Soziale Medien
Perfekt ist out: Jetzt zeigen alle ihre Makel

Erst präsentierten sich alle schön und schlank. Nun zelebrieren Frauen ihre Unperfektheit und stellen Bilder von Dehnungsstreifen ins Netz.

Martina Odermatt
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Makellosigkeit ist nicht mehr gefragt.

Makellosigkeit ist nicht mehr gefragt.

Getty Images/iStockphoto

Vor ein paar Jahren verglichen Teenies noch ihren «Thigh-Gap», also die Lücke zwischen ihren Oberschenkeln. Je grösser diese Lücke war, umso besser. Obwohl dieser Spalt anscheinend genetisch bedingt sein soll und es auf die Anatomie und den Knochenbau der Frau ankommt, hungerten etliche Mädchen, um sich auch mit einem «Thigh-Gap» zeigen zu können.

In den sozialen Netzwerken wimmelte es von dünnbeinigen Teenagern, die der Welt stolz ihre Oberschenkel-Lücke zur Schau stellten.

Etwas später folgte der nächste Trend: Die «Bikini-Bridge», also die «Brücke», die es gibt, wenn der Stoff der Bikinihose sich über die Beckenknochen spannt. Auch da machten viele junge Mädchen mit. Sie wollten zeigen, wie fit und schlank sie sind.

Ganz schön unperfekt

Dieser Drang, auf sozialen Medien möglichst perfekt zu erscheinen, hat sich in der Zwischenzeit in das Gegenteil gewandelt. Das weibliche Geschlecht ist selbstbewusster geworden. Heute setzen Mädchen und Frauen nicht mehr ihre perfekten Körper in Szene, sondern viel mehr ihre Makel und Schwächen. Man muss aber auch festhalten, dass sich der Grossteil der Damen aber dennoch sehr ästhetisch präsentiert und inszeniert.

Mit ihren Bildern wollen sie nicht um Mitleid heischen, sondern zeigen, dass Sie sich so akzeptieren, wie sie sind.

Ein Beispiel dafür ist der Rummel um #regrettingmotherhood (Ich bereue dich Mutterschaft). Die israelische Soziologin Orna Donath brachte den Stein ins Rollen als sie in einer Studie Mütter im Alter zwischen 20 und 70 folgendes gefragt hatte: «Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?» 23 Mütter verneinten. Das brachte die sozialen Netzwerke zum Explodieren. Mütter, die öffentlich dazu stehen, dass sie ihr Muttersein bereuen? Skandal! Aufschrei! Mütter haben ihre Kinder zu lieben!

Auf Twitter erzählten etliche Frauen von ähnlichen Gefühlen, andere wiederum konnten die Reue dieser Mütter überhaupt nicht nachvollziehen. Doch sollte öffentlich über so eine intime Frage wie diese überhaupt gesprochen werden? Muss man solche Aussagen öffentlich in die Welt hinaus posaunen? Schliesslich haben diese Frauen ja Kinder, und die dürften sich nicht so über die Aussagen ihrer Mütter freuen.

Eine Welle der Solidarität

Man muss solche Äusserungen nicht öffentlich machen, aber man darf. Und dabei geht es nicht darum, einen Schuldigen zu finden für die Gefühle dieser Mütter, sondern dass über solche Themen gesprochen wird. Mit anderen über diese Reuegefühle zu sprechen, enttabuisiert das Thema und schafft so Akzeptanz. Akzeptanz dafür, dass nicht jede Mutter Karriere, Kind und Haushalt unter einen Hut bringen kann. Akzeptanz dafür, dass es sowohl Super-Mütter gibt, aber auch solche, die scheitern und ihr Muttersein bereuen.

Chrissy Teigen Das amerikanische Bikini-Model Chrissy Teigen postete auf dem Netzwerk Instagram ein Foto auf dem – zugegeben ganz leichte – Dehnungsstreifen zu sehen sind. Ihr Kommentar: «Streifen sagt Hallo!» Ermutigt posteten daraufhin etliche Frauen unter dem Hashtag #Loveyourlines Bilder von ihren Dehnungsstreifen.

Chrissy Teigen Das amerikanische Bikini-Model Chrissy Teigen postete auf dem Netzwerk Instagram ein Foto auf dem – zugegeben ganz leichte – Dehnungsstreifen zu sehen sind. Ihr Kommentar: «Streifen sagt Hallo!» Ermutigt posteten daraufhin etliche Frauen unter dem Hashtag #Loveyourlines Bilder von ihren Dehnungsstreifen.

KEYSTONE

Auch Rupi Kaur, Autorin und Künstlerin aus Kanada, hat auf einem sozialen Netzwerk eine Debatte ausgelöst. Auf Instagram hatte sie ein Foto veröffentlicht, auf welchem eine Frau seitlich auf einem Bett liegt. Sie ist vollständig bekleidet. Auf ihrer Trainerhose sowie auf dem weissen Bettlaken unter ihr ist allerdings ein Blutfleck sichtbar. Zu viel für Instagram: Sie löschten das Bild. Die Reaktion von Rupi Kaur kam prompt. Sie stellte das Bild nochmals online und schrieb darunter: «Ich blute jeden Monat, um die Menschheit möglich zu machen. Fotos von Frauen in Unterwäsche werden toleriert, solche einer voll bekleideten Frau mit einem Blutfleck auf der Trainerhose werden gelöscht. Das ist nicht okay.»

In der Tat scheint es, als wäre das Thema Menstruation etwas extrem ekliges und darüber zu reden und sie in Szene zu setzen ein No-go. So wie auch einst Bilder mit Dehnungsstreifen in sozialen Netzwerken ein No-go waren.

Welchen Makel haben Sie? Schreiben Sie uns.

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