Kolumne

Papa-Blog: Willkommen in der Realität, mein Kind!

Unsere Tochter merkt gerade, dass gewisse Dinge nicht das sind, wofür sie sie hält. Welch eine Enttäuschung.

Adrian Lemmenmeier
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Hunde sind nur im Bilderbuch geruchlose Wesen.

Hunde sind nur im Bilderbuch geruchlose Wesen.

Alina Demidenko / iStockphoto

Unser 16 Monate altes Kind ist derzeit daran, falsche Vorstellungen von ihrer Umwelt über den Haufen zu werfen. Zum Beispiel bezüglich des Olivenbäumchens auf unserem Balkon. Noch vor Wochen hielt sie das struppige Gewächs für lebendig. Sie näherte sich ihm ebenso zaghaft wie den Geissen im Streichelzoo, in scheinbarer Erwartung, es schlage aus oder renne davon.

Mittlerweile hat das Bäumchen seinen Zauber verloren. Und die Kleine ist erleichtert. Doch manche Entzauberung ist auch mit einer Enttäuschung verbunden. So musste unsere Tochter ihr Bild von Hunden zurechtrücken. Bis vor Kurzem rannte sie dermassen furchtlos gar Doggen und Dobermännern entgegen, dass manch Töle bang den Schwanz zwischen die Läufe klemmte.

Der Wirklichkeit ihrer Bilderbücher folgend, hielt unser Mädchen alle Hunde für liebliche, menschenfreundliche, geruchlose Wesen.

Doch ein zutraulicher Terrier enttäuschte sie, als er ihr aus nächster Nähe seinen Hundefutteratem ins Gesicht hechelte und ihr gar mit der Zunge übers Stupsnäschen strich. Seither bellt die Kleine den Vierbeinern nur noch aus sicherer Distanz hinterher.

Zu seinen Füssen kurvte ein gelbes Etwas

Natürlich müssen auch Erwachsene ab und an ihre Vorstellung von Wirklichkeit korrigieren. Kürzlich sah ich auf dem Weg zum Spielplatz einen Mann, er stand mitten auf einem Handballfeld, die Beine von schwarzen Jeans umspannt, dünn wie Zahnstocher, krumm wie Klammern (solche Klammern). Wenige Zentimeter unterm überlangen Spitzbart spielten seine Hände auf einem Gegenstand, der etwa so gross war wie eine Tafel Schokolade. Zu seinen Füssen kurvte ein gelbes Etwas über den Tartan-Belag. Wie nett, so mein Gedanke: Ein erwachsener Mann, der sich in aller Öffentlichkeit mit seinem ferngesteuerten Spielzeugauto vergnügt.

Als ich näher kam, zeigte sich: Es war ein junger Vater, der mit dem Handy filmte, wie sein gelbbekleidetes Kind über den Boden kroch. Irgendwie war ich ziemlich enttäuscht.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit 16 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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