Kolumne

Papa-Blog: Wieso um alles in der Welt zeugen wir eigentlich Kinder?

Soziologen zufolge machen Kinder nicht glücklich. Trotzdem setzen wir sie in die Welt. Unter anderem, um mit ihnen durch die Zeit zu reisen.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Symbolbid: Getty

Unlängst unterhielt sich meine Frau mit Bekannten übers Kinderkriegen. Eine Freundin erklärte, sie möchte durchaus einmal Kinder haben. Nur wolle sie zuerst für sich klären, weshalb sie das wolle.

Ich freue mich sehr auf ihr allfälliges Familienglück. Denn es nimmt mich Wunder, was genau die junge