Paranoia in der Stadt

Ein Strassenkrieg hält derzeit ein paar Dutzend Zürcher und deren Angehörige in Atem. Der Mordsspass hat einen Namen: «City Assassin». Ein Wasserpistolen- Spiel für Erwachsene. Wir haben mit einem der «Auftragskiller» gesprochen.

Andrea Keller
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Jederzeit schiessbereit: «Stadtmörder» müssen achtsam sein.

Jederzeit schiessbereit: «Stadtmörder» müssen achtsam sein.

Martin S. (26) ist auf der Hut, seit Wochen schon. Ein Killer hat es auf ihn abgesehen. Da Martin nicht weiss, wie sein Verfolger aussieht, wird prinzipiell jedem misstraut: Auch der Journalistin, die um ein Interview bittet. «Das könnte eine Finte sein», sagt er am Telefon. Und willigt nur zögernd ein. Beim Treffen in der vereinbarten Bar fällt sogleich ein erster Wasser-Schuss. «Sicher ist sicher», erklärt er den Präventivangriff.

Du hast mich am Bein getroffen!

Martin S.: Entschuldige. Aber ich kann mir blindes Vertrauen derzeit nicht leisten. Du wärst nicht die erste, die es mit dem Interview-Trick versucht. Unlängst kam eine Anfrage von einem «20 Minuten»-Journi. Ich war sein «Opfer». Zum Glück hat es ihn kurz vor dem Termin selbst erwischt.

Bei «City Assassin» ist ein jeder Gejagter und Jäger zugleich, sprich: Auch Du hast jemanden im Visier?

Martin S.: Ja. Mein erstes Opfer hab ich bereits zur Strecke gebracht. Das war ein sonderbarer Moment. Er hat während gut einer Woche kaum das Haus verlassen. Schliesslich verlor ich die Geduld, ging in die Offensive. Ich klingelte. Als er den Kopf aus der Wohnungstür streckte, ging es Schlag auf Schlag – doch ich war schneller, das war sein Aus.

Hast Du damit Deinen «Auftrag» erledigt?

Martin S.: Nein, er «vererbte» mir sein Opfer. Ich bekam die Karte mit Foto, Wohn- und Arbeitsadresse des neuen Ziels. Das Problem: Der Kerl wohnt ausserhalb der Stadt und hat aufmerksame Nachbarn. Mein Vorgänger wurde bei seiner ersten Ortserkundung von der Polizei festgenommen. Angeblich hatten Anwohner «eine verdächtige Person» gemeldet, also landete er auf dem Posten. Die Bullen sind grundsätzlich informiert, zeigen aber wenig Verständnis und Freude am Spiel.

Da sind sie nicht die einzigen. Auch Medien, Psychologen und ein Teil der Bevölkerung finden das Wasserpistolen-Spiel bedenklich.

Martin S.: Viele glauben wohl, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen seien allesamt Stalker und Psychos. Aber das stimmt nicht. «City Assassin» ist ein Spiel für Experimentierfreudige. Ein Spiel mit klaren Regeln, das Abwechslung in den Alltag bringt und Spass macht, eine Art «Räuber und Poli» für Fortgeschrittene. Und wenn das gewisse Leute gefährlich oder kindisch finden und fordern: «Werdet erwachsen!», dann frage ich mich, ob erwachsen bedeutet, alles bitterernst nehmen zu müssen. Ich finde nicht.

Es ist also blosser Spass – aber ein Spass, den die Teilnehmer durchaus auch ernst nehmen. Schliesslich will jeder gewinnen. Wirst Du der letzte «Überlebende» sein?

Martin S.: Na, das hoffe ich doch. Schliesslich will ich die 500 Franken Preisgeld, den Ruhm, die Ehre – und einfach bis zum Schluss dabei sein. Auch, um meinen Blog weiterzuführen.

Wie willst Du einen Gegner austricksen?

Martin S.: Ein Vorteil ist mir gewiss: Ich habe unregelmässige Arbeitszeiten. Ausserdem kann mich niemand in meiner guten Stube überwachen, ich wohne im vierten Stockwerk und habe Mitbewohner mit Argusaugen. Mein «Killer» hat also kein leichtes Spiel.

www.tink.ch www.cityassassin.ch

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