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Raus aus dem Suppenkoma

Kongresse waren lange Zeit gleichbedeutend mit langen Vorträgen und einschläfernden Power-Point-Präsentationen. Schnee von gestern. Jetzt kommen Fishbowl-Diskussionen und World Cafés.
Inka Grabowsky
Eine spricht, alle anderen gähnen: Dank neuer Kongresstechniken soll das ein Ende haben. (Bild: Getty)

Eine spricht, alle anderen gähnen: Dank neuer Kongresstechniken soll das ein Ende haben. (Bild: Getty)

60 Angestellte eines Telekommunikationsunternehmens sind aus der halben Welt angereist. Nur die wenigsten kennen sich. Trotzdem sollen sie eine gemeinsame Basis für die Zusammenarbeit finden. Statt dass ihnen der Vorstandsvorsitzende eine feurige Rede hält, sollen sie selbst auf Ideen kommen.

Sie reden jeweils 20 Minuten in Gruppen von sechs Personen miteinander – ein Tisch über das Thema der säumigen Zahler, ein anderer über Betrug und der nächste über Vertragskündigungen. Die Fragen bleiben pro Tisch gleich, die Besetzung ändert sich jeweils, nur ein «Gastgeber» bleibt am Tisch und informiert die folgende Gruppe. «World Café» nennt sich diese Veranstaltungsform, die ganz ­locker wirkt.

Podiumsdiskussion war gestern

«Konventionelle Kongresse haben an Attraktivität verloren», sagt Urs Treuthardt. Wer einen Vortrag hören will, kann das ­heute im Internet jederzeit tun.» Treuthardt ist einer der Experten im Projekt Micelab Bodensee. Mice steht für «Meetings, Incentives, Conventions, Events». 13 Partner aus der Tagungsbranche haben sich zusammengeschlossen, um die Veranstaltungskultur zu ­verbessern.

Trotzdem werde der klassische Vortrag nie ganz aussterben. Manche Menschen haben das Bedürfnis, einfach nur zuzuhören und dabei Teil einer Community zu sein.» Ist der Redner gut, ist es ein Erlebnis, ihn live zu hören. «Ein guter Kongress hat einen Spannungsbogen», erklärt Treuthardt. Spannung brauche gegensätzliche Meinungen, «sonst entstehen langweilige Schulterklopfer-Kongresse.»

Die Redner sitzen wie im Goldfischglas

Diskussionen müssen aber nicht zwingend auf einem Podium stattfinden. Heutzutage sitzen die Meinungsführer auch mal im Kreis mit dem Publikum, mit zwei freien Stühlen neben sich. Wenn ein Zuhörer etwas zu sagen hat, darf er in den inneren Kreis vorstossen und sein Statement abgeben. «Fishbowl» heisst dieses Gefäss, weil sich die Redner in der Mitte vorkommen wie im Goldfischglas.

Für Urs Treuthardt ist die Fishbowl ein idealer Abschluss eines Kongresses. «Der Moderator muss allerdings ein Profi sein.» Er trage die Verantwortung, dass die Kommunikation nicht einschlafe.

Antiautoritäre Rituale: Die Gruppe bestimmt mit

Kreativ sind Menschen nur, wenn sie motiviert sind und freiwillig teilnehmen. Das ist bei Open-Space-Konferenzen besonders gefordert. Man trifft sich ohne Tagesordnung und ohne vorbestimmte Redner, aber mit dem ­festen Willen, etwas zu bewegen. Es gibt ein klares Thema und ­einen Moderator. Üblicherweise kristallisieren sich Gruppen heraus, die gemeinsame Anliegen haben.

Verwandt ist das «Barcamp», bei dem jeder Teilnehmer Vortragsredner ist oder ­einen Workshop leitet. Auch hier ist Vorbereitung das A und O. Bei der «Appreciative Inquiry» erfragt ein Moderator, was die Stärken der Organisation sind. Daraus ergeben sich mitunter die ­Lösungen für aktuelle Probleme (wobei das Wort «Problem» selbstverständlich durch «Herausforderung» ersetzt wird).

Ins Pro- oder Contra-Lager gehen

«Soziometrische Aufstellungen» hingegen sind beliebt, um müde Teilnehmer nach dem Mittag­essen aus dem «Suppenkoma» zu holen. Zunächst nämlich müssen alle aufstehen und sich in der Mitte des Raums versammeln. Dann heisst es zum Beispiel: «Wer die Neuerungen kritisch sieht, stellt sich nach links, wer sie befürwortet, nach rechts.» Wenn Urs Treuthardt eine Tagung organisieren soll, erkundigt er sich zunächst immer nach den Intentionen des Veranstalters.

«Bedenklich viele Leute ­machen einen Kongress für sich selbst.»

Das führt unweigerlich zu mangelnder Begegnungskultur. Und es funktioniert nicht.»

Die Angst vor Neuem, die Angst vor dem Chaos

Trotz der neuen Möglichkeiten entscheiden sich viele Verantwortliche für konventionelle ­Varianten. Ein Grund dafür ist nach Ansicht des Experten die Angst vor dem Chaos. Bei den interaktiven Methoden könne viel mehr schiefgehen.

«Das ist uns auch passiert, als wir vor sechs Jahren mit dem Micelab den Kongress der Zukunft präsentieren wollten. Wir hatten externe Gäste eingeladen, aber die wussten überhaupt nicht, worauf sie sich eingelassen hatten. Wir haben Erwartungen geschürt, die wir nicht erfüllen konnten.» Wer Erfolg mit World Cafés, Fishbowls oder Barcamps haben will, muss seine Gäste darauf einstimmen, von passiven Konsumenten zu aktiven Teilhabern zu werden, und viel Arbeit investieren.

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