Dem Olymp so nah: Auf dem Peloponnes wird die griechische Antike lebendig

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Dem Olymp so nah: Auf dem Peloponnes wird die griechische Antike lebendig

Fast kann man sich vorstellen, wie die Athleten der Antike durchs Stadion von Olympia sprinteten. Fast kann man sich vorstellen, wie Pilger zum Orakel von Delphi strömten. Auf dem Peloponnes sind Ruinen der alten Griechen allgegenwärtig. Eine Reise durch die Halbinsel – und in die Antike.

Text und Bilder: David Grob
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Wenn die Sonne langsam über Griechenland untergeht, dann nimmt der Himmel die Farbe von Olivenöl an: golden und etwas trüb. Es ist ein warmer Abend in Delphi, ein bisschen Sommer im Herbst nach einem Sommer in der Schweiz, der keiner war. Zehn Tage Peloponnes, zehn Tage griechische Antike.

Ich sitze in einer griechischen Taverne, in der Ferne glitzert der Golf von Korinth, und ich überlege mir, was ich eigentlich von Griechenland weiss: Klar, da sind die klingenden Namen der blühenden Antike: Delphi, Olympia, die Akropolis von Athen. Klar, da war die Eurokrise vor rund zehn Jahren, der drohende Grexit, Varoufakis. Aber eine konkrete Vorstellung von Griechenland, wie es aussieht, wie es riecht, wie es ist, habe ich nicht. Das Bild, das ich im Kopf habe, ist das, was einem Google, Reisekataloge und der Europapark versprechen: weiss getünchte Häuser vor tiefblauem Meer.

Der Golf von Korinth und die Bergketten des Peloponnes im Dunst.

Der Golf von Korinth und die Bergketten des Peloponnes im Dunst.

Das Orakel von Delphi: Tempelanlage, Kultstätte, Geschäft

Am nächsten Morgen, obschon noch nicht mal zehn Uhr, brennt die Sonne auf die nackten Steine des Orakels von Delphi, als ob es Hochsommer wäre. Der Schatten ist spärlich, es gibt nur wenige Bäume am Hang des Parnass-Gebirgszuges. Das Orakel von Delphi, das ist nicht einfach ein Gebäude oder ein Tempel, es ist eine eigentliche Anlage, eine antike Kultstätte, bestehend aus diversen Tempeln, Schatzhäusern, einem antiken Theater. Und lange war es auch ein Geschäft: Die Menschen pilgerten nach Delphi, übernachteten in Zelten vor der Anlage, spendeten den Priestern Opfertiere und Geld. Rund 800 Jahre lang, vom 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis ins Jahr 391.

Von Delphi, gegenüber des Peloponnes liegt, sieht man die Bergketten der Halbinsel. Sie ist der südlichste Zipfel Griechenlands und trennt die Ägäis im Osten vom Ionischen Meer im Westen. Rund eine Million Menschen leben auf einer Fläche, die knapp halb so gross ist wie die Schweiz. Ein ländliches Gebiet, dünn besiedelt mit vielen Dörfern und einigen Kleinstädten, Landwirtschaft dominiert. Einzig Patras im Nordosten, drittgrösste Stadt Griechenlands, fällt mit über 200'000 Einwohnern aus dem Schema. Im Süden ragen drei Halbinseln wie dürre Finger ins Mittelmeer, im Innern türmen sich Berge auf fast 2400 Meter über Meer in die Höhe.

Und überall: Olivenbäume. Sie bilden die Kulisse der Reise über die Halbinsel. Mattsilber und immergrün glänzen die Haine in der Sonne und heben sich von den kargen Hängen ab. Manche Bäume sind 500, 600, 700 Jahre alt und haben Herrscher sterben und Reiche fallen sehen.

Eine ionische Säule, zu erkennen an dem «Schneckenhaus» als Abschluss.

Eine ionische Säule, zu erkennen an dem «Schneckenhaus» als Abschluss.

Olympia: Spiele zu Ehren der Götter – über 1000 Jahre lang

Älter als die knorrigen Bäume sind hier nur die zahlreichen Säulen, die sich übers Gelände von Olympia verteilen. Dorische, ionische, korinthische. Wir besichtigen Olympia, einst Tempelanlage, die dem griechischen Göttervater Zeus gewidmet war. Hier wurden während über 1000 Jahren Spiele zu Ehren der Götter durchgeführt. Und während man so durch die Ruinen schreitet, die filigranen Mosaikbilder bestaunt, die mächtigen Säulen betrachtet, stellt man sich die Bauten in ihrer Blütezeit vor über 2400 Jahren vor: Der 20 Meter hohe Zeustempel im Sonnenlicht, die 13 Meter hohe Zeusstatue des Phidias aus Elfenbein und Goldplatten in ihrem Innern, eines der sieben antiken Weltwunder – längst aber zerstört. Dann steht man im über 200 Meter langen Stadion und versucht sich die Atmosphäre vorzustellen: 45'000 Zuschauer, welche die nackten Athleten beim Laufwettbewerb anfeuern.

Ein Tempel der römischen Stadt Korinth vor der venezianischen Festung auf dem Tafelberg.

Ein Tempel der römischen Stadt Korinth vor der venezianischen Festung auf dem Tafelberg.

Die Geschichte, eingeschrieben im Raum

«Im Raume lesen wir die Zeit», schreibt der Historiker Karl Schlögel. Und die Zeit, sie hat sich auf dem Peloponnes vielgestaltig eingeschrieben. Dort lässt sich nicht nur die griechische Antike, sondern die Geschichte des Mittelmeerraumes lesen.

