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Es sieht aus wie Waldsterben: Raupen fressen alpine Bäume kahl

Die Lärchenwälder im Engadin und im Wallis sind jetzt schon rotbraun wie im November. Schuld sind Raupen eines Nachtfalters, der sich dieses Jahr explosiv vermehrt hat. Das ist jedoch keine ökologische Katastrophe.
Niklaus Salzmann
Vom Lärchenwickler befallene Baumgruppe bei S-chanf im Engadin. (Bild: Beat Wermelinger/WSL)

Vom Lärchenwickler befallene Baumgruppe bei S-chanf im Engadin. (Bild: Beat Wermelinger/WSL)

Wer momentan auf der Simplonstrasse in die Höhe fährt, wähnt sich plötzlich im Herbst. Sobald auf 1500 Metern die Lärchenwälder beginnen, sind die Bäume nicht mehr grün, sondern bräunlich und teilweise sogar kahl. Revierförster Martin Schmidhalter stellt fest: «Der Wald sieht fast aus wie spät im November.» Und das ist seit Mitte Juni so.

Die Simplongegend ist besonders stark betroffen, das Mattertal im Wallis ebenfalls, und im Engadin sieht es ähnlich aus. Verursacher ist ein maximal eineinhalb Zentimeter langes Räupchen eines Nachtfalters. Sein Name bringt es auf den Punkt: Lärchenwickler. Die Raupen sind dieses Jahr in Heerscharen geschlüpft. Bis zu 20000 von ihnen können auf einer Lärche sitzen. Sobald sie auf ihrem Zweig keine zarten Nadeln mehr finden, seilen sie sich mit einem Spinnfaden auf den nächsten ab, bis auch die letzte Zweigspitze des Baums angeknabbert ist. Inzwischen ist von den Tierchen selber nichts mehr zu sehen, sie haben sich bereits zu Boden fallen lassen und verpuppt. In einigen Wochen werden daraus unscheinbare Nachtfalter schlüpfen, sich paaren und ihre Eier an die Zapfen und unter Rindenschuppen der Lärchen ablegen. Dort überwintern die Eier, und im kommenden Mai schlüpfen frische Räupchen.

Nur alle acht oder neun Jahre

Und doch ist nicht zu erwarten, dass die Lärchenwälder im nächsten Frühsommer wieder braun werden. Zwar werden auch dann Lärchenwickler zu finden sein, aber in weit geringerer Zahl. Eine Massenvermehrung tritt nur ungefähr alle acht oder neun Jahre auf. In jenen Jahren stellen die Lärchen ihr Wachstum beinahe ein. Deutlich zu sehen ist dies, wenn ein Stamm zersägt wird: Jeder achte oder neunte Jahrring ist an der Wetterseite extrem dünn. Auf diese Weise konnte der Lärchenwicklerzyklus im Wallis über 1200 Jahre zurückverfolgt werden.

Lange Pause wegen warmen Klimas

Martin Schmidhalter arbeitet seit 1976 im Forstbetrieb Brigerberg/Ganter und hat schon einige Lärchenwicklerbefälle miterlebt. Trotzdem sei er auch dieses Jahr wieder ein wenig erschrocken. Er habe auch Anrufe erhalten von Chaletbesitzern, die sich um den Wald und die Umgebung ihrer Häuschen sorgten. Doch er erwarte, dass die Lärchen Ende September wieder grün seien.

Scheinbar sterbender Wald als Touristenschreck

Am besten untersucht ist der Lärchenwickler im Engadin, wo man Mitte des 20. Jahrhunderts befürchtete, dass der scheinbar sterbende Wald die Touristen abschrecken könnte. Nun ist der Befall erstmals seit 36 Jahren wieder so stark, dass die Lärchen deutlich die Farbe ändern. Das ist ab ungefähr hundert Raupen pro Kilogramm Zweige der Fall, wie es in einem neuen Merkblatt der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) heisst. Dass sich das Phänomen fast vierzig Jahre lang nicht gezeigt hatte, führt Beat Wermelinger von der WSL auf die Klimaerwärmung zurück:

«Vermutlich sind die Raupen wegen der höheren Temperaturen früher geschlüpft und fanden kein Fressen, weil die Nadeln noch nicht ausgetrieben hatten.»

Hinzu komme, dass in wärmeren Wintern manche Eier ihre Energiereserven zu früh aufbrauchten und weniger von ihnen überlebten. Wieso heuer nun aber wieder viele Lärchenwickler schlüpfen konnten, sei unklar.

Befallene Bäume können keine Fotosynthese betreiben

Nächstes Jahr erwartet Wermelinger bereits wieder weniger Raupen. Denn erstens fressen sie sich gegenseitig das Futter weg, bis keine frischen Nadeln mehr auf einem Baum übrig bleiben, wodurch viele verhungern. Zweitens können die befallenen Lärchen mangels grüner Nadeln vorübergehend kaum mehr Fotosynthese betreiben. Sie schalten auf Sparmodus und enthalten weniger für die Raupen verwertbare Nährstoffe. Ein Teil von ihnen wird zu früh schlüpfen und noch keine frisch ausgetriebenen Nadeln vorfinden. Die anderen werden wegen des knappen Nahrungsangebots dünner bleiben und sehr viel weniger Eier legen. Zudem tun sich Parasiten – Wespen und Fliegen – an den Lärchenwicklerraupen gütlich.

Die Natur reguliert sich selbst

Die befallenen Lärchen werden noch dieses Jahr wieder ausschlagen und sich nach ungefähr drei Jahren komplett erholt haben. Die Natur reguliert sich selber, so dass der Wald keine bleibenden Schäden davonträgt. Laut Wermelinger stirbt in der Regel weniger als jeder hundertste befallene Baum. Deshalb müssen die Lärchenwickler auch nicht bekämpft werden. Diese Einsicht hat sich zum Glück schon früh durchgesetzt – das inzwischen verbotene Insektizid DDT war nur in der Nachkriegszeit in einzelnen Versuchen eingesetzt worden.

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