Ratgeber

Mein Bruder lebt noch bei den Eltern und drangsaliert sie

Mein Bruder und ich (beide über 30) wohnen noch bei unseren Eltern. Er macht sie für seine Misserfolge im Leben verantwortlich. Sie hätten uns nicht gefördert, weshalb er nicht die gewünschte Ausbildung hätte machen können. Im Moment ist er stellenlos. Letzthin warf er vor Wut Gegenstände herum. Wie können wir ihn beruhigen?

Josef Jung*
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Ihn beruhigen? Das können Sie gar nicht! Ihr Bruder ist offensichtlich mit sich und seinem Leben unzufrieden. Das führt zu Enttäuschung und Wut. Nun stellt sich die Frage, was er mit der Kraft anfängt, die in diesen Gefühlen steckt. Statt sie für sich zu nutzen, um Änderungen zu bewirken, wendet er die Aggression nach aussen. Er lässt seinen Ärger an seinen Angehörigen aus. Dort, wo es punkto Konsequenzen wohl am wenigsten gefährlich ist.

Josef Jung.

Josef Jung.

Im Teufelskreis

Ihre Eltern nehmen seine Situation wahr. Vielleicht haben Sie Mitleid mit ihm. Oder gar Schuldgefühle, irgendetwas in der Erziehung falsch gemacht zu haben.

Nun scheinen alle zusammen in einen Teufelskreis zu ge­raten: Er lässt seinem Ärger freien Lauf, die Angehörigen ducken sich, was möglicherweise seinen Ärger verstärkt.

Ihr Bruder ist über 30-jährig und zumindest altersmässig erwachsen. Dazu würde ge­hören, Verantwortung für sich und die eigene Lebensgestaltung zu übernehmen, unabhängig davon, ob die Eltern möglicherweise etwas in seiner Kindheit verpasst haben. Immerhin gewähren sie ihm heute noch Obhut. Vermutlich gehört sogar mehr dazu als nur Kost und Logis. Er «verdankt» das mit Respektlosigkeit und gar häuslicher Gewalt: demütigen, blossstellen, einschüchtern usw. (Informationen, was alles unter häusliche Gewalt fällt, finden Sie u.a. auf der Homepage des Eidgenössischen Büros für die Gleich­stellung von Frau und Mann.)

Gewalt nicht dulden

Ob Sie dem Einhalt gebieten können, hängt in einem ersten Schritt davon ab, ob Sie er­kennen, was es ist: nämlich Ausübung von Gewalt. Dulden, beschwichtigen, nach Mög­lichkeiten suchen, damit er sich nicht aufregt usw., scheint bisher wenig gefruchtet zu haben, sondern hat eher den erwähnten Teufelskreis angetrieben. Ihre Eltern und Sie können den Bruder damit konfrontieren, dass Sie sol­ches Verhalten nicht mehr tole­rieren. Abhängig von seiner Reaktion ist es möglich, zu einem anderen Umgang innerhalb der Familie zu kommen.

Reagiert der Bruder nicht einsichtig oder erneut mit Beschimpfen, Fluchen, Drohen, sind Ihre innerfamiliären Möglichkeiten ausgeschöpft. Wenden Sie sich in diesem Falle an entsprechende Stellen (Beratungszentren, Behörden, notfalls Polizei). Diesen Schritt zu tun, ist nicht einfach und wird oft als Versagen erlebt.

Aber Appelle an die Vernunft («Das schaffen wir doch innerhalb der Familie, wir sind doch vernünftige Erwachsene») helfen da wenig, zögern die nötigen Schritte hinaus und verstärken das Leiden aller.

Ich wünsche Ihnen, dass ernsthafte und Grenzen aufzeichnende Gespräche mit dem Bruder ihm helfen, sein Verhalten zu ändern. Anderenfalls brauchen Sie die Kraft, sich an die entsprechenden Stellen ausserhalb der Familie zu wenden, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

* Dr. phil. Josef Jung ist eidg. anerkannter Psychotherapeut; www.psychotherapie-jung.ch