Nirgendwo zeigt sich dies besser als im antiken Korinth, rund 70 Kilometer von Athen entfernt. Die griechische Stadt wurde einst von den Römern zerstört und dann hundert Jahre später durch Julius Cäsar auf ihren Ruinen neu errichtet. Was heute besichtigt werden kann, sind die Relikte der römischen Siedlung. Freigelegt ist indes nur ein Bruchteil, die meisten zerfallenen Gebäude bleiben verborgen im Erdreich unter modernen Siedlungen.

Zwischen den heutigen Wohnhäusern finden sich auch zahlreiche Bauruinen, zehn Jahre alt und jünger, entstanden, als die Eurokrise Griechenland 2010 mit voller Wucht getroffen hat. Banken konnten die Baukredite nicht mehr zahlen, Baustellen verwaisten, die nackten Mauern blieben.

Auf einem Tafelberg im Südwesten befindet sich Akrokorinth, einst die Akropolis, der höchste Punkt und Zufluchtsort einer jeden antiken griechischen Stadt, später byzantinische und venezianische Festung.

Und dann ist da noch der Kanal von Korinth, der sich nicht nur im Raum eingeschrieben, sondern im wahrsten Sinne des Wortes 80 Meter in den Boden eingegraben hat. Von 1881 bis 1893 bauten die Briten den sechs Kilometer langen Kanal, der die Ägäis mit dem Golf von Korinth verbindet, wodurch Transportschiffe nicht mehr den ganzen Peloponnes umfahren müssen. Damit wurden Pläne verwirklicht, die bereits in der Antike bestanden. Damals wurden die Schiffe auf Holzkarren gezogen und auf einem Pflasterweg übers Land transportiert.

Der Kanal von Korinth ist rund 6 Kilometer lang und 80 Meter tief.

Der Kanal von Korinth ist rund 6 Kilometer lang und 80 Meter tief.

Die Archäologie zwischen Wissenschaft und kolonialer Aneignung

Die Briten, auch sie haben sich im Raum eingeschrieben, ihn freigelegt und teilweise beraubt. Die Geschichte Griechenlands ist auch die ambivalente Geschichte ihrer archäologischen Freilegung und Ausschlachtung. Als sich im 19. Jahrhundert die europäischen Grossmächte im Zuge ihrer imperialistischen Allmachtsfantasien die Welt aneigneten, gerieten auch die wiederentdeckten Stätten der Antike in ihren Fokus: Die Briten unter Lord Elgin transportierten Skulpturen und Kunstschätze aus der Akropolis in Athen ab, die Franzosen legten das verschüttete Delphi frei, die Deutschen Olympia.

Viele der Kulturdenkmäler stehen denn auch nicht mehr in Griechenland, sondern in London. Nirgendwo zeigt sich dies besser als im Akropolismuseum in Athen, das wir am zweitletzten Tag besuchen. Der grösste Raum des Museums, der Parthenonsaal, ist eine Spiegelung des einige hundert Meter entfernten Parthenontempels auf dem Akropolishügel in Originalgrösse.

Steinfriese, die Szenen der griechischen Mythologie darstellen, sind an der Wand an jenen Stellen befestigt, an denen sie sich am Tempel befanden. Und dazwischen befinden sich zahlreiche dunkle Gipsabdrücke – die Originale sind im British Museum in London. Die Frage der Raubkunst ist auch in Griechenland ein Politikum. «Die Friese und Skulpturen in London sind beste Werbung für Griechenland im Ausland», meint die Reiseleitung lakonisch.

Griechenland ist mehr als seine Klischees

Wie ist denn Griechenland nun, frage ich mich am letzten Tag in einem Café im linksalternativen Athener Viertel Exarchia, vor mir ein griechischer Kaffee, dickflüssig und dunkel wie Erdöl. Die Antike, sie ist omnipräsent. Die Eurokrise in Form der Bauruinen ebenfalls. Varoufakis nicht. Weiss getünchte Häuser vor der blauen Ägäis ebenfalls nicht. Dieses Griechenland der kollektiven Vorstellung ist geprägt von seinen Inseln: Mykonos, Santorin und Kreta.

Nur einmal, bei einem Besuch eines kleinen Dorfes aus Steinhäusern und engen Gassen, wurde dieses Klischee ein Stück weit erfüllt. «So habe ich mir Griechenland vorgestellt», sagte ein Mitglied der Reisegruppe, als wir durch die Strassen schlenderten. Er wirkte beinahe ein wenig enttäuscht. Das Griechenland seiner Vorstellung deckte sich nicht mit dem realen Griechenland auf dem Peloponnes.

Griechenland, eine Enttäuschung? Nein. Griechenland, eine Erleuchtung.

Gut zu wissen

Beste Reisezeit für Griechenland und damit auch für den Peloponnes ist im Frühling und Herbst (April bis Juni, September bis Oktober).

Anreise: Die Swiss fliegt zweimal täglich von Zürich nach Athen. Von hier ist die Weiterreise per Mietauto, Inlandflug, Bus oder je nach Destination auch Zug möglich. 

Highlights: Nebst Baudenkmälern aus der griechischen Antike bietet der Peloponnes auch viel landschaftliche Schönheit, romantische Küstenstädtchen und viel Kulinarik. Olivenölmanufakturen, Ouzo-Destillerien oder Weingüter können besichtigt werden, die Halbinsel Mani im Süden lockt mit karger Schönheit und die venezianische Küstenstadt Nafplio verströmt Italianità.

Die Reise wurde durch Vögele Reisen ermöglicht. Der Veranstalter bietet geführte Rundreisen (10 Tage) über die Halbinsel an. (dar)

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