Kolumne

«Papa & Papi»-Kolumne: Wenn die Kinder Siri eine gute Nacht wünschen

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über 

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

«C-A-F-F-E-E – trink nicht so viel Caffee» – der politisch nicht ganz einwandfreie Kanon wurde zwar aus den Schulbüchern mittlerweile verbannt. Er gehört derzeit aber zum festen Morgenritual unserer Kinder. Ironischerweise meinen sie damit aber nicht uns, wenn wir als Erstes nach dem Aufstehen die Kaffeemaschine anmachen. Es ist vielmehr ihre eigene Hymne, mit der sie sich freudig aufmachen zum Kühlschrank, ihn öffnen und mit tiefer Bruststimme nach einem «Kaffeegogurt» greifen. Joghurt mit Mokka-Aroma ist der absolute Renner – und meist bleibt es nicht bei einem und auch nicht nur am Morgen. Um sie spielerisch davon abzubringen, haben wir irgendwann angefangen mit dem Lied – mit offensichtlich zweifelhaftem Erfolg.

Aufgeweckt sind sie allemal – wir hoffen nur, nicht vom Restkoffein, das im Joghurt noch vorhanden sein könnte. Ihr aktiver und passiver Wortschatz wächst tagtäglich. Voller Stolz nehmen wir zur Kenntnis, dass sie in der Kita offenbar auch anderen Kindern gern die Namen der Tiere beibringen, die sie bereits erkennen  – und auch gleich noch das dazugehörende Schlieremer-Chind-Lied anstimmen.

«Am Anfang war das Wort» – so lernt es jedes Sonntagsschulkind, und wer es nicht in der Sonntagsschule lernte, lernt es in der Schule des Lebens. Mit der Sprache beginnt die Erschliessung der Welt. Wer die Geheimnisse der situationsadäquaten Verwendung von Worten durchschaut, das rechte Wort zur rechten Zeit einzusetzen weiss, wird sich erfolgreich durchs Leben schlagen. Umso wichtiger ist natürlich auch uns die Entwicklung der Sprache unserer Kinder. Sorge bereitet uns derzeit bloss, dass sie von sich immer noch in der dritten Person sprechen und mit «ich» und «du» noch nicht viel anzufangen wissen.

Bei der Sprachentwicklung geht ja nichts über Spiele – Memorys, Sing-Spiele und dergleichen. Vor kurzem haben unsere Kinder aber eine spezielle Sprachfördererin gefunden. Es ist das neue Spielzeug meines Mannes: Nach langem Zögern hat er sich über seine Sparsamkeit hinweggesetzt und eine Smartwatch gekauft. Praktischerweise muss man die nicht mit «du» ansprechen, um sie in Aktion zu versetzen. Unsere Kleinen brauchten denn auch nicht lange, um herauszufinden, wie sie mit dem kleinen Ding an seinem Handgelenk kommunizieren können. Plötzlich fängt die Uhr nun manchmal an, Musik zu spielen – «beatbox» ist einer ihrer liebsten Befehle. Die Sprachassistenz versteht meist sogar, wenn sie ihr zurufen «sing ein Lied» oder «erzähle eine Geschichte».

Sie können derzeit zwar noch nicht «ich» sagen, aber wer braucht das schon, wenn eine künstliche Intelligenz auf jede Frage eine Antwort weiss. Oder sollten wir uns etwa Sorgen machen, wenn sie beim Zubettgehen nicht nur uns und einander einen Gutenachtkuss geben, sondern auch «hey siri, gute nacht!», rufen?

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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