Rein oder nicht rein

«Wir im Finale» hiess es am Freitagabend im Theater St. Gallen. Das Heimteam unter Martin Schulze erkämpfte sich nach unterhaltendem, manchmal etwas zähem Spiel einen umjubelten 3:2-Erfolg.

Peter Surber
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Die Fussballgemeinde: Perkmann, Albold, Spühler, Schäfer, Hettkamp, Haller, Benda, Steck und Horvath (von links). (Bild: Sam Thomas)

Die Fussballgemeinde: Perkmann, Albold, Spühler, Schäfer, Hettkamp, Haller, Benda, Steck und Horvath (von links). (Bild: Sam Thomas)

Das knappe Resultat täuscht – im nicht ganz ausverkauften Theater hatte die St. Galler Elf das Publikum fast von Beginn weg auf ihrer Seite und kontrollierte das Bühnengeschehen nach Belieben. Grundlage für den Erfolg waren einmal mehr die kompakte Mannschaftsleistung und einige individuelle Exploits: Hannes Perkmanns formidable Defensivarbeit, Nikolaus Benda mit seinen Rushes, Marcus Schäfer, trotz Nonchalance ein sicherer Wert, vor allem aber Matchwinner Romeo Meyer, der das Spiel immer wieder aufriss und seine bisher beste Partie lieferte.

Trainer Martin Schulze und Coach Jens Lampater hatten das spielfreudige Team offensichtlich taktisch richtig vorbereitet, unter anderem mit einem Besuch im Espenmoos vor 14 Tagen. Dem FCSG seinerseits könnte der Gang ins Theater (an der Premiere wurden immerhin Jörg Stiel und Beni Thurnheer gesichtet) auch gut tun.

Das Wir-Gefühl ist rund

Denn: Marc Beckers Stück «Wir im Finale» weiss ziemlich viel vom Phänomen Fussball. Dass es auf den Rängen nicht in erster Linie um Fussball geht. Sondern um Gemeinschaft, um das grosse WIR, um Dazugehörigkeit, Vereinnahmung und Ausschluss. Darum, das Leben zu packen. Und dass der Sieger immer recht hat.

Rein oder nicht rein, das ist mehr als Hamlet plus Hitzfeld. Das wird an diesem Abend für den verklemmten Perkmann und für die exaltierte Horvath zur erotischen Schlüsselfrage. Tor oder nicht Tor: Das heisst für einen ewigen Looser wie Dominik Kaschke «alles oder nichts»: Sein ganzer Tag «ein Haufen Scheisse», und die da unten hätten sein Glück auf dem Fuss, wenn sie nur wollten.

Fussball: Das ist für Durchhaltetypen wie Matthias Albold Lebensschule: «Weiter. Weiter. Das wird.» Fussball: Das ist für einen Romantiker wie David Steck reine Melancholie. Und für Berufsredner Hans Rudolf Spühler rundum Politik. Wir, die Nation, das ganze Volk steht auf dem Spiel. Zurück zum Spiel also, 30. Minute circa. Romeo Meyer, Platzwart, Bierträger, Schiri und komische Figur, pfeift Offside. Gegen uns. Fehlentscheid natürlich. Die Meute johlt, quetscht, drängt ihn vorn an die Rampe, beinah geht's ihm an den Kragen, in extremis kann sich Meyer befreien. Fussballfaschismus, aus dem Nichts.

35. Minute. Das Spiel dümpelt, die Emotionen im Kühlschrank, es fehlt der Rhythmuswechsel, die Eingebung, der überraschende Querpass. Die Speaker Christian Hettkamp und Andrea Haller machen vergeblich auf Stimmung. Dengler und Schäfer, die Proleten, beschimpfen die Arschlöcher auf dem Platz: «Da muss doch mal. Da muss einer mal sein Ding in die Hand nehmen und was probieren.»

Das täte auch dem Stück gut in dieser Phase. Aber Schulzes Taktik heisst Spielberuhigung statt Aktivismus. Inszeniertes Warten. Wenns ernst wird, wird gesungen, nicht Südkurven-Hymnen, sondern Gsängli in Marthaler-Manier, «Einer muss der Beste sein» oder «Irgendwo auf der Welt». Und zu «Mis Appezöllerländli» schwingt Meyer Taler mit Tränen in den Augen, sehr komisch und sehr rührend. Aber auch länglich. Die zwei Halbzeiten dauern je rund 55 statt 45 Minuten. Da stimmt das Timing noch nicht ganz. Dafür riecht es in der Pause nach Bratwurst.

Reh statt Rasen

Auch das Spielfeld marthalert und viebrockt gewaltig. Ausstatter Ulrich Leitner hat ein Klublokal eingebaut, das bessere Zeiten gesehen hat. Ein Fleck, wo einmal die Uhr hing. Notenständer und Stühle vom örtlichen Gesangsverein, an der Wand baumelt ausgestopft ein einsames Reh, sonst: Tristesse, drei Pokale und das Alpsteinpanorama in Meyers Office.

Unverkennbar: Der Verein hat schon bessere Zeiten gesehen. Doch jetzt ist man im Final (für «Finale», den teutonischen Fehlgriff, kriegt das Theater gelb-rot), und endlich kurz vor und nach der Pause fallen auch die Tore, in dramatischer Reihenfolge: 0:1, 1:1, 2:1, 2:2, Dengler weiss nicht mehr, was sie fühlen soll.

Und dann die 88., Schicksalsminute. Kanulli, Fussballgott, wird im Sechzehner gelegt, der Pfiff, Wyssmann legt sich den Ball hin. Und was tut die Regie, das kann, das darf doch… Die Regie, sonst tadellos fussballversiert, schaltet auf Zeitlupe, eine Ewigkeit bis zum Toooor. Ein kapitaler Fehler. Ein Penalty ist ein Herzschlag, der verträgt kein Theater.

Aber immerhin, das Runde ist im Eckigen, der Sieg ist unser. Spühler hält seine Schlussrede vom grossen Tag und vom grossen WIR. «Heute wissen wir, wie wir wirklich sind.» Aber keiner hört hin. Wirklich sind im Fussball nur die Tore. 3:2 – schön herausgespielt in einer vor allem in der zweiten Halbzeit stellenweise hochklassigen Partie, die man, Theaterfreundin oder Sportfan, auf keinen Fall verpassen sollte.

St. Gallen mit: Dengler, Haller, Horvath, Albold, Benda, Hettkamp, Kaschke, Meyer, Perkmann, Schäfer, Spühler, Steck. Nächste Spiele: 29.2., 8., 16., 17.3.