Poetry-Slammer in St.Gallen dichten gegen Faserpelze und Veganer

Wenige Minuten Text entscheiden beim Poetry Slam über Niederlage oder Sieg. Bei der 66. Ausgabe des St.Galler Slams zeigt sich: Das Literaturformat zieht noch immer.

Urs-Peter Zwingli
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Ein rabiater Auftritt mit Texten zu Reizthemen: Newcomerin Rebekka Lindauer ging als Siegerin des Dichterwettstreits in der Grabenhalle hervor. (Bild: Michel Canonica)

Ein rabiater Auftritt mit Texten zu Reizthemen: Newcomerin Rebekka Lindauer ging als Siegerin des Dichterwettstreits in der Grabenhalle hervor. (Bild: Michel Canonica)

Dies ist ein Artikel der« Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Poetry Slam ist wild und unberechenbar. Das macht das Format interessant, auch ich werde noch immer überrascht», sagt Lukas Hofstetter. Er veranstaltet seit 2'000 Poetry Slams. Am Freitag ging in der St.Galler Grabenhalle der 66. Dichterwettstreit unter seiner Leitung über die Bühne. Und tatsächlich performten die neun Poetinnen und Poeten stilistisch völlig unterschiedliche Texte. Vom dadaistischen Groschenroman über gereimte Traumreisen bis zu einer zotigen Wutrede über Funktionskleidung war vieles dabei.

Dass solche rohen Sprachperformances gefragt bleiben, zeigte der Publikumsandrang: Die Schlange zog sich über den Grabenhalle-Vorplatz. Und als die Moderatoren Etrit Hasler und Ralph Weibel fragten, wer zum ersten Mal an einem Slam sei, streckte ein Viertel des jungen Publikums auf. «Ernsthaft!? Wo habt ihr eure Jugend verbracht, in Mörschwil?», frotzelte Hasler. Und gab einen Crashkurs zu den Grundregeln. In der Vorrunde haben die neun Poetinnen und Poeten jeweils sechs Minuten Zeit, Kostüme und Kleintiere sind beim Vortragen nicht erlaubt. Fünf zufällig ausgewählte Personen im Publikum bewerten die Texte mit Noten von 1 bis 10, wobei die 10 für einen Text steht, «der einen kollektiven Orgasmus auslöst». Nach der Vorrunde bestreiten die drei Poeten mit der höchsten Punktzahl das Finale. Als Preis winkt eine Flasche Whisky.

«Mais, der mit Champagner gegossen wurde»

Die junge Augsburgerin Ezgi Zengin musste per Losentscheid als Erste auf die Bühne: Keine einfache Aufgabe, war das Publikum doch noch verhalten drauf. Zengin schlug sich respektabel mit einem Text über das Aufräumen, das in einer Netflix-Serie angepriesen wird. «Dahinter steckt doch nur der Wunsch, durch das Ausmisten unser Leben auf die Reihe zu bringen», sagte sie.

Der Konstanzer Marvin Suckut schaffte es als Erster, das Publikum zum Ausrasten zu bringen: Er trug einen Text über den Samichlaus im Weihnachtsstress mit seinen Rentieren vor – und zeigte, wie wichtig die Performance im Slam ist: Suckut las maschinengewehrhaft und verlieh seinen Figuren Trickfilmstimmen. Sowieso zeigte sich an diesem Abend, dass Poetry Slam vor allem Unterhaltung bedeutet: Comedywürdige Texte kommen in der Halle am besten an, Texte mit kritischem Unterton sind die Ausnahme.

Idealerweise mischt man die beiden Ansprüche zu böser Satire, wie das der Berliner Noah Klaus machte: Er forderte, dass die Menschen darauf verzichten sollten, sich fortzupflanzen. So wären die Jahre bis zum Aussterben der Menschheit eine verschwenderische Party: «Wir könnten Schweine essen die mit Hühnern gefüttert wurden die nur Mais gegessen haben, der mit Champagner gegossen wurde».

Poltern am Beizentisch

Rebekka Lindauer, eine Newcomerin der Slam- und Comedyszene, drosch im breitesten Züridialekt auf Träger von Jack Wolfskin-Faserpelzen ein: «Funktionstextilien sind beziehungs- und karriereabweisend.» Und das Zwiebelprinzip heisse so, weil der Anblick eines Menschen in Funktionskleidern «in den Augen brennt». Eine kluge Zeitgeist-Beschreibung lieferte Marguerite Meyer, die über #Foodporn und weitere Auswüchse von Social Media sprach: «Was ist Diskurs noch, wenn sich alle gegenseitig ihre Slogans ins Gesicht schleudern?!»

Die rabiat auftretende Lindauer, die man sich auch polternd an einem Stammtisch vorstellen kann, zog ins Finale ein – gemeinsam mit Sprachakrobat Suckut und Phibi Reichling. Dieser hatte als einziger einen gereimten Text – sogar mit einer Prise Rapstil - vorgetragen und sich in seine Performance körperlich hineingesteigert: Am Ende des Zeitlimits musst er von den Moderatoren von der Bühne gezerrt werden.

Lindauer hatte mit ihren herrlich politisch unkorrekten Texten das Herz des Publikums schon in der Vorrunde gewonnen. Als sie sich dann als fleischliebende «Viandine» bekannte und sich über das dankbare Reizthema Veganer ausliess, war ihr der Sieg nicht mehr zu nehmen. Die gewonnene Whiskyflasche köpfte sie noch auf der Bühne und teilte sie mit ihren Mitstreitern.

Poetry Slam live erleben

Heute Sonntag, 10. Februar, ab 19 Uhr, Südbar St.Gallen: Lesebühne Tatwort #61 mit dem Berliner Poetry-Slammer Noah Klaus.

Weitere Poetry Slams und Lesebühnen finden monatlich in St.Gallen statt. Infos auf http://slamgallen.ch/events/