ratgeber Sexualität

Die Beziehungs- und Sexualberaterin Priska M. Finteis Pevalek über ein heikles Thema. Sybil Jacoby

Drucken
Teilen
Priska Finteis Pevalek (Bild: Urs Bucher)

Priska Finteis Pevalek (Bild: Urs Bucher)

Wenn es im Bett nicht mehr knistert

Frau Finteis, haben viele Frauen keine Freude mehr am Sex?

Priska Finteis Pevalek: Es ist tatsächlich ein grosses Problem, insbesondere, weil es keine eindeutige Ursache gibt. Es betrifft hauptsächlich Frauen, vereinzelt auch Männer. Sexuelle Lustlosigkeit kann eine Beziehung tiefgreifend erschüttern, weil für beide Partner viel auf dem Spiel steht: Männer messen an der sexuellen Lust den Grad der Liebe ihrer Partnerin zu ihnen, Frauen suchen die Ursache eher bei sich selbst.

Welche Ursachen stecken dahinter?

Finteis Pevalek: Grundsätzlich hängt es mit dem Paar zusammen, wie es Sex «lebt». Zudem haben sich die Partner zu fragen, wen die Lustlosigkeit mehr betrifft, und welches die Gründe sein könnten. Liegt es beispielsweise an der psychosexuellen Entwicklung, wie das Paar mit Sexualität aufgewachsen ist, wie im Elternhaus damit umgegangen wurde? Auch die sexuellen Lernschritte prägen unsere Art und Weise, ob wir Sex als bereichernd oder eher abstossend erfahren.

Wie das berühmte erste Mal beispielsweise?

Finteis Pevalek: Ja, natürlich. Wie haben wir unseren ersten Partner erlebt? Diese Erfahrung und spätere Beziehungen prägen unsere Selbstsicherheit auf diesem Gebiet, welche Vorbilder wir hatten, wie wir uns mit dem Geschlecht identifizieren, wie wir den eigenen Körper entdecken, uns selbst befriedigen. Hatten wir als Teenager Zonen, in die wir uns ungestört zurückziehen durften?

Welche Rolle spielt dabei das Erwachsenenalter?

Finteis Pevalek: Als Erwachsener kann man aus seinem Erfahrungsschatz schöpfen, hat möglicherweise Vorlieben, sexuelle Phantasien. Diese können allenfalls Schuldgefühle oder Hemmungen auslösen, die durch das Elternhaus oder die Religion bestimmt wurden wie Abneigung oder Ekel. Von grosser Bedeutung sind Traumata wie Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe.

Ein Beispiel: Wenn wir das Begehren unseres Partners beispielsweise ablehnen, weil es daran erinnert, wie ein Familienmitglied uns körperlich oft zu nahe gekommen ist.

Was wirkt sich noch auf unsere sexuelle Beziehung aus?

Finteis Pevalek: Wichtig sind auch die Lebensumstände: eine Krankheit, Schicksalsschläge, Stress oder Überforderung, aber auch die Lebensphase, in der sich das Paar befindet: Eltern von kleinen Kindern stehen an einem anderen Punkt als ein Paar ohne Kinder oder gar ein Paar in der zweiten Lebenshälfte.

Demnach sind nicht nur ältere Frauen von Lustlosigkeit betroffen?

Finteis Pevalek: Keineswegs. Auch eine junge Frau kann ihre Lust auf Sex verlieren, etwa, wenn eine junge Ehe sich nach zwei, drei Jahren zu verändern beginnt. Oder eine Mutter mag nach dem ersten oder zweiten Kind plötzlich nicht mehr. Es muss gar nichts Gravierendes in der Partnerschaft geschehen. Natürlich leiden auch ältere Paare unter der Funkstille im Bett.

Die Gewohnheit tut das ihre dazu . . .

Finteis Pevalek: Und wie! Ich verwende gerne folgendes Bild: Sex ist mit einem Buffet vergleichbar. Es wird alles Mögliche angeboten, einiges ist hell angeleuchtet, auf gewissen Sachen liegt noch eine Haube. Wir sollten uns fragen: Was befindet sich unter der Haube? Was hätte ich gerne? Wenn wir neugierig sind und unsere Wünsche äussern, kann unser Liebesleben wieder bereichert werden.

Den Sex auf Sonntagmorgen im Schlafzimmer zu beschränken, ist – wie immer Schnitzel essen – langweilig.

Wagen Frauen, ihre Wünsche zu äussern?

Finteis Pevalek: Das ist sehr unterschiedlich. Doch ich stelle fest: Männer wünschen sich Frauen, die sich äussern, wie sie es gerne hätten. Es befreit sie von einer grossen Verantwortung.

Das Körperliche ist dabei übrigens nur ein Aspekt: Wir sollten den Zugang zu unserem ganzen sensuellen Bereich finden: sich gegenseitig berühren, ohne an Sex zu denken, einander im Alltag Wertschätzung zeigen, die Grenzen fliessender machen zwischen Zärtlichkeit und dem Akt. Und: Wer Klarheit schafft, steigert die Lebensfreude!

Aktuelle Nachrichten