Psychologen, Wirtschaftsforscher und Spotify sind sich uneins: Ab wann sind wir alt?

Das biologische Alter sagt wenig aus. Nun haben Forscher ergründet, wie es um unser geistiges Ablaufdatum bestellt ist.

Raffael Schuppisser
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Wenn es um technische Innovationen geht zeigen sich ältere Semester noch lange junggeblieben.

Wenn es um technische Innovationen geht zeigen sich ältere Semester noch lange junggeblieben.

Bild: Imago Images

Wann ist man alt? Glaubt man dem bekannten Musikstreaming-Dienst Spotify: mit 33 Jahren. Dann, das ergab eine Datenanalyse, verändert sich der eigene Musikgeschmack kaum mehr. Sobald wir lieber bewahren, was wir haben, als Neues auszuprobieren, werden wir alt, besagt eine Theorie der Entwicklungspsychologie.

Doch der Mensch ist weniger homogen, als uns lieb wäre. «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» lautet der Titel eines populärphilosophischen Buches von Richard David Precht. Und so altert der Mensch auch nicht gleichmässig, sondern an einzelnen Enden schneller und an anderen langsamer. Will heissen: Während man bei einigen Dingen auf Vertrautes setzt, ist man bei anderen noch lange offen für neue Erfahrungen. Doch wo altert der Mensch wie schnell?

Trendforscher des Gottlieb-Duttweiler-Instituts sind dieser Frage nachgegangen und haben für ihre Studie tausend Schweizer und tausend Deutsche befragt. Die Ergebnisse der bisher unveröffentlichten Studie, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, zeigen, was für ein vielfältiges Wesen der alternde Mensch ist. Wenn es um neue Apps geht, dann sind wir rasch alt.

Zwischen 16 und 20 Jahren, so ergab die Befragung, verspürt der Homo sapiens am meisten Lust, neue Programme wie Tiktok oder (nicht mehr ganz so neue) wie Instagram auszuprobieren – danach nimmt die Bereitschaft dafür ab.

Sind alle alt, die kein Tiktok verwenden? Die App gilt momentan als Liebling der jungen Generation.

Sind alle alt, die kein Tiktok verwenden? Die App gilt momentan als Liebling der jungen Generation.

Bild: Keystone

Hingegen ist es nicht die (Klima-)Jugend, sondern die Generation der 51- bis 55-Jährigen, welche die grösste Zustim­mung äussert, gesellschaftliche Macht-­ und Besitzverhältnisse auf den Kopf zu stellen. Und es handelt sich gar um die Gruppe der 71- bis 74-Jährigen, die sich am ehesten vorstellen kann, mit Fremden zu wohnen.

«Man altert eben sehr unterschiedlich»

, sagt Stefan Breit, einer der Autoren der Studie, zu den Ergebnissen. Aber natürlich ist man eher dort zu Veränderungen bereit, wo man sich mit ihnen auseinandersetzt. Menschen über 70, die sich mit ihrem letzten Lebensabschnitt beschäftigen und erkennen, dass ein Pflegeheim eine Option ist, werden sich eher damit anfreunden, mit Fremden zusammen zu wohnen, als ein Ehepaar in den 40ern mit drei Kindern. Und so interessieren sich dann auch die 41- bis 45-Jährigen am meisten für «technologische Innovationen», eine Altersgruppe, für die es darum geht, den nächsten Karriereschritte zu planen– und ja nicht von der Entwicklung abgehängt zu werden.

Doch wenn man in einigen Bereichen lange noch zu den beweglichsten Menschen gehört, heisst das nicht auch, dass man es in anderen ebenso sein kann?

«Es gibt wenig Gründe anzunehmen, dass die Offenheit für die Jugend reserviert ist»

, sagt Trendforscher Breit. Wenn die Menschen länger leben, dann ist davon auszugehen, dass sie sich länger offen zeigen, neue Dinge zu erleben und zu erlernen. Ausserdem, so Breit, hätten Rentner heutzutage oft auch mehr Geld und seien mit guter Gesundheit gesegnet, um noch einmal in einem neuen Lebensabschnitt neuen Interessen nachzugehen.

Dennoch scheint es ein biologisches Alter zu geben, in dem Menschen besonders innovationsfreudig sind. Es liegt etwa bei 30 Jahren. Der amerikanische Psychologe Satoshi Kanazawa hat beim Vergleich von Biografien herausgefunden, dass so unterschiedliche Berufsgruppen wie Wissenschafter, Künstler und Kriminelle ihre grössten Erfolge dann haben. Interessanterweise also zu einem Zeitpunkt, wo man sich noch offen für neue Musik zeigt.

Nobelpreiswürdige Entdeckungen allerdings werden in der Regel erst ein bisschen später gemacht, nämlich mit etwa 40 Jahren. Das ergab eine Analyse des US-Magazins «Business Insider».

Es zeigt sich aber auch, dass die Forscher in den letzten Jahren tendenziell bei ihren ausserordentlichen Leistungen älter waren als früher.

Dafür gibt es wohl zwei Gründe: Einerseits ist in der modernen, hoch spezialisierten Forschung mehr Wissen erforderlich, um Bahnbrechendes zu entdecken. Andererseits passt der Mensch seinen Innovationsdrang auch seinem biologischen Alter an.

Kaum ein junger Forscher erhält eine der begehrten Nobelpreis-Medaillen: Das Durchschnittsalter von Nobelpreisträgern beträgt 59 Jahre.

Kaum ein junger Forscher erhält eine der begehrten Nobelpreis-Medaillen: Das Durchschnittsalter von Nobelpreisträgern beträgt 59 Jahre.

Bild: Keystone

Beide Gründe sind nicht nur für Spitzenforscher, sondern auch für Senioren gute Nachrichten: Ihr (Erfahrungs-)Wissen bekommt mehr Wert, und ihre Innovationskraft hält länger an. Nicht zuletzt ist das auch für unsere Gesellschaft als Ganzes erfreulich. Heisst das doch, dass auch eine stets älter werdende Nation wie die Schweiz noch immer Neugierde entwickeln kann.

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