Ernährung
Pulver statt Pizza: Soylent ersetzt feste Nahrung vollständig

Soylent ist noch faster als Fast Food. Wer sich davon ernährt, kann laut Hersteller komplett auf feste Nahrung verzichten. Doch wollen wir das überhaupt?

Irene Müller
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Wer keine Zeit oder keine Lust hat zu essen, muss nicht. Stattdessen kann man auch Soylent trinken. Man spart Zeit, Aufwand und Geld – und lebt zudem noch gesund. So lautete die Idee des Erfinders für den Pulvershake Soylent. Rob Rhinehart ist Software-Entwickler und ein Arbeitstier. Abläufe schneller machen, um das Leben zu «optimieren», ist seine Leidenschaft.

Da während seiner langen Arbeitstage das Essen des Öfteren zu kurz kam, fragte er sich: Warum nimmt so etwas Essentielles wie die Nahrung immer noch so viel Zeit in Anspruch? Rhinehart informierte sich über die für den Menschen unabdinglichen Nährstoffe und verfasste auf dieser Basis ein Rezept für ein Pulver, welches mit Wasser vermischt den Menschen lückenlos ernähren sollte.

Droge der Technikfreaks

Soja und Linsen

Der Name Soylent ist eine Zusammensetzung der Wörter «soya» (engl. für Soja) und «lentils» (engl. für Linsen) und stammt vom Sience-Fiction-Film «Soylent Green» aus den 70er-Jahren. Soylent hat bereits einige Nachahmer auf den Plan gerufen. Die einen verändern nur einzelne Zutaten, die meisten aber den Geschmack. Bei Schmilk beispielsweise vermischt man das Pulver mit Milch anstatt mit Wasser. Ausserdem kann man es auch mit Schokoladen- oder Zimtgeschmack kaufen. Schmoylent unterscheidet sich nur minim von Soylent, ist allerdings vegan und sojafrei. Während Soylent in Europa noch immer schwer zu bekommen ist, tröstet man sich hierzulande mit Joylent oder Purelent.

Rhinehart hat das Pulver bewusst geschmacklos hergestellt. Die Begründung: «Wasser schmeckt neutral und ist trotzdem das weltweit beliebteste Getränk.» Soylent ist weder ein Diät-, noch ein Muskelshake und schon gar kein Genussmittel. Es beinhaltet schlicht alle lebenswichtigen Nährstoffe inklusive ein paar weniger, nicht zwingend nötiger, Zusatzstoffe. Einer davon ist ein Farbstoff von Tomaten, welcher Rhinehart nur mit hineingemischt hat, weil «die Männer unserer Familie schon immer Tomaten liebten».

Die Soylent-Anhängerschaft besteht hauptsächlich aus einer «jungen, leistungsorientierten Oberschicht», wie sie der Trendforscher Peter Wippermann bezeichnet. Im Silicon Valley, IT- und High-Tech-Mekka und voll von Technikfreaks wie Rhinehart, ist Soylent gefragt. Immerhin ist es für die Dauerarbeitenden eine gesündere Alternative als Fast Food.

Ernährungsexperten, Journalisten und Interessierte aus aller Welt haben das Wunderpulver bereits getestet. Manche drei Tage lang, manche eine Woche, Masochisten noch länger. Wer den Ekel überwinden konnte, fühlte sich nach einigen Tagen überraschend fit und leistungsfähig. Trotzdem: Ausser Computer-Nerds würde freiwillig kaum jemand längerfristig auf eine Ernährung mit Soylent umsteigen und dafür auf feste Nahrung verzichten.

Die Schweizer Trendforscherin Bettina Höchli rechnet dem amerikanischen Pulver geringe Chancen zum grossen Durchbruch zu: «Momentan steigt das Bedürfnis der Leute, zu wissen, woher etwas kommt, was alles drin ist und wie es verarbeitet wurde.» Die Kunden wollen natürliches, lustvolles Essen und wenn möglich noch selber kochen. Soylent sei genau das Gegenteil davon.

Das weiss auch Erfinder Rhinehart. Es bereitet ihm Spass, sich mit seiner künstlichen Ernährungsstrategie von diesem Natürlich-Trend abzugrenzen. Er arbeitet an einer Formel, mit der er irgendwann sein ohnehin schon beinahe naturfreies Produkt völlig künstlich herstellen möchte, um noch unabhängiger von der Umwelt zu sein.

