Psychische Gesundheit
Gewalt in der Psychiatrie: «Übelste Beschimpfungen sind Alltag»

Patienten, die beschimpfen, treten oder schlagen: Damit sind Pflegende in Psychiatrien oft konfrontiert. Eine Studie zeigt, wie stark das Problem in der Schweiz verbreitet ist. Was macht das mit den Pflegefachkräften? Zwei Frauen erzählen.

Annika Bangerter
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Es sind scheinbar banale Beobachtungen, die Psychiatriepflegefachfrau Luzia Kilchmann rasch handeln lassen: Ein Patient versinkt in seiner Gedankenwelt, nimmt seine Mitmenschen kaum mehr wahr und beginnt, rastlos im Zimmer auf und ab zu gehen. «Wenn ich ihn rechtzeitig anspreche, verhindert das möglicherweise eine Eskalation, die auch in Gewalt gegen mich oder mein Team münden kann», sagt sie.

Beleidigungen, Drohungen, Tritte oder Schläge gehören zum Berufsalltag von Pflegenden in psychiatrischen Einrichtungen. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Basel. Ein Team um den Pflegewissenschafter Michael Simon hat 1128 Pflegefachkräfte in der Deutschschweiz zu ihren Gewalterfahrungen in den letzten dreissig Tagen befragt.

Die Resultate sind eindrücklich: 73 Prozent der Befragten haben mindestens einmal verbale Gewalt erlebt, 63 Prozent erlebten Sachbeschädigungen, 28 Prozent berichteten von leichter körperlicher und 14 Prozent von sexueller Gewalt. «Dass Aggressionen und Gewalt in der Psychiatrie verbreitet sind, ist bekannt. Erstaunt hat uns allerdings die Häufigkeit der Vorfälle. Dies umso mehr, weil die Institutionen bereits viel dagegen unternehmen. Aber offensichtlich braucht es deutlich mehr, um die Problematik in den Griff zu bekommen», sagt Simon.

Erfahrung und Alter helfen

Die 61-jährige Pflegefachfrau Luzia Kilchmann arbeitet seit über 40 Jahren in der Psychiatrie, aktuell in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). Verbale Gewalt hat sie ihre ganze Karriere hinweg begleitet. «Vor allem die weiblichen Pflegefachkräfte sind mit übelsten, häufig auch sexistischen Beschimpfungen konfrontiert», sagt sie. Es brauche viel Energie, um solche Entwürdigungen immer wieder zu benennen und Grenzen aufzuzeigen.

Körperlich ist Kilchmann nie attackiert worden. Allerdings hat sie Angriffe von Patientinnen und Patienten auf Teammitglieder miterlebt. Es seien die schwierigsten Momente in ihrem Berufsleben gewesen, wenn sie zu Hilfe gerufen worden sei, weil Dinge herumflogen oder jemand tätlich wurde. «Danach musste ich jeweils über die Bücher, ob ich in diesem Job weiterarbeiten will oder nicht», sagt sie. Sie blieb. Mit der Erfahrung wurde sie selbstsicherer:

«Patientinnen und Patienten haben mich als junge Frau häufig nicht ernst genommen.»

Das sei inzwischen anders. Zudem habe sich mit dem Alter eine gewisse Gelassenheit eingestellt: «Wenn jemand herumschreit, ist das für mich nicht mehr in erster Linie beängstigend», sagt Kilchmann.

Das bestätigt auch die Studie: Vor allem junge Frauen, die frisch in den Beruf einsteigen und hochprozentig arbeiten, sind von Gewalt betroffen. Ein Resultat, das in der Personalplanung berücksichtigt werden muss, findet Pflegeexpertin Fabienne Roth. Sie erinnert sich gut an eine heikle Situation während ihrer Pflegeausbildung: Eine Patientin drohte ihr, brühend heisses Teewasser ins Gesicht zu schütten. «Ich war ihr ausgeliefert und konnte nur hoffen, dass sie es nicht macht», sagt Roth. Damals wusste sie nicht, wie reagieren.

Heute würde sie gar nicht mehr in eine solche Situation geraten, sagt sie: «Die Patientin fühlte sich vermutlich durch mich in eine Ecke gedrängt. Ich realisierte damals aber nicht, dass ich ihr die Möglichkeit nahm, sich der Situation zu entziehen.» Roth ist heute Pflegeexpertin für Aggressionsprävention und Deeskalation in den UPK Basel.

Der Vorfall ging glimpflich aus, es blieb bei der Drohung. Dass solch spannungsgeladene Situationen aber auch eskalieren, zeigt die Studie. Fast ein Drittel der Befragten gaben an, in ihrem Berufsleben schwere Gewalt erlebt zu haben. «Wir haben nach schweren körperlichen Verletzungen wie Fleischwunden, ausgeschlagenen Zähnen oder gebrochenen Knochen gefragt. Diese hohe Zahl der Betroffenen hat uns daher überrascht», sagt Simon.

Die Studienresultate decken sich mit den Rückmeldungen aus den Fortbildungskursen, die Fabienne Roth gibt. Sie gibt aber zu bedenken: «Gewalt ist nicht nur ein Problem der psychiatrischen Versorgung. Auch andere Bereiche des Gesundheitswesens sind betroffen – etwa die Notfallstationen der Spitäler.»

Gewalt als Versuch, sich mitzuteilen

Es sei zentral, das Thema nicht aus einer Opfer-Täter-Perspektive anzuschauen. «Ich erlebe Aggressionen und Gewalt in meinem Berufsalltag. Gleichzeitig übe ich Gewalt aus, wenn Zwangsmassnahmen unausweichlich werden», sagt Roth. Diese würden zurückhaltend angewandt. Etwa, wenn ein Patient aufgrund akuter Fremdgefährdung gegen seinen Willen in ein Isolationszimmer gebracht werden muss. «Ist jemand in einer Psychose und sieht in mir und meinen Mitarbeitenden Teufel, die auf ihn zukommen, wehrt er sich aus einer grossen Not heraus. Dass die Massnahmen zu seinem Schutz sind, kann er aufgrund des Zustands nicht erkennen», sagt Roth.

Nicht alle Abteilungen in den Psychiatrien sind gleich häufig mit Gewalt konfrontiert. Studienautor Simon erwartet die grössten Risiken in der Akut- und Gerontopsychiatrie mit den dementen Patienten. Studien, in welchen Abteilungen Gewalt besonders häufig vorkommt, stünden noch aus. Ebenfalls, wie die betroffenen Pflegenden damit umgehen.

Für Pflegeexpertin Roth ist die Nachsorge zentral. Das geschieht mit dem Patienten, innerhalb des Teams und bei Bedarf mit einem Care-Team oder einer externen Anlaufstelle. Sie sagt:

«Gewalt und Aggressionen sind immer ein Mitteilungsversuch, wenn auch ein inadäquater.»

Deshalb würde bereits beim Eintritt eines Patienten das entsprechende Risiko erhoben, eingeschätzt und die Behandlung geplant. «Wichtig ist, dass Patienten und Angehörige in die Planung einbezogen werden. Dieses Vorgehen beugt viel Gewalt vor», sagt Roth.

Pflegefachfrau Luzia Kilchmann sieht im Personalschlüssel einen entscheidenden Hebel, um Gewalt in der Psychiatrie zu vermindern: «Es braucht gut ausgebildetes Personal, das über genügend Zeit verfügt. Ausschliesslich unter solchen Rahmenbedingungen lassen sich Spannungen frühzeitig wahrnehmen und auffangen», sagt sie.

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