Ratgeber

Ausserhalb der Beziehung haben wir fast nichts mehr

Mein Mann und ich (39/41) sind seit 13 Jahren ein Paar. Mir fällt auf, dass wir seit einigen Jahren fast alles zusammen machen. Er trifft seine Freunde nur noch selten und spielt auch nicht mehr Klavier. Ich lese nicht mehr so oft und gehe nicht mehr für mich allein wandern. Ich habe mittlerweile ein ungutes Gefühl dabei.

David Siegenthaler *
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Mit diesem Problem sind Sie nicht allein. Der bekannte amerikanische Autor und Paartherapeut David Schnarch nennt das Phänomen Verschmelzung. Zu dieser kommt es, wenn ein Paar sich zu nahe ist und zu viel Zeit zusammen verbringt.

Es ist durchaus verlockend, als Paar zu verschmelzen. Synchronität ist schön. So ist etwa auch eine Tanzgruppe, die sich als eine Einheit bewegt, ästhetisch anzusehen. So etwas wollen auch Paare in ihrer Bewegung miteinander erleben.

Individualität geht verloren

In der Verschmelzung geht aber oft die persönliche Entwicklung bzw. der Kontakt zu sich selber verloren. Dadurch wird die Beziehung langweilig oder anstrengend, es entstehen Konflikte. Für eine gesunde Beziehung braucht es die Bewegung als Paar und als Individuen. Hinter dem Problem der Verschmelzung steht oft die Angst, den Partner zu verlieren, wenn man den Kontakt zu ihm ver­ringert. Vielleicht fällt es Ihnen auch schwer, auch mal allein zu sein. Die Herausforderung in der Beziehung besteht darin, dem Gegenüber nahe zu sein und trotzdem sich selber zu bleiben.

Seien Sie mutig. Wagen Sie, einen Raum zu gestalten, der nur Ihnen gehört. Verbringen Sie Zeit mit Menschen, die Ihrem Partner vielleicht nicht so wichtig sind. Pflegen Sie Ak­tivitäten, die der Partner selber vielleicht nicht besonders mag.

Individualität in der Beziehung bedeutet nicht, sich selber gegenüber dem anderen zu behaupten, sondern sich als Team gegenseitig Raum zu geben. Damit Sie Ihren Bedürfnissen gerecht werden und der eigenen Person treu bleiben können.

Vertrauen Sie Ihrem Partner, dass Sie ihn deswegen nicht verlieren. Im Gegenteil: Solche Aktivitäten machen Sie spannender. So haben Sie einander wieder mehr zu erzählen von der Zeit, in der sie unabhängig voneinander neue Eindrücke gesammelt haben.

Verantwortung übernehmen

Eine andere Herausforderung ist die eigene Gefühlsregulation. Manche Menschen schieben die Verantwortung für ihr Wohlbefinden komplett auf den Partner. Im Sinn von: «Du musst machen, dass ich glücklich bin.»

Doch diese Verantwortung ist nur zu einem gewissen Teil möglich. Wenn sie zu stark oder zu einseitig ist, kann die entsprechende Abhängigkeit zum Problem werden. In diesem Fall ist es wichtig, dass Sie beide die Verantwortung auch für Ihr eigenes Wohlbefinden wieder mehr tragen.

Qualität vor Quantität

Suchen Sie einen Weg, sich wieder mehr um Ihre eigenen Gefühle und Ihr Wohlbefinden zu kümmern. Im Zusammen­leben soll auch Qualität die Quantität ersetzen. Denn wer den Kontakt zu sich selber stärkt, kann auch in der Beziehung eine bessere Verbindung aufbauen.

Die Liebe ist ein Prozess, der auf einem andauernden Ausgleich zwischen dem Ich und dem Wir basiert. So bleibt die Beziehung wie ein nie endender, spannender Tanz.

* David Siegenthaler ist dipl. psychologischer Berater und zert. Paarberater/Sexualberater. www.sexual-und-paarberatung.ch