Reisen
Die griechische Insel Andros ist zum Wanderparadies geworden – dank einer cleveren Idee einer Zugezogenen

Auf der griechischen Insel Andros lässt es sich wunderbar wandern. Freiwillige haben sie erschlossen, indem sie sich als Patinnen und Paten um einzelne Wege kümmern. Dadurch ist ein Wandernetz von mehr als 200 Kilometern entstanden.

Text und Bilder: Sascha Rettig
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Andros ist zwar die zweitgrösste Insel der Kykladen, aber ein Geheimtipp geblieben.

Andros ist zwar die zweitgrösste Insel der Kykladen, aber ein Geheimtipp geblieben.

Sascha Rettig

Plötzlich läuft ein Wanderer mehr mit. Auf zwei Beinen ist er nicht unterwegs, dafür auf vier Pfoten, mit sichtbarem Enthusiasmus und seitlich heraushängender Zunge. Letzteres ist wahrscheinlich nicht nur so, weil es heute ziemlich warm ist auf Andros, sondern auch, weil der kleine Kerl etwas wurstig und prall ist. Kurzerhand wird er daher Nikos Sausage getauft, Nikos Wurst.

Unerwartete Begleitung: Aber auch auf vier Pfoten sind gewisse Abschnitte anstrengend.

Unerwartete Begleitung: Aber auch auf vier Pfoten sind gewisse Abschnitte anstrengend.

Sascha Rettig

Ahnungslos darüber begleitet er die Wandergruppe zu den Überresten von Paleopolis, der antiken, ersten Hauptstadt der griechischen Insel. Es ist einer von rund 20 Wanderwegen, die eifrige Freiwillige im Rahmen der Initiative «Andros Routes» teilweise auf alten Eselspfaden angelegt haben.

«Andros Routes» geht auf die Idee von Olga Karayiannis zurück. Die Griechin zog vor fast 20 Jahren auf die Insel zurück und arbeitete damals an ihrer Promotion in nachhaltigem Tourismus. Ausserdem gründete sie mit zwei Freunden 2009 das «Andros Research Center», das sich mit Ideen zu Nachhaltigkeit und zum Schutz von Insel­natur und -kultur beschäftigte. Nur ein Jahr später ging daraus die Initiative «Andros Routes» hervor. Das Ziel: ­Andros ganz nachhaltig zur Wanderinsel zu machen.

Seitdem konnte Karayiannis ein Team unterschiedlichster «Route Angels» aus Insulanern und Zugezogenen dafür begeistern, die Patenschaft von einem oder sogar mehreren Pfaden zu übernehmen. Die Wander- und Insel-Enthusiasten sorgen ehrenamtlich und mit viel Einsatz dafür, dass die Wanderwege gut gepflegt und verlässlich ausgeschildert sind.

Rund 200 Kilometer umfasst dieses als «Leading Quality Trails – Best of Europe» zertifizierte und bestens ausgeschilderte Wegnetz inzwischen. Es überzieht die landschaftlich abwechslungsreiche Insel und macht sie zu einem Wanderparadies in der Ägäis. Die Routen führen beispielsweise zum Strand mit den Überresten der Antike, zu alten Steinbrücken, einer Klosterburg und zahlreichen anderen historischen Spuren, auch aus der Zeit, als die Venezianer auf Andros waren.

Auf den Wanderrouten lassen sich historische Spuren der Insel und abgelegene Gebiete erkunden.

Auf den Wanderrouten lassen sich historische Spuren der Insel und abgelegene Gebiete erkunden.

Sascha Rettig

Und sie gehen über Berge, zu Wasserfällen, landwirtschaftlich geprägten Gegenden und zerklüfteten Steilküsten. Das Besondere: Jeder Weg hat mindestens einen Paten oder eine Patin, sogenannte Route Angels, und ein paar von ­ihnen begleiten uns auf den Wanderungen auch.

