Analyse

«Physical Distancing» statt «Social Distancing» – Skype und Co machens möglich

Der Mensch will sehen und gesehen werden. In Zeiten wie diesen hilft die Video-Telefonie. Doch sie hat so ihre Tücken.

Katja Fischer de Santi
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Bilder: Getty Images

Und plötzlich sitzen wir den ganzen Tag allein vor dem Computer. Starren in den Bildschirm, der unser verbliebenes Tor zur Welt ist. Unsere Nabelschnur zu den anderen in ihren Heimbüros, an ihren Küchen­tischen, in ihren Schlafzimmern. Die Sitzungszimmer und die Restaurants des Landes, sie bleiben leer, derweil die Drähte heisslaufen, die Dienstleister von Konferenztelefongesprächen aufrüsten müssen, das Netz fast zusammenbricht. Wir sind gemeinsam allein. Pflegen einen virenfreien Kontakt dank Zoom, Skype, Facetime, Whats­app-Videoanruf oder Google Hangout. Weil der Mensch nicht nur gehört werden will, sondern wirklich gesehen. Wir sind gemeinsam allein.

Der Ton bricht ab, das Bild friert ein

Ein Klick, und schon erscheint frühmorgens das noch eigene verschlafene Gesicht auf den Bildschirmen aller Teammitglieder. Und wer hätte gedacht, dass man sich einmal so freuen könnte, andere verschlafene Gesichter zu sehen.

Auch wenn vieles an der ­Videotelefonie noch etwas Mühe breitet – der Ton bricht ab, das Bild friert ein, das Gesagte ertönt mehrere Sekunden verzögert –, sie ist gerade jetzt ein Segen. Zwar fragt dauernd jemand «Hört ihr mich noch?» oder «Ist dein Mikrofon aus?» und irgendwer raschelt immer mit Papier, doch gerade jetzt ist das alles egal, Hauptsache, da ist jemand, Hauptsache, jemand hört und sieht uns.

Zwar können wir nicht mehr gemeinsam Kaffee trinken, uns nicht mehr zur Begrüssung umarmen, drei Küsschen hier, ein Handschlag da. Doch wir kommen uns unverhofft gleichwohl näher. Dank Videotelefonie sehen wir uns plötzlich täglich in die gute Stube.

Da arbeitet man jahrelang zusammen, aber in der Wohnung der Kollegin war man nie, ihre Kinder hat man nur auf Fotos gesehen, von ihrer Katze nur gehört. Und jetzt sitzt genau diese Katze auf der Tastatur, schnurrt für alle hörbar ins Mi­krofon. Oder man fragt sich während der ganzen Sitzung, was für seltsame Bilder beim Kollegen in seinem Home-Office an der Wand hängen. Und hat die Praktikantin wirklich noch ihr Pyjama-Oberteil an? Wir arbeiten weit entfernt voneinander und waren doch selten so authentisch.

Alle Freunde sind plötzlich gleich weit weg

Der Lockdown macht selbst Telefonmuffel gesprächig. Eine Freundin, die seit zwei Jahren in Grossbritannien lebt, erzählt, dass sie noch nie so viele Skype-­Anrufe aus der Schweiz erhielt wie in den letzten Tagen. ­Plötzlich sind alle gleich weit weg voneinander. Die Grossmutter wie der Nachbar, der Freund im gleichen Dorf wie die Freundin auf einem anderen Kontinent. Wenn es keine zu­fälligen oder ritualisierten Kontakte mehr gibt – auf der Arbeit, in Vereinen, in der Nachbarschaft –, dann muss man sich bemühen. Sich daran erinnern, wer einem ­wirklich lieb und wichtig ist. Wir kümmern uns, per Dekret zum Abstand gezwungen, besser umeinander, als wenn wir ständig aufeinanderhocken.

«Bleiben Sie gesund», schreiben sich auch fast Fremde per E-Mail. Kontakte, mit denen man sonst nur Geschäftliches besprach, erkundigen sich nach den Kindern, wie es den Eltern gehe und ob man auch genug an die frische Luft komme.

Die letzte nicht digitale Generation nicht vergessen

Von der digitalen Dauerkommunikation ausgeschlossen sind genau jene Menschen, die man jetzt die «Risikogruppe» nennt. Die ältere Generation, die nicht gelernt hat, Beziehungen ins Digitale zu verlagern, die nicht mit Gruppenchats und digitalen Küsschen aufgewachsen ist. Für sie wird aus Social Distancing schnell echte Isolation. Darum sollten wir die Grosseltern, die ältere Nachbarin, den allein­stehenden Grossonkel nicht vergessen und einfach einmal anru­fen. Vielleicht kann man ihnen dabei auch gerade erklären, wie das mit Facetime und Gruppen­chats funktionieren würde.

Denn Social Distancing meint eigentlich nur Physical Distancing, wir bleiben im Kontakt, nur eben anders. Übrigens: Wem nach fünf viel zu langen Skype-Meetings und drei chaotischen Familiengruppenanrufen nicht mehr danach ist, seine Freunde abends via House­party-App aufs Sofa einzuladen, der kann den Bildschirm auch einfach einmal abstellen. Richtig allein zu sein, dafür ist jetzt gerade ebenfalls einmal die Gelegenheit. Zumindest bis zum nächsten Gruppencall.

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