiete liegen in den Voralpen und Alpen. Auch das gesamte Juragebirge ist ein Karstgebiet, nur spricht man dort von bedecktem Karst, weil nur selten grosse Kalksteinflächen sichtbar sind.

In den alpinen Gebieten nennt man es hingegen nackten oder offenen Karst. Der Begriff Karst stammt von der Region Kras, die nahe Triest im Grenzgebiet von Italien und Slowenien liegt. Weil Kalk ein gut lösliches Gestein ist, wird es vom Regen- und Schmelzwasser zersetzt und modelliert so die Landschaft zu den typischen Karstformen.

Diese sehen wir schon bald. Von der Chäserrugg-Station geht es ein Stück über Weiden, bis sich der Weg trennt und wir Richtung Sattel ins Karstgebiet einsteigen. Der steinige Bergwanderweg erfordert etwas Trittsicherheit, ist ansonsten mit guten Wanderschuhen aber problemlos begehbar.

Dennoch ist man gut beraten, die Augen stets auf den Weg zu richten. Schon bald wissen wir, weshalb uns Geologe Schäppi geraten hat, viel Zeit einzuplanen. Denn wir kommen nicht umhin, immer wieder anzuhalten und die eindrücklichen Formen des Karstes – auch Schratten genannt – zu bewundern.

Wie ein Gletscher aus Stein liegt er vor uns. Manche Brocken sehen aus wie Fabelwesen, andere zeigen deutliche Versteinerungen. Zum Glück schauen wir auch einmal hoch zur Felswand gegen den Rosenböden. Und was sehen wir da? Ein Dutzend Steinböcke fläzt sich in aller Ruhe in der Sonne. Bald schon sind wir auf der Ebene der ­Garschella, die der Gesteinsformation den Namen gegeben hat. Bis zum Sattel wandert man hier auf einer Weide durch Kuhherden und vorbei an kleinen Seelein.

Wer Glück hat, sieht auf der Wanderung auch Steinböcke.

Wer Glück hat, sieht auf der Wanderung auch Steinböcke.

Bild: zvg

Dann kreuzen wir beim Sattel den Geologischen Rundweg Gamserrugg, wo man sich an zwölf Posten über das Gebiet und seine Geologie sowie Biologie informieren kann.

Nun führt der Weg über die zerklüftete Karstlandschaft hinunter zur Alp Plisa, ohne dass man grosse Spalten überqueren muss. Blickt man jedoch ein paar Meter neben den Weg, sieht man, wie tief manche Spalten sind. Hier hat sich das Regenwasser regelrecht durchgefressen. Auch riesige Löcher oder Dolinen treffen wir an.

Und wo Karst entsteht, bilden sich auch Höhlen. Über hundert sind vorhanden, die längste ist über zwei Kilometer lang und 369 Meter tief. Kein Wunder, dass sich gerade in diesem regenreichen Gebiet die Verkarstung besonders gut entwickeln konnte. Wo aber fliesst all das Wasser hin? Hansjakob Schäppi erklärt es: «Das ganze Gebiet entwässert sich in der Rinquelle bei Betlis am Walensee.»

Inzwischen haben wir die Alp Plisa verlassen, wo manche Karren fast wie eine Arena in der Landschaft ­liegen, und steuern Iltios an. Auf dem Weg nach Hinterrisi wandern wir durch ein Trockental und kommen immer wieder an aussergewöhnlichen Karren vorbei. Wenn man sich achtet, sieht man Phosphatknollen, die wie ein Drachen­auge aussehen, und versteinerte Seeigel, Austernschalen und Schneckengehäuse. Schliesslich wandern wir sozusagen auf dem Meeres­boden.

Wanderzeit ab Chäserrugg oder Gamsalp nach Iltios: 2¼ bis 3 Std.

Auch diese Karstgebiete laden zum Wandern ein

Schrattenfluh Sörenberg LU

Wanderzeit ab Salwideli via Hengst und Schibegütsch nach Salwideli: 5½ Std.

Wanderzeit ab Salwideli via Hengst und Schibegütsch nach Salwideli: 5½ Std.

Bilder: swiss-image.ch, Shutterstock, zvg

Schon von weitem erkennt man die Karren der Schrattenfluh. Bis man sie erreicht, braucht es aber etwas Ausdauer. Am einfachsten ist der Berg von Salwideli bei Sörenberg aus zu erwandern. Vorbei an der Alp Schlund und der Alp Silwänge, geht es dann steil bergauf in die zerklüfteten Karrenfelder, bis man den Hengst, den höchsten Punkt der Schrattenfluh, erreicht. Danach führt der Bergwanderweg auf dem Grat zum Schibegütsch, wo man den Abstieg nach Salwideli in Angriff nimmt.

Gryden Lenk BE

Wanderzeit ab Bergstation Lenk Betelberg über Steinstoss–Stübleni–Gryden und zurück: rund 2½ Std.

Wanderzeit ab Bergstation Lenk Betelberg über Steinstoss–Stübleni–Gryden und zurück: rund 2½ Std.

Bilder: swiss-image.ch, Shutterstock, zvg

Von der Bergstation Betelberg auf der Lenk führt der Bergwanderweg erst Richtung Alp Steinstoss, wo sich ein wunderbarer Ausblick auf einen der schönsten Talabschlüsse der Alpen bietet. Dann erfolgt ein kurzer, steiler Anstieg über die Kalksteinformation Stüb­leni, und schon erblickt man die kraterartige, bizarre Gesteinslandschaft Gryden, die sich an der Nordseite befindet. Auf gleichem Weg geht es wieder zurück.

Silberen Pragelpass SZ

Wanderzeit ab Pragelpass zur Silberen und zurück: rund 5½ Std.

Wanderzeit ab Pragelpass zur Silberen und zurück: rund 5½ Std.

Bilder: swiss-image.ch, Shutterstock, zvg

Das grösste Karrenfeld der Schweiz findet man im Gebiet Silberen. Die Rundwanderung startet auf dem Pragelpass, der das Muotatal mit dem Klöntal verbindet. Via Alp Butzen erreicht man schon bald das Karstgebiet. Vom Hochplateau geht es weiter zur Vorder Silberen­alp, wo man den Klöntalersee zu seinen Füssen hat. Via Alpeli und Schönenbühl gelangt man zurück zum Ausgangspunkt am Pragelpass. Genau darunter befindet sich das Hölloch, eine der längsten Höhlen der Welt.

Tsanfleuron Sanetschpass VS

Wanderzeit von Tsanfleuron auf den Sanetschpass: rund 3½ Std.

Wanderzeit von Tsanfleuron auf den Sanetschpass: rund 3½ Std.

Bilder: swiss-image.ch, Shutterstock, zvg

Lapis de Tsanfleuron nennt sich das Gebiet westlich des Sanetschpasses. Eindrücklich sind hier die vom Gletscher geschliffenen Karrenfelder, die sich kilometerweit zur Diablerets hin erstrecken. Von Sion aus erreicht man den Weiler Tsanfleuron mit dem Postauto und wandert anschliessend Richtung Gletscher bis zur Prarochet-Hütte, die im Sommer bewirtet ist. Auf der Nordseite führt der Weg an der Lapis de Tsanfleuron vorbei zum Sanetschpass.

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