Psychologie
Halluzinationen, Psychosen, Delirium: Eine Corona-Infektion kann unser Gehirn stören

Covid-19 kann Auswirkungen aufs Gehirn haben, man weiss bloss noch nicht wie das geht. In seltenen Fällen wurden psychische Krankheiten dokumentiert.

Anja Stampfli
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Krasse Verwirrungen und Wahnvorstellungen traten in seltenen Fällen nach Coronainfektionen auf.

Krasse Verwirrungen und Wahnvorstellungen traten in seltenen Fällen nach Coronainfektionen auf.

Getty Images

Halluzinationen, Delirium-ähnliche Zustände oder Psychosen nach einer Corona-Infektion: Forscher beobachten dieses Phänomen nach Covid-19 seit Beginn der Pandemie. Bereits 2020 glaubte ein Mann aus England von einem Tag auf den anderen, er könne mit seinen toten Verwandten sprechen. Und das einen Tag nachdem bei ihm ein Coronatest positiv ausfiel. Der Patient war auf einmal davon überzeugt, dass die Wiedergeburt unmittelbar bevorstehe, obwohl er keine psychische Vorerkrankung hatte. Dies berichtete im April 2021 ein medizinisches Fachblatt. Der junge Mann kämpfte mehr als einen Monat mit einer Psychose: In der Zeit schlug er eine Tür ein, schubste seine Mutter und glaubte, dass an ihm ein Experiment mit radioaktiven Strahlungen vorgenommen würde.

Die Ärzte konnten nicht klar belegen, was bei ihm die kurzzeitige Psychose ausgelöst hat. Das Virus könnte eine Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ausgelöst haben, eine Autoimmunreaktion, welche eine Gehirnentzündung verursacht. Bei einem gesunden Gehirn wird durch die sogenannte «Blut-Hirn-Schranke» das Grosshirn vor dem Immunsystem geschützt. Laut Benedict Michael, Neurologe an der Universität in Liverpool, der ein Register über neurologische Komplikationen im Anschluss an eine Corona-Infektion führt, könnte eine Coronainfektion die Schranke durchlässig werden lassen,

Die Wirkung aufs Gehirn ist noch unbekannt

Jedenfalls weisen auch die bekannten Geruchsstörungen auf einen Zusammenhang mit dem Gehirn hin. «Dies, weil der sogenannte Bulbus olfaktorius (Riechkolben) ein Ausläufer des Gehirns ist», so Andreas Cérny, Virologe aus Lugano. In der Studie von Solomon et al. wurde bei 18 an Covid-19 Verstorbenen aber keine Zeichen für eine Entzündung des Hirns (Enzephalitis) oder der Hirnhäute (Meningitis) gefunden. Alle hätten einen Schaden am Gehirn gezeigt, der durch Sauerstoffmangel verursacht war, so Cérny.

«Ob und wie die Sars-Cov-2-Infektion mit Psychosen zusammenhängt, ist unklar. Ist die schwere Erkrankung der Auslöser? Ist es der Stress? Sind es Medikamente oder Sauerstoffmangel?», fragt sich Cérny. In dem Bereich, den er im Tessin überblicken könne und was Kollegen beschrieben, habe er nicht den Eindruck, dass Psychosen bei Covid-19 gehäuft aufträten. Auch beim Schweizer Verein «Long Covid» sagt Mediensprecher Christian Salzmann: «Wir haben keine Betroffenen im Verein, die über eine Psychose geklagt haben.»

Psychiatrische Symptome nach der Erkrankung

Dokumentierte Psychosen im Zusammenhang mit Corona gibt es weltweit wenige. Im medizinischen Fachblatt «The Lancet Psychiatry» haben Benedict Michael und sein Forscherteam im Sommer 2020 Komplikationen im Zusammenhang mit der Covid-19-Erkrankung zusammengefasst: Von 125 Patienten mit schweren Krankheitsverläufen zeigten 39 Personen psychiatrische Auffälligkeiten, darunter auch Psychosen (10 Personen) und demenzähnliche Störungen (6). Das Alter spielte dabei keine entscheidende Rolle, auch jüngere Patienten litten unter den Symptomen.

Eine andere Gruppe rund um Neurologe Michael Zandi vom University College London Hospital hat in der Fachzeitschrift «Brain» Daten von 40 Covid-Erkrankten, bei denen Hirnhautentzündungen, Delirium bis zu Nervenschädigungen und Schlaganfällen vorgekommen sind, veröffentlicht. Zandi befürchtet, dass einige Corona-Betroffene subtile Hirnschäden erleiden könnten, die sich erst in den kommenden Jahren bemerkbar machen. Es gebe Parallelen zu einer Gehirnerkrankung, der Enzephalitis lethargica (Schlafkrankheit), die nach der Spanischen Grippe 1918 gehäuft auftrat. Dies müsste geprüft werden.

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