An sich eine gute Idee, doch auch da sieht Höchli heute schon Alternativen, denen sie mehr Erfolg zutraut. «Firmen wie Hampton Creek setzen die modernen Techniken ein, um Essen in einem möglichst guten Zusammenspiel von Mensch und Natur herzustellen. Dabei setzen sie im Gegenteil zu Soylent auf Natürlichkeit und Genuss. Dies findet grossen Anklang bei den Leuten.»

Folgen noch unklar

Soylent-Erfinder Rob Rhinehart. Ho

Soylent-Erfinder Rob Rhinehart. Ho

HO

Auch die psychischen Auswirkungen, die eine radikale Umstellung von fester auf flüssige Nahrung hat, sollte man nicht unterschätzen. «Essen ist nicht nur ein stumpfes Einfüllen von irgendwelchen Nährstoffen. Genuss, Wohlempfinden und die Befriedigung eines Triebes und vieles mehr sind Dinge, die man nur durch echtes Essen erfährt», sagt Knop.

Ein Tester von «Galileo» stöhnte nach einigen Tagen Soylent in die Kamera: «Mein Magen sagt, ich sei satt. Doch mein Kopf . . .», man kann es ihm nachfühlen. Auch beim Essengehen mit seinen Freunden fühlte sich der Proband mit seinem Krug Soylent ausgeschlossen und blieb mit der Zeit lieber zu Hause. Zusammensitzen, um zu essen – das macht der Mensch seit der Steinzeit und das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl. Wer will denn schon eine Welt voller einsam vor sich hin schlürfenden Computerfreaks?

Selbst Erfinder Rhinehart ernährt sich nicht ausschliesslich von Soylent, sondern nur zur Arbeitszeit. In seiner Freizeit gönnt sich auch Rhinehart ab und zu ein normales Essen mit Freunden. Da er sich dank Soylent ansonsten schon gesund ernähre, könne er diese Mahlzeiten sogar noch umso mehr geniessen.

Auch in der Silicon-Valley-Anhängerschaft gibt es kaum einen, der eine ständige Ernährung mit dem Pulver durchhält. Der Geschmack sei auf Dauer nicht auszuhalten, sagen sie. Aufrichtige Begeisterung für Soylent findet sich nur in einem minimen Prozentanteil der Bevölkerung. Die meisten Probanden würden es nur über längere Zeit trinken, wenn sie keine andere Wahl hätten, um zu überleben. Ein Sommelier, der Soylent für die «New York Times» probiert hat, ist sich nicht einmal sicher, ob es ihm das wert wäre.

Das Soylent-Rezept

- Kohlenhydrate (200 Gramm, in Form von sogenannten Oligosacchariden, meistens Maltodextrin)
- Proteine (50 Gramm, hierzu schreibt Rhinehart lediglich, dass alle essentiellen Aminosäuren darin enthalten sein müssen)
- Fett (65 Gramm, in Form von Olivenöl)
- Natrium (2,4 Gramm)
- Kalium (3,5 Gramm)
- Chlorid (3,4 Gramm)
- Ballaststoffe (5 Gramm)
- Kalzium (1 Gramm)
- Eisen (18 Milligramm)
- Phosphat (1 Gramm)
- Jod (150 Mikrogramm)
- Magnesium (400 Milligramm)
- Zink (15 Milligramm)
- Selen (70 Mikrogramm)
- Kupfer (2 Milligramm)
- Mangan (2 Milligramm)
- Chrom (120 Mikrogramm)
- Molybdän (75 Mikrogramm)
- Vitamin A (5000 IU, internationale Einheit u.a. für Vitamine)
- Vitamin B6 (2 Milligramm)
- Vitamin B12 (6 Mikrogramm)
- Vitamin C (60 Milligramm)
- Vitamin D (400 IU)
- Vitamin E (30 IU)
- Vitamin K (80 Mikrogramm)
- Thiamin (Vitamin B1, 1,5 Milligramm)
- Riboflavin (1,7 Milligramm)
- Niacin (20 Milligramm)
- Folsäure (400 Mikrogramm)
- Biotin (300 Mikrogramm)
- Panthothensäure (Vitamin B5, 10 Milligramm)
- Weitere Nährstoffe sind: Lycopin, Omega-3-Fettsäuren, Ginseng, Ginko Biloba, Lutein, Alpha-Karotin, Vanadium.