Dichtestress mal anders
Platz da! – Männer machen sich im Zug zu breit

Männer machen sich im Zug und Tram zu breit. In New York geht man jetzt sogar mit einer Kampagne gegen sie vor. Von Breitmachern und anderen Platzproblemen im öffentlichen Verkehr.

Alexandra Fitz
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Sollen umerzogen werden: Breitbeinig sitzende Männer in der U-Bahn.

Sollen umerzogen werden: Breitbeinig sitzende Männer in der U-Bahn.

Keystone

Vorsichtig, ein wenig verschämt, drückt sie ihr linkes Bein gegen seines. Eigentlich ist es ihr zuwider. Aber sie fühlt sich beengt, ihres Platzes beraubt. Und wie schon so oft morgens im Zug fragt sie sich: warum manche Männer im öV immer so breitbeinig dasitzen und mit ihrer Gespreizte-Beine-Manier die anderen Fahrgäste einengen, wegdrängen, ja manchmal gar zum Stehen zwingen.

In New York ist man von den Breitbeinigen im öffentlichen Verkehr gar so genervt, dass die Verkehrsbetriebe (MTA) eine Werbekampagne für ein besseres Miteinander im Pendlerstress gestartet haben. Das Motto: «Courtesy Counts: Manners Make a better Ride» («Höflichkeit zählt: Gutes Benehmen sorgt für eine bessere Fahrt»). Dabei werden insbesondere Männer angesprochen. Sprüche wie «Dude, Close your Legs» («Hey Mann, mach deine Beine zusammen») zieren nun die Wände der U-Bahn, Busse und Züge. Ziel der Kampagne ist es, Männer zu einer mehr geschlossenen Sitzposition zu bewegen. Für die vorwiegend männliche, unflätige Unart gibts natürlich bereits eine Bezeichnung: «Manspreading». Gemeint ist, dass man(n) sich beim Sitzen nicht so ausbreiten soll.

Sich mit dem Körper inszenieren

Viele Frauen fühlen sich von den Manierlosen bedrängt, belästigt, manche unter ihnen gar sexuell. Sie empfinden es als testosterongeschwängertes Macho-Gehabe. Warum sitzen Männer so?

In erster Linie ist es doch anatomisch bedingt: Für Männer ist es schlichtweg bequemer breitbeinig zu sitzen. Damit nichts einengt, nichts quetscht. Oder ist es evolutionsbedingtes Revier- und Dominanzverhalten? «Nein ist es nicht. Es ist Inszenierung und Wirkung nach aussen», erklärt Frank Luck, Geschlechterforscher an der Universität Basel. Wahre Männlichkeit leite sich von einem bestimmten Umgang mit dem Körper ab. Der Körper sei ein Mittel – wie inszeniere ich mich? Wie wirke ich? Dies sei sozialisationsbedingt, sagt der Wissenschafter vom Zentrum Gender Studies.

Vielleicht gibt es auch medizinische, gesundheitliche Gründe, denen sich manch breitbeiniger Bursche zu übertrieben beugt. Spreizen sie zum Schutz der Spermienproduktion die Beine?

Tatsächlich: Hoden sollten es nicht zu warm haben, denn die Temperatur hat einen Einfluss auf die Qualität der Samenproduktion. Die Hoden haben ein eigenes Kühlsystem – das funktioniert beim Stehen und Gehen. Nicht aber beim Sitzen – insbesondere nicht bei übereinandergeschlagenen Beinen. Doch Urologen entwarnen: Eine halbe Stunde mit überkreuzten Beinen «Im-Zug-Sitzen» erhöht zwar die Temperatur zwischen den Beinen, die Zeit reiche aber nicht aus, um einen wirklichen Schaden anzurichten.

Beine so breit wie Schultern

Aber von überschlagenen Männer-Beinen spricht auch niemand, sie sollen sich einfach mehr annähern. Knigge-Trainerin Chantal Heller weiss, dass es für Männer einfach angenehmer ist, breitbeinig zu sitzen, und dies sollten Frauen ihrer Meinung nach akzeptieren. Aber es müsse immer noch anständig sein. Deshalb ihr Tipp für die richtige Sitzposition und das Maximum an Bein-Gespreize: «Männer dürfen ihre Beine so breit stellen wie ihre Schultern sind. Dann sind sie niemandem im Weg und bleiben in ihrem Revier.» Also Schultern und Beine auf gleicher Höhe.

Auf der Blogging-Plattform Tumblr widmen sich zahlreiche User dem Thema, indem sie Fotos von Breitbeinigen im Nahverkehr veröffentlichen (auch wir haben unsere Bilder dort gefunden). Diverse Blogs gehen noch einen Schritt weiter: Per Fotomontage setzen sie den Männern grössere Dinge zwischen die Beine, um zu zeigen, was bei dieser übertriebenen Sitzposition alles Platz hätte.

Den New Yorkern ist die Ursache – ob Macho-Gehabe, Bequemlichkeit oder Evolution – nicht wichtig, sie wollen mehr Plätze für andere Fahrgäste freihalten. Als zweite Stadt in Amerika will Philadelphia den Breitmachern den Garaus machen, und zwar mit folgendem Spruch: «Dude It’s Rude . . . Two Seats – Really?» – «Mann, das ist echt unfreundlich . . . zwei Sitze – wirklich?»

Komm mir ja nicht zu nahe

Aber das Sich-Breit-Machen ist kein blosses Männerphänomen. Nein, wer pendelt, erlebt jeden Tag Fahrgäste, die in rappelvollen Zügen ganz selbstverständlich ihre Taschen auf den Sitz neben sich stellen – manchmal auch noch ein Gepäckstück auf den Sitz vis à vis hieven – und nur missmutig den Platz freiräumen, wenn sie darum gebeten werden. Von alleine? Selten.

Unsere Fahrkultur in öffentlichen Transportmitteln ist allgemein sehr von einer «Komm mir ja nicht zu nahe»-Auffassung geprägt. Steigen wir ein, setzen wir uns weit weg von den anderen Passagieren. Deswegen fühlen sich auch einige in ihrer Freiheit beschränkt, wenn nach dem Platz neben ihnen gefragt wird, und reagieren dann mürrisch.

Wer darf sitzen?

Bisher waltet nur die ungeschriebene Regel, dass manche Leute mehr Anrecht haben auf einen Sitzplatz. Okay, an den Wänden kleben Sticker mit den Personen, die bei Platzmangel bevorzugt werden sollen. Aber welche Passagiere sind das genau? Es sind Ältere, Verletzte, Schwangere. Was ist, wenn jemand sehr dick ist, man ihm ansieht, dass ihm das Stehen Mühe bereitet? Darf man dem Dicken seinen Platz anbieten oder ist das frech? Oder hat er überhaupt mehr Recht zu sitzen? Es gibt auch ältere Menschen, die mitunter gar pikiert sind, wenn wir sie zu alt schätzen und für sie aufstehen. Wieso fragen «Bedürftige» nicht einfach nach einem Sitzplatz?
Leute, die wirklich ausschliesslich ihr Gepäck neben sich sitzen haben wollen, können sich auf den allgemeinen Personentarif des Schweizerischen Verkehrs berufen: Dort steht beim Thema Handgepäck nämlich, dass man sein Gepäck auf einem Sitzplatz mitnehmen darf, wenn man dafür ein gewöhnliches Billett zum halben Preis löst. Das heisst: In der Theorie ist es möglich, im Alltag macht das niemand. Christian Ginsig, Mediensprecher der SBB, betont, dass ihm das in seinen 10 000 Fahrtkilometern im öffentlichen Verkehr noch nie untergekommen ist. Zum Glück. Man darf gespannt sein auf den ersten «Wer zahlt befiehlt»-Platz-Dialog im vollgestopften Zug: «Entschuldigung, ist der Platz noch frei?» «Nein, da sitzt mein Rucksack. Er hat ein Billett.»

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