Schöne Strände ohne Massentourismus

Andros ist die zweitgrösste Insel der ­Kykladen. Den Fähranleger von Gavrios erreicht man in ein, zwei Stunden mit der Fähre vom Hafen Rafina auf dem Festland. Trotzdem ist sie bis heute eher unbekannt, ein Geheimtipp, ­geblieben. Einen Massentourismus wie auf anderen Kykladeninseln wie Mykonos oder Santorini gibt es an den vielen schönen Stränden nicht. Auf den Wanderungen muss man die Insel­landschaft daher luxuriöserweise meist nur mit wenigen anderen Urlaubern teilen – oder ganz unerwartet mit einem Hund.

Auf den Wanderungen bleibt man meistens unter sich. Der Massentourismus ist auf Andros noch nicht angekommen.

Auf den Wanderungen bleibt man meistens unter sich. Der Massentourismus ist auf Andros noch nicht angekommen.

Sascha Rettig

Auch auf dem Weg zum Strand von Paleopolis sind keine anderen Menschen unterwegs. Es meckern lediglich ein paar Ziegen. Ein Hahn kräht unermüdlich, während man über die Bucht, die alten Landwirtschafts­terrassen und auf das Tiefblau der Ägäis blickt.

Sascha Rettig

Vorneweg läuft «Route Angel» Tzeni Kollia, die ihren Weg vorstellt, und erzählt: Dass sie der Liebe wegen auf Andros gelandet ist. Und dass sie als studierte Luftfahrt-Ingenieurin jetzt als Lehrerin und Hochzeitsplanerin arbeitet – und nebenbei eben wander­engagiert ist. An einer kleinen Quelle mit kaltem Bergwasser bleibt sie kurz stehen – Zeit für eine Erfrischung mit klarem Bergwasser. Auch Nikos Sausage planscht kurz und ist bereit für die letzten Meter bis zum menschenleeren Strand.

«Paleopoli war die erste Stadt und einstige Hauptstadt der Insel», erklärt Tzeni, als das Grüppchen am Strand ankommt. «Gegründet wurde sie im 6. oder 7. Jahrhundert vor Christus.» Durch ein starkes Beben versank sie im 4. Jahrhundert nach Christus im Meer und liegt seitdem nicht weit vor der Küste. Zu sehen ist davon dementsprechend kaum etwas, höchstens ein paar Steine, die etwas aus dem Wasser ragen.

Man müsste schnorcheln oder tauchen, um die Überreste tiefer zu erforschen. Nikos Sausage ist das ohnehin egal. Er lässt sich kurz ins Wasser plumpsen, bevor er sich dem Rückweg anschliesst und sich über Stufen und schmale Pfade auf der anderen Seite der Bucht wieder zum Ausgangspunkt hocharbeitet, bevor er so schnell verschwindet, wie er aufgetaucht ist.

Für die nächste Wandertour, diesmal im Norden der Insel, treffen wir Yannis Tridimas. Der drahtige, sportliche Grieche lebte seit den frühen 70er-Jahren in England, wo er auch seine ­britische Frau traf, mit der er über 50 Jahre verheiratet ist. Vor zwei Jahren aber zog es ihn wieder zurück auf seine Heimatinsel. «Als ich ein Kind war, gab es hier viele Schafe, Weizen- und Hafer­felder», erinnert sich der 77-Jährige, als wir auf seinem «Wanderweg 14» loslaufen.

Yannis Tridimas war einer der ersten Freiwilligen, die in mühseliger Handarbeit die Wege freilegten.

Yannis Tridimas war einer der ersten Freiwilligen, die in mühseliger Handarbeit die Wege freilegten.

Sascha Rettig

Rund um uns ist die felsige Landschaft grösstenteils mit Gräsern und Büschen grün zugewachsen. Rosafarbene Blumen setzen Farbtupfer. Im Hintergrund baut sich das Profits-­Elias-Gebirge auf. Das Ziel aber liegt unten: das Tal Ano Gavrio, das so dicht bewachsen ist, dass die Bäume für einen angenehmen Schatten an diesem fast vergessenen Ort sorgen.

Heute lebt nur noch eine Handvoll Menschen in der Gegend. Früher war das anders. Damals waren mehr als 20 Wassermühlen in Betrieb, von denen mittlerweile nur noch Ruinen stehen. Trotz seines Alters ist Yannis flink und wendig und klettert fast wie ein junger Mann über die Gebäudereste, über deren Vergangenheit er genauso viel ­erzählen kann wie über das damalige Leben auf der Insel. Immer wieder findet der frühere Ingenieur auch Details zu den Mühlen, über die er enthusiastisch berichtet.

In Yannis’ Fall ist der Weg wegen seiner persönlichen Verbindung etwas Besonderes für ihn. Hier lief er schon als Achtjähriger mit seinem Esel auf den Pfaden hin und her, Jahrzehnte ­bevor sie als Wanderwege ausgewiesen wurden. Jahre später gehörte er zu den ersten Mitgliedern von «Andros Routes» und fing meist in mühevoller Handarbeit damit an, den Weg frei- und anzulegen.

Knorrige Olivenbäume und weiss getünchte Würfelhäuschen

Anders als im menschenleeren Mühlental lernt man bei den Wandererkundungen am anderen Ende der Insel, im Südosten, eine andere Seite des Eilands kennen: den Inselalltag. Dort liegt die Hauptstadt Chora mit einer gemütlichen Altstadt mit den ­typisch weiss getünchten Würfel­häuschen auf einer Landzunge. Chora ist auch ein guter Ausgangspunkt beispielsweise für Wanderungen zum ­Hafenort Ormos Korthiou oder zum Dorf Menites mit seinen zahlreichen Quellen und Brunnen, das an einem Berghang gebaut wurde.

Sascha Rettig

Ein einfacher Rundweg führt zudem durch vier kleine Ortschaften. «Die Steinbrücke hier stammt aus dem 17. Jahrhundert», sagt Gerard Kramer, der diesmal als Begleitung von «Andros Routes» dabei ist. Danach führt die Wanderung mit dem Holländer entlang von Feldern und Gärten. Bambus klappert in der leichten Brise. Feigen wachsen genauso wie Orangen und Kapern. Knorrige Olivenhaine wechseln sich ab mit Zypressen und Bäumen voller Zitronen, die einst ein Exportschlager der Insel waren.

«Das ist eine der flachen Gegenden auf der Insel und daher geeignet für Landwirtschaft», sagt der «Route Angel», der passionierter Wanderer ist und schon mal den Jakobsweg lief. Vor fünf Jahren liess er sein altes Leben hinter sich. Nach einem Wanderurlaub auf Andros zog er zunächst teilweise, schliesslich ganz auf die Insel.

«Das Andros-Virus hat mich damals voll erwischt», schwärmt der 66-jährige ehemalige Versicherungsmakler. «Die Schönheit der Insel und dazu noch all die Wandermöglichkeiten – es fühlte sich an wie das Puzzleteil für mein Leben, nach dem ich lange gesucht hatte.» Nachdem man die Insel auf den Wanderungen kennen gelernt hat, weiss man, warum.

Gut zu wissen

Anreise
Die Insel Andros ist vom Hafen Rafina bei Athen in rund zwei Stunden mit der Fähre erreichbar.

Beste Reisezeit
Mai bis Oktober, wobei es im Juli und August sehr warm werden kann.

Übernachten
Nahe der Innenstadt von Chora liegt das hübsche Hotel «Anemomiloi Andros». Eine einfache Unterkunft im Urlaubsort Batsi ist «Karanassos».

Wandern
Wanderkarten und Infos auf Deutsch gibts unter www.androsroutes.gr/de. Weitere Informationen über die Insel gibt es unter www.andros.gr/de.