Interview

Bill Gates, Kinderblut und Geheimbünde – Wer von uns ist besonders anfällig für Verschwörungstheorien? Ein Experte gibt Antworten

Warum Krisen Verschwörungstheorien befeuern und weshalb gerade Bill Gates als perfekter Bösewicht taugt: Roland Imhoff im Gespräch.

Annika Bangerter
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Taub, stumm und blind: Aber der Protestler hat den Durchblick.

Taub, stumm und blind: Aber der Protestler hat den Durchblick.

Bild: Getty Images, 16. Mai 2020 Berlin

In Zeiten von Corona bedroht nicht nur das Virus die Menschheit, sondern auch mächtige Bösewichte. Das glauben zumindest Anhänger von Verschwörungstheorien. Diese handeln von elitären Geheimbünden, die für ein längeres Leben Kinderblut trinken bis zu Microsoft-Gründer Bill Gates, der mittels Coronavirus die Weltbevölkerung dezimieren will.

Solch abstruse Theorien erreichen aktuell Millionen Menschen. Wie damit umgehen? Antworten vom Sozial- und Rechtspsychologen Roland Imhoff von der Universität Mainz. Er forscht seit Jahren über Verschwörungstheorien und deren Anhängern.

Warum gedeihen Verschwörungstheorien in Krisen besonders gut?

Roland Imhoff: In Krisenzeiten suchen Menschen verzweifelt nach Erklärungen, die genau so gross erscheinen wie das Ereignis an sich. Eine weltumspannende Verschwörung erfüllt dieses Kriterium besser als eine zufällige Laune der Natur. Insbesondere der Zufall ist etwas, das Menschen nicht gerne akzeptieren. Schuldige zu benennen verschafft uns daher Sicherheit. Wir erhalten eine scheinbare Kontrolle, weil wir den angeblich Schuldigen das Handwerk legen können.

Fällt es den Menschen einfacher an dunkle Mächte zu glauben, als eine Pandemie als solche zu akzeptieren?

Einigen zumindest, ja. Wenn Covid-19 nicht schlimmer als eine Grippe ist, haben wir morgen unser altes Leben zurück. Das Eingeständnis einer globalen Pandemie kommt mit der Gewissheit, dass es noch einige Zeit dauern kann, bis wir wieder unser gewohntes Leben führen können.

Zur Person

Roland Imhoff

Roland Imhoff

Der Sozial- und Rechtspsychologe Roland Imhoff lehrt und forscht an der Gutenberg-Universität in Mainz (DL). Er beschäftigt sich seit Jahren mit Verschwörungstheorien und deren Anhängern.

Wieso ist gerade Bill Gates zum Feindbild verkommen? Es kursiert unter anderem die Verschwörung, dass er Corona erfunden hat, um die Weltbevölkerung zu reduzieren.

Das müssen Sie diejenigen fragen, die ihn ins Spiel bringen; ich kann nur spekulieren. Es ist aber auffällig, dass insbesondere diejenigen Mächtigen, die keine klassische maskuline Dominanz verkörpern oft zur Zielscheibe werden. Das ist bei Bill Gates so, aber auch Teil des antisemitischen Stereotyps. Die Dominanz markierenden Trumps und Putins dieser Welt werden hingegen nur selten denunziert. Bei Gates spielt mit Sicherheit auch seine Unterstützung für weltweite Gesundheitsprogramme und konkret für Impfungen eine Rolle. Impfgegnerschaft und Verschwörungsnarrative sind ein eng verwobenes Feld.

Auch antisemitische Theorien oder solche zum 5G-Netz haben aktuell Hochkonjunktur.

Insgesamt fällt auf, dass neu auftretende Erzählungen häufig auf alten aufsatteln und durch Assoziationen weitergesponnen werden. So landen auffallend viele diese Argumentationen irgendwann in antisemitischen Theorien, die von einem Weltjudentum ausgehen, das die Weltherrschaft anstrebt.

Starkoch Attila Hildmann oder Sänger Xavier Naidoo verbreiten in den sozialen Medien ebenfalls Verschwörungstheorien. Mit welchen Auswirkungen?

Das können wir noch nicht beurteilen. Wir haben zwar erste Daten dazu, dass zumindest innerhalb der letzten Woche die Zustimmung zu Verschwörungsnarrativen in der deutschen Bevölkerung nicht schlagartig angestiegen ist. Es kann aber sein, dass es eine Verzögerung gibt. Gegebenenfalls auch bis die Follower alt genug sind, um in repräsentativen Umfragen aufzutauchen.

Wer ist für Verschwörungstheorien besonders anfällig?

Generell sind wir alle in der Lage, Verschwörungen zu vermuten. Das ist auch gut so, weil es im menschlichen Verhaltensarsenal durchaus die Option gibt, sich mit anderen zum Nachteil der Allgemeinheit zusammenzutun. Etwa, wenn Politiker ihre Macht missbrauchen. Dennoch unterscheiden sich Menschen in dem Grad und der Leichtfertigkeit, mit der sie zu solchen Erklärungen greifen. Eher anfällig sind Menschen, die sich als machtlos wahrnehmen oder das Gefühl haben, nur wenig Kontrolle über ihr Leben zu haben. Und auch solche, denen es besonders wichtig ist, sich selbst als einzigartig zu sehen.

Wie soll man darauf reagieren, wenn Bekannte oder Verwandte einem solche Videos schicken?

Da gibt es kein Patentrezept. Eine Option kann sein, sich darauf zu einigen, einen gewissen Skeptizismus walten zu lassen. Es ist nicht falsch, Verlautbarungen der Regierung und der offiziellen Medien zu hinterfragen. Es braucht aber dieselbe kritische Haltung gegenüber den auf Youtube geposteten Videos. Im Einzelfall kann es durchaus sinnvoll sein, über die konkreten Inhalte zu diskutieren; manchmal hilft es nicht, weil jeder Einwand als Teil eines grossen Ablenkungsmanövers denunziert wird. Ich glaube aber nicht, dass jeder, der solch ein Video weiterleitet ein geschlossenes verschwörungstheoretisches Weltbild hat.

Die Videos werden millionenfach angeschaut. Wie viele glauben den Inhalt tatsächlich?

Das können wir nicht seriös schätzen. Auch nach drei Millionen Klicks für Videos von prominenten Verschwörungstheoretikern haben wir noch keinen Hinweis auf einen messbaren Effekt in der Bevölkerung.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ab?

Es besteht eine grosse Gefahr, wenn Einzelne sich durch Verschwörungsnarrative in ihrer Abkapselung und Radikalisierung bestätigt sehen und versuchen, sich mit Gewalt zu wehren. Ich bin aber generell Optimist. Wenn wir einen Impfstoff haben und die Pandemie damit eindämmen können, sind viele Bedürfnisse befriedigt, die Verschwörungsnarrative überhaupt erst attraktiv gemacht haben.