Rassismus in den Zeiten der Seuche

Angst berechtigt zu Misstrauen, findet unser Autor. Verunglimpfen darf man asiatisch aussehende Menschen wegen des Virus aber nicht.

Christoph Bopp
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Asiatische Touristen am Schwanenplatz in Luzern. Fotografiert am 3. Februar 2020.

Asiatische Touristen am Schwanenplatz in Luzern. Fotografiert am 3. Februar 2020.

Boris Bürgisser

Der Kollege hielt sich am Wochenende am Bodensee auf, sah eine Gruppe (vermutlich) chinesischer Touristen aus dem Car steigen und ertappte sich beim Gedanken, wie sich wohl der Car-Chauffeur nun fühle. Die Nachbarin hatte schon lange ihre Freundinnen ins Chinesische Restaurant eingeladen für nächsten Mittwoch – eine sagte ab, aus Bedenken wegen des Virus. Mittlerweile hat wohl schon jeder eine solche Geschichte gehört. Die Logik dahinter geht so: Chinesen oder Menschen, die asiatisch aussehen, könnten Träger des Corona-Virus sein. Deshalb sind sie gefährlich. Und es ist deshalb berechtigt, dass man sich ihnen gegenüber anders verhält, als man es sonst wohl tun würde.

Ist das Rassismus?

Der Begriff der «Rasse» hatte (auf Menschen angewandt) zwei Funktionen. Er dient zum Unterscheiden. Früher war es das Aussehen; dann verfeinerte man ihn zum «biologischen (oder ethnischen) Rassismus»: Abstammung sei von Bedeutung. Mittlerweile ist klar, dass «Rasse» keine wissenschaftliche Grundlage hat. Der genetische Unterschied zwischen zwei «Schweizern» kann grösser sein als der zwischen einem Europäer und einem Afrikaner.

Die zweite Funktion ist die Diskriminierung. Das auffälligste Beispiel für Rassendiskriminierung ist die sogenannte «White supremacy», der Glaube, dass Menschen weisser Hautfarbe anderen Menschen a priori überlegen sind – nicht unbedingt in allen, aber doch in den für relevant erklärten Belangen. Der von den Nationalsozia­listen praktizierte Arier-Antisemitismus folgte der gleichen Logik.

So gesehen ist der Corona-verdächtige Chinese nicht ein rassistisches Phänomen. Vielleicht Träger des Virus zu sein, ist ein zufälliges, akzidentielles, aber kein wesentliches Merkmal.

Was ist es dann?

Das Virus ist gefährlich. Gefahr erzeugt Angst. Angst vor Ansteckung berechtigt zum Misstrauen gegenüber allem, was chinesisch anmutet, weil das Virus aus den Gegenden kommt, woher auch diese Menschen kommen.

Angst haben ist ok, aber es ­berechtigt deswegen zu nichts

Angst ist eine Grund-Emotion des Menschen. Sie ist kein Gefühl. Der Unterschied liegt darin, dass der Angst ein körperliches Unbehagen zugrundeliegt. Irgendetwas regt sich in uns und unser Körper will uns zu einer Reaktion bewegen. Meistens Flucht oder Aggression. Angst ist die Wahrnehmung dieses Unbehagens. Angst ist ein Bewusstseinsphänomen.

Die Gefahr steigt nicht

Statt von einer Pandemie sprach die Weltgesundheitsorganisation WHO am Montag von einer «Infodemie», also einem gefährlichen Informationsfluss, bei dem es schwierig ist, die Übersicht zu behalten. Deshalb in aller Kürze: Die Tödlichkeit des Virus wird momentan auf 2 Prozent eingeschätzt – ist also gegenüber ersten Einschätzungen von letzter Woche gesunken. Da immer mehr bestätigte Infektionen bekannt werden, aber nicht im gleichen Verhältnis mehr Todesfälle, könnte sie weiter sinken. Die saisonale Grippe hat eine Letalität von unter einem Prozent und verursacht 400000 Todesfälle weltweit jährlich. Sars hatte eine Letalität von mehr als zehn Prozent. Bei Redaktionsschluss waren 361 Todesfälle aufgrund des Corona-Virus 2019-nCoV bekannt und geschätzt 17205 Infizierte. Eine Pandemie kann dennoch noch daraus werden: Das Wort bezeichnet lediglich eine starke, internationale Ausbreitung einer Krankheit. (kus)

Angst an sich ist deshalb weder rational noch irrational. Aber man kann sie rationalisieren. Das «Wovor» der Angst lässt sich benennen und bewerten. Daraus erst kann man dann eine allfällige Berechtigung ableiten, so oder so zu handeln. Es gibt kein Menschenrecht auf Angst und deshalb ist der argumentatorische Rückgriff einfach auf die Tatsache, dass ich Angst habe, nicht gültig.

Was heisst das konkret?

Dass ich ein Unbehagen verspüre, wenn ich an das Virus denke, ist biologisch bedingt und deshalb normal. Ich soll das Virus meiden. Ich kann daraus ableiten, dass man nicht nach China reisen sollte. (Die Flugunternehmen reagieren in der Regel sehr schnell auf solche Dinge.) Wie ich im Alltag auf Menschen reagiere, die asiatisch aussehen, sollte aber von Überlegungen abhängen, die ich gemacht habe. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese oder jene Person wirklich mit dem Virus herumläuft? (Das hat auch mit dem Vertrauen in die Abschottungspolitik des chinesischen Staates zu tun.) Wie «gefährlich» ist das Virus wirklich in dieser aktuellen Situation für mich? (Die Situation kann sich allerdings schnell ändern.)

Oft, wenn es um Gefahren und Risiken geht, kommen statistische Grössen ins Spiel. Bei Epidemien ist oft von Begriffen wie Ansteckungsrate, Ausbreitungsgeschwindigkeit oder Letalität die Rede. Statistik ist zugegebenermassen nicht ganz einfach zu verstehen, aber hier muss es sein. Ins gleiche Fach fallen auch andere «Gefährlichkeiten» (Ausländerkriminalität zum Beispiel). Gültig bleibt, dass man sich von «Angst» allein nicht zu irgendwelchen Handlungen berechtigt fühlen darf. Angst ist argumentativ nichts anderes als ein Vorurteil.

Diese Sichtweise wird es schwer haben, auf Akzeptanz zu stossen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil es sich eingebürgert hat, Emotionen nicht nur zuzulassen, sondern auch als Standpunkte und Argumente in Diskussionen zu akzeptieren. «Ich habe einfach Angst.» Ende der Diskussion.

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