Kolumne

«Papa & Papi»-Kolumne: In den Fängen der schrecklichen Kita

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über eine Zeitungsnachricht, die seine Familie schockierte.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

Das Elternsein spült oftmals Erinnerungen aus der Kindheit an die Oberfläche des Bewusstseins. Das ist meist sehr schön, aber nicht immer. Es kann sein, dass auch bedrohliche Erfahrungen aus der Vergangenheit einen plötzlich heimsuchen, wie es mir vor einem Monat passiert ist.

Mittlerweile ist der Schreck zum Glück abgeklungen und ich kann darüber berichten. Nachweihnachtliche Traumaverarbeitung gewissermassen. Schon als Kind brachte die Weihnachtszeit bei allem Zauber eine bedrohliche Seite mit sich. Das hatte mit der Geschichte von Herodes dem Grossen und dem Kindermord in Bethlehem zu tun. Eine grausame Geschichte, gerade für Kinderohren. Das beklemmende Gefühl von damals stieg aus der Tiefe der Vergangenheit herauf.

Anlass zum Aufruhr der Gefühle war ein Zeitungsartikel, in dem wir erfuhren, dass wir unsere Kinder offenbar regelmässig einer auf Profit angelegten Ausbeutungsmaschinerie in den Rachen warfen: einer Kita, die zu einem Kita-Unternehmen gehört, das in Verruf geraten ist. Als «McDonald’s der Kitas», wurde es sogar bezeichnet.

Die im Artikel geäusserten Vorwürfe liessen unseren Atem stocken. Von überforderten Angestellten, schlechten Arbeitsbedingungen, bedrohlich vernachlässigten Kindern und schlechter Ernährung war die Rede.

Hatten wir die Wahl unserer Kita gut genug abgeklärt? Hätten wir öfter nachsehen und einen Blick in den Tagesbetrieb werfen sollen? Ja, die Chicken Nuggets auf dem Menüplan schienen mir schon immer suspekt. Das echte McDonald’s-Restaurant habe ich seit Jahren nicht mehr besucht und hatte eigentlich auch nicht vor, unsere Kinder allzu früh auf diesen Geschmack zu bringen.

Ja, das Essen auf dem wöchentlichen Menüplan klang anfangs ein wenig stark nach Fertigprodukten. Hatten sie den Einkauf tatsächlich verändert, oder haben sie es nun einfach wohlklingender geschrieben? Waren unsere Kinder gar bereits Opfer von Frustrationen, Stress oder Überforderung der Angestellten?

Ein Kloss legte sich unsere Magengruben. Da war er wieder, der Herodes – und bedrohte nun meine Kinder. Nun gut, niemand wollte sie töten. Unheimlich fand ich es trotzdem. Hatten wir die Zeichen übersehen? Wir inspizierten nochmals die Räume, sprachen mit den Mitarbeitenden und stellten kritische Fragen. Wir verkürzten unsere Arbeitstage und holten die Kinder früher ab. Aber das lohnte sich nicht: Jede Stunde, die wir sie früher abholen wollten, wollten unsere Kinder noch länger in der Kita spielen. Sie waren einfach nicht nach Hause zu bewegen. Unseren beiden Gold-Hähnchen gefällt es im«McDonald’s der Kitas» offensichtlich. Dank den engagierten Mitarbeitenden können wir nun wieder ruhig schlafen.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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