Regisseur Grossvater

Wiederentdeckt Amateurfilme Verstaubte Filmrollen machen später Karriere.

Martin Wilhelm
Drucken
Teilen
Silvesterchläuse in Urnäsch. (Bild: Amateurfilm: Walter Glaser)

Silvesterchläuse in Urnäsch. (Bild: Amateurfilm: Walter Glaser)

Grenzübergang St. Margrethen, 1945: Lastwagen des Roten Kreuzes fahren über die Grenze. In die andere Richtung ziehen Flüchtlinge. Im Desinfektionslager spendet ein Priester Trost, Soldaten verbinden Verletzte, ein Knabe kämmt sich. Gefilmt hat diese Szenen der in St. Gallen lebende Walter Glaser (1912 bis 2007) während seiner Zeit als Grenzsoldat.

Solche Zeitzeugnisse, aufgenommen von ambitionierten Amateurfilmern, lagern heute zu grosser Zahl in Privatarchiven. Verschiedene Projekte haben sich inzwischen der Aufgabe angenommen, diese Filmrollen zu entstauben und sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Drei davon haben sich am Samstag an den Internationalen Kurzfilmtagen in Winterthur vorgestellt und von ihrer Arbeit erzählt.

Erinnerungsarbeit

Glasers Vermächtnis entdeckt hat das Basler Ausstellungs- und Filmteam Stratenwerth. Sie haben Glasers Filmmaterial aufgespürt und zu einem Porträt verdichtet. Unter dem Titel «Heimkino» hat das Schweizer Fernsehen diesen Sommer insgesamt dreizehn Kurzfilme von und über Schweizer Amateurfilmer gezeigt. Die Arbeit für die jeweils rund sechs Filmminuten ist beachtlich, und ein nicht kleiner Teil davon entfällt auf den Kontakt mit den Familienangehörigen: Nur der Enkel weiss, wieso der Flüeler Bäckermeister Jonas Bühler (1891–1944) so leidenschaftlich Baustellen filmte (sein Bubentraum war der Ingenieursberuf), und nur die Tochter kann eine Anekdote wie diese erzählen: Bühler zeigte seine Filme jeweils im Schaufenster der Bäckerei, aber auf des Pfarrers Bitte hin erst nach dem Rosenkranzgebet.

Neben den Erinnerungen der Angehörigen sind es historische Recherchen, die den Kommentar zum noch tonlosen Filmmaterial liefern: So erfährt man im Kurzfilm, dass das vom gefrorenen Lauerzersee gewonnene Eis in den Kühlkellern bis zum Sommer eingelagert wurde.

Genau so war es!

Bühlers Filme zeigen einen har- ten Arbeitsalltag, an den sich die Jüngeren nicht erinnern können. Für die Älteren hingegen ist es überaus ungewohnt, bewegte Bilder aus den Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg zu sehen, und diese lösen entsprechend starke Gefühle aus. Schon länger hat dies das Tessiner Fernsehen TSI erkannt. In der Sendung «Mi ritorno a mente» zeigt es regelmässig Tessiner Amateurfilmmaterial, darunter solches vom damaligen Bundesrat Enrico Celio im Kreis seiner Familie. Die Produzentin Maria Grazia Bonazzetti-Pelli berichtet von vielen Zuschriften älterer Zuschauer: «Genau so war es!»

Archiv oder Fernsehen?

Neben dem Fernsehen interessieren sich auch die Staats- und Regionalarchive (vgl. Kasten) für das alte Filmmaterial. Sie haben sich bisher meist nur zögerlich der Aufarbeitung von audiovisuellen Medien zugewendet und freuen sich entsprechend, wenn sie digitalisiertes Filmmaterial übernehmen können. Die Interessen der Vermittler und der Bewahrer gehen aber auseinander, wie Christoph Stratenwerth vom «Heimkino» in Winterthur erläutert: Die Archive haben Interesse am unverfälschten Rohmaterial, das Fernsehen hingegen will Geschichten wie diejenige von Walter Glaser erzählen.

www.heimkino.sf.tv www.stapferhaus.ch www.rtsi.ch

Eisgewinnung auf gefrorenem See. (Bild: Amateurfilm: Jonas Bühler)

Eisgewinnung auf gefrorenem See. (Bild: Amateurfilm: Jonas Bühler)

Tüftler bei der Arbeit. (Bild: Amateurfilm: Walter Glaser)

Tüftler bei der Arbeit. (Bild: Amateurfilm: Walter Glaser)

Walter Glaser: Amateurfilmer (Bild: pd)

Walter Glaser: Amateurfilmer (Bild: pd)

Aktuelle Nachrichten