Plastik ist besser als sein Ruf

Politiker und Umweltorganisationen haben dem Kunststoff den Kampf angesagt. Doch manchmal sind Verpackungen gut für die Umwelt. Entscheidend ist die Ökobilanz eines Produkts.

Andrea Söldi
Drucken
Teilen
Was belastet die Umwelt mehr, die Verpackung aus Kunststoff oder die Produktion der Tomaten? (Bild: Getty)

Was belastet die Umwelt mehr, die Verpackung aus Kunststoff oder die Produktion der Tomaten? (Bild: Getty)

Plastikmüll ist zurzeit ein grosses Thema. Die EU will Einweg­geschirr, Trinkröhrli und Wattestäbchen aus Kunststoff verbieten. Greenpeace appelliert an die Grossverteiler und Konzerne, ihre Verpackungen zu reduzieren – unterstützt vom Nationalrat, der Mitte Dezember entschieden hat, Massnahmen zu ergreifen. Doch was genau ist eigentlich der Nutzen all dieser Bemühungen?

«In der öffentlichen Debatte wird die Relevanz des Themas Verpackungen eher überschätzt», sagt Matthias Stucki, Leiter der Forschungsgruppe Ökobilanzierung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Ein Kehrichtsack voll Frischhalteschalen, Joghurtbechern und Kunststofffolien steche halt mehr ins Auge als andere, weniger offensichtliche Umweltbelastungen. So wie auch eine Wiese voll Abfall die Gemüter stärker erhitzt als Verschmutzungen wie etwa Feinstaub oder Ozon.

Entscheidend ist, wie das Problem analysiert wird

Doch Lebensmittelverpackungen machen in der Ökobilanz eines Produkts weniger als fünf Prozent aus. Auch der Transport fällt viel weniger stark ins Gewicht als oft angenommen – vorausgesetzt, er erfolgt nicht per Flugzeug. «Was ins Gewicht fällt, ist vor allem die Herstellung», sagt der Umweltnaturwissenschafter. Die Landwirtschaft sei sehr umweltbelastend – je nach Art des Erzeugnisses. Klimagase entstehen besonders durch den Treibstoffverbrauch, den Einsatz von Düngemitteln, die Beheizung von Treibhäusern und die Abholzung von Regenwäldern, die für den Futtermittelanbau zur Fleischproduktion betrieben wird. Zudem kommen viele Pestizide zum Einsatz. All diese Faktoren seien deutlich entscheidender für die Umweltbilanz als die Verpackung, sagt Stucki.

Wobei die Bewertung immer auch davon abhängt, welche Faktoren einbezogen und wie sie gewichtet werden. Die Ökobilanzmethodik, mit der die ZHAW-Forschungsgruppe in Wädenswil arbeitet, berücksichtigt Umweltauswirkungen wie Energie- und Wasserverbrauch, Ausstoss von Klimagasen und Rückstände in Boden, Luft und Gewässern im gesamten Produktezyklus. Probleme wie Littering und Kunststoffverschmutzung der Meere dagegen bilden sich in den Beurteilungen nicht ab.

Abfallberge aus Plastik bei einer Recyclingfirma in Eschlikon. Aus den sortenreinen Kunststoffen werden Recyclingkunststoffe (Regranulate) für neue Produkte hergestellt. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey)

Abfallberge aus Plastik bei einer Recyclingfirma in Eschlikon. Aus den sortenreinen Kunststoffen werden Recyclingkunststoffe (Regranulate) für neue Produkte hergestellt. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey)

Auch in Europa landen PET-Flaschen, Plastiksäcke, Zigarettenfilter und Damenbinden zuweilen in der Landschaft und in Gewässern, die sie in die Meere tragen. Der Grossteil des Plastikmülls im Meer stamme jedoch aus Flüssen in Asien, sagt Stucki. In Europa dagegen würden Verpackungen meist fachgerecht entsorgt. Jedoch wird auch in europäischen Ländern Abfall immer noch deponiert. «In diesem Fall wären eventuell biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien eine Alternative.»

Auch bei Bioplastik kommt es auf die Ökobilanz an

So gut wie sein Ruf ist biologisch abbaubarer Plastik aber längst nicht immer. In Bioläden etwa stehen für das Gemüse häufig kompostierbare Plastiksäcklein bereit. Doch die Eigenschaften dieser Materialien können meist noch nicht mit jenen von Polyethylen und anderen gängigen Kunststoffen mithalten. Häufig sind sie durchlässiger für Gase, was die Haltbarkeit von Lebensmitteln vermindert.

Eine andere Kategorie sind Verpackungen aus erneuerbaren Rohstoffen. Sie werden allgemein mit Nähe zur Natur verbunden. Die Migros verkauft zum Beispiel ihre Biomostbröckli in einer Hülle, die teils aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, und Coop die Bioäpfel in einer Schale, die 40 Prozent Gras enthält. Konzerne wie Coca Cola arbeiten an Getränkeflaschen, die mindestens zu einem Teil aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellt werden – etwa aus Ethanol, das aus Zuckerrohr gewonnen wird.

Viele dieser Materialien stehen aber in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion und weisen insgesamt keine bessere Ökobilanz auf als herkömmliche fossile Kunststoffe. Der Maisanbau zur Herstellung von Plastik etwa sei ökologisch nicht sinnvoll, sagt Stucki. Vernünftig seien höchstens Kunststoffe aus Abfällen und Nebenprodukten wie etwa Holz oder Stroh.

Wenn Verpackungen Foodwaste verringern

Papier und Karton sind ebenfalls nicht unbedingt umweltfreundlicher als Plastik. Sie werden zwar aus Holz gefertigt, einem nachwachsendem Rohstoff, doch der Produktionsprozess ist energieintensiv. Zudem braucht es mehr Material, um den gleichen Zweck zu erfüllen: Ein Papiersack ist viel schwerer als ein dünner Raschelplastiksack. Und sogar die gute alte Stofftasche wird ihrem ökologischen Image nur bedingt gerecht: Der Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle benötigt viel Energie und Wasser, und häufig kommen Pestizide zum Einsatz. Erst wenn eine Baumwolltasche über 80 Mal gebraucht wird, ist sie ökologischer als ein Sack aus mehrheitlich rezykliertem Kunststoff.

«Wenn Verpackungen helfen, Foodwaste zu vermeiden, sind sie sinnvoll», sagt Matthias Stucki. Dennoch sieht er bei den Grossverteilern beträchtliches Potenzial: Der Verzicht auf Flugzeugtransporte sowie eine bessere Vermarktung pflanzlicher Lebensmittel hätten einen weit grösseren Effekt.