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Alles andere als Spatzenhirne: Raben sind uns ähnlicher als gedacht

Raben können nach Jahren der Trennung zwischen Freunden unterscheiden und wissen in welcher Beziehung andere Raben zu einander stehen. Das erklärt Europas bekanntester Rabenforscher Thomas Bugnyar bei seinem Besuch in St.Gallen.
Bruno Knellwolf
Kolkraben sind mit hoher sozialer Intelligenz gesegnet. (Bild: Fotolia)

Kolkraben sind mit hoher sozialer Intelligenz gesegnet. (Bild: Fotolia)

Thomas Bugnyar von der Universität Wien ist der wohl bekannteste Rabenforscher in Europa. Er spricht sogar auf «Rabisch», weil er sich seit mehr als zwanzig Jahren in den USA, England und in Österreich wissenschaftlich mit den Kolkraben und ihren Rufen beschäftigt. So weiss er auf Besuch in der Schweiz viel Anekdotisches über den schwarzen Singvogel zu erzählen.

Raben sind Wolfs- und Bärenbegleiter, weil sie Fleischfresser sind, aber nicht selber jagen – «höchstens vielleicht mal eine Maus». Sie sind scharf auf die Überreste der Wolfsbeute und versuchen den Wolf davon wegzulocken. «Ein Rabe zupft ihn am Schwanz, ein anderer schnappt ihm derweil vor der Schnauze das Fleischstück weg», sagt Bugnyar. Manchmal mit tödlichen Folgen.

Oft mit der kleineren Krähe verwechselt

Diese grosse Fleischeslust ist prägend für die Kolkraben, die «immer wieder mit den kleineren Krähen verwechselt werden», wie der Wiener Professor für kognitive Ethnologie erklärt. «Raben müssen kämpfen um ihr Fleisch. Und Schwächere müssen sich dafür etwas einfallen lassen. Entweder holen sie sich Freunde oder sie schauen, wo der stärkere Rabe das Fleisch versteckt», sagt Bugnyar.

Die krächzenden Singvögel führen ein komplexes Sozialleben und genau das interessiert den Verhaltensforscher. Denn je komplexer das Sozialleben ist, desto gescheiter müssen die Tiere sein. Noch bis weit in die 90er-Jahre wurde abschätzig von Spatzenhirnen gesprochen. Die Intelligenz wurde in Verbindung mit der Gehirngrösse gebracht und Studien zur sozialen Intelligenz wurden nur mit Primaten gemacht. «Erst in den 1990er-Jahren gab es erste Studien zu Nicht-Primaten», sagt Bugnyar. Mit Elefanten, Delfinen und Hunden, die hohe Intelligenz zeigten. Erst danach wurde klar, dass auch Vögel soziale Intelligenz besitzen.

Dies ist erstaunlich, liegt der letzte gemeinsame Vorfahre zwischen Primaten und Vögeln doch 300 Millionen Jahre zurück. «Die soziale Intelligenz ist somit das Resultat ähnlicher kognitiver Anpassungen im Laufe der Evolution und gründet nicht auf gemeinsamen Verwandten», erklärt der Verhaltensforscher.

«Nicht gewusst hat man, dass Raben auch mit Geschwistern und Freunden spezielle Beziehungen pflegen.»

Die Kolkraben, von denen es im Unterschied zu den Krähen nur eine einzige Art gibt, die über die ganze Nord-Hemisphäre der Erde verteilt ist, haben ein sehr leistungsfähiges Gehirn. Es ist zwar nur so gross wie eine Nuss, aber entscheidend ist dessen spezieller Aufbau und die hohe Dichte an Nervenzellen. Bugnyar vergleicht das mit modernen Computern, die immer kleiner und trotzdem leistungsfähiger geworden sind.

Raben erkennen Freunde

Die Forscher bemerkten bald einmal, dass Kolkraben Beziehungen zu anderen Individuen pflegen können, vergleichbar mit Primaten. Raben leben monogam, sind ihrem Partner treu und zwar ein Leben lang. «Das war bekannt, nicht gewusst hat man aber, dass sie auch mit Geschwistern und Freunden spezielle Beziehungen pflegen.» Bewiesen war das für Paviane, mit denen dafür sogenannte Playback-Experimente gemacht wurden.

Bugnyar hat diese Versuchsanordnung in seinem Forschungslabor in Wien übernommen. Gearbeitet hat er mit den verschiedenen Rufen der Raben, vor allem mit «Rab», «Ich bin da», und «Haa», «Ich will es haben». Im Wiener Forschungslabor leben etwa 30 Raben, deren Beziehungen zu den anderen bekannt sind und die in verschiedenen Gruppen zusammen leben. Bei der Studie zeigte sich, dass Raben unterscheiden können zwischen Gruppenmitgliedern und darin zwischen Freunden und Nicht-Freunden. Und nach der Trennung sogar noch drei Jahre später. «Raben können sich also an die Wertigkeit von Beziehungen erinnern», sagt Bugnyar.

Kennen sogar den Beziehungsstatus der anderen

Nicht nur das, wie eine zweite Studie zeigte. Raben haben wie wir Menschen und die Primaten ein Verständnis für triadische Beziehungen. Das bedeutet, dass sie wissen, in welcher Beziehung zwei Individuen zueinander stehen, denen sie begegnen. Raben wissen über andere Raben genau Bescheid und das durch reine Beobachtung. Sie wissen wie Primaten, welches der anderen Tiere oben in der Rangordnung steht und verhalten sich danach.

Genutzt wird das bei Konflikten: Ein angegriffener Rabe sieht einen dritten Raben kommen und weiss, ob von diesem Hilfe zu erwarten ist oder nicht. Je nach dem versucht er mit seinem Ruf den Aggressor zu beschwichtigen oder den Hinzugekommen zur Hilfe. «Kommt ein Verwandter schreit das Opfer noch mehr». Raben wissen sogar über den aktuellen Beziehungsstand anderer Bescheid – verheiratet oder nicht – und betrügen den Freund weniger als den Nicht-Freund.

Nicht alle Raben eignen sich für Tests

Die soziale Intelligenz der Raben ist hoch, zum Werkzeuggebrauch hat Bugnyar erst Pilotstudien gemacht. «Sie waren nicht schlecht, verwendeten die Werkzeuge aber nicht automatisch, das heisst, sie brauchten meist relativ lange, bis sie diese nutzten. Im Vergleich dazu sind Neukaledonische Krähen um einiges besser», sagt Bugnyar.

Nicht alle seiner Raben, die in Gefangenschaft bis zu 70 Jahre alt werden, eignen sich übrigens für die Tests – weil sie zu schüchtern sind. Diese würdenauch im Freiland nicht alt. Dort erreichen sie in der Regel ein Alter von 30 Jahren, die Hälfte der jungen Raben überlebt aber das erste Jahr nicht. «Raben müssen am Anfang ihres Lebens viel lernen. Im ersten Jahr machen sie viele Fehler – und die sind oft tödlich», sagt der Rabenforscher.

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