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Kommentar

Hurra, wir sind ein Jahr älter!

Wann ist man eigentlich alt? Wenn man vergesslich wird? Nicht mehr joggen gehen kann? Morgens in aller Herrgottsfrühe erwacht? Editorial zum Jahresende und zum Start unserer Jahresend-Serie «Generationen».
Patrik Müller
Patrik Müller, Leiter Mantelredaktion

Patrik Müller,
Leiter Mantelredaktion

Zu den wenigen Gewissheiten, die 2019 mit sich bringen wird, gehört, dass wir alle wieder ein Jahr älter werden. Diese Unausweichlichkeit dürfte bei den wenigsten Menschen euphorische Gefühle hervorrufen; einzig Kinder wünschen sich oft, älter zu sein, als sie sind. Dabei gibt es durchaus objektive Gründe, sich auch später auf den nächsten Geburtstag zu freuen: Die wissenschaftliche Glückforschung, eine durchaus seriöse Sache, hat herausgefunden, dass die Zufriedenheit der Menschen ab Mitte 40 bis ins hohe Alter laufend zunimmt. Vor 40 drückt oft die Last der Verantwortung, kombiniert mit unsicheren Zukunfts­gefühlen: Viele haben einen strengen Job, eine Hypothek und Kinder, von denen sie nicht wissen, ob sie ihren Weg machen werden oder nicht. Ab Mitte 40 wächst die Entspannung, so die Forschung, und Grosseltern würden zu den glücklichsten Menschen überhaupt gehören.

Doch letztlich ist das alles individuell. Ebenso wie die Frage: Wann ist man eigentlich alt? Wenn man vergesslich wird? Nicht mehr joggen gehen kann? Morgens in aller Herrgottsfrühe erwacht? Mühe bekommt, eine Stelle zu finden? Alles eine Frage der Einstellung – und der Perspektive: Für eine Erstklässlerin ist die 35-jährige Lehrerin vielleicht schon alt. Eine doppelt so alte Person wiederum kann durchaus jung wirken. Altersforscher sagen aufgrund der steigenden Lebenserwartung, mit 60 sei man heute «mittelalterlich»; früher war man das mit 50. Unsere Zeitung setzt sich diese Woche in einer Serie mit den Generationen auseinander. Wir starten mit den 30-Jährigen: Ein Reporter, der diese Schwelle eben überschritten hat, beschreibt, wie es ist, definitiv im Erwachsenenalter angekommen zu sein.

«Trotz dem Gerede vom Generationengraben verstehen sich Jung und Alt heutzutage womöglich besser denn je.»

Lernen kann man von jeder Generation. Eindrücklich sind die Erfahrungen hochbetagter Menschen: In unserer Serie interviewt eine Redaktorin ihren 106-jährigen Verwandten, der zwei Weltkriege erlebt hat und dessen ebenso trockene wie bedenkenswerte Devise lautet: «Durchstehen, was durchzustehen ist, und geniessen, was zu geniessen ist.» Der legendäre Banker Oswald Grübel wiederum sagt, er habe in seinem Leben immer von jungen Menschen am meisten gelernt. Trotz dem Gerede vom Generationengraben verstehen sich Jung und Alt heutzutage womöglich besser denn je: Noch nie waren beispielsweise Grosseltern so engagiert in der Kinderbetreuung wie heute. Manches Elternpaar könnte sonst Familie und Beruf nicht vereinbaren.

Doch leider werden in der Politik die Generationen oft gegeneinander ausgespielt. Wohl auch 2019, wenn die Schweiz einen neuen Versuch für eine AHV-Revision unternimmt und, einmal mehr, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen ein grosses Thema sein wird. Unschön ist dabei vor allem, dass das Alter und die steigende Lebenserwartung ­ in der Politik fast immer in einem negativen Zusammenhang diskutiert werden. Doch wäre uns das Gegenteil lieber: dass die Lebenserwartung, wie etwa in Russland und neuerdings auch in den USA, zurückgeht? Zwar freuen sich die wenigsten auf ihren nächsten Geburtstag – wohl aber darauf, dass wir länger leben und auch länger gesund bleiben. Zu Recht. Ein gutes neues Jahr!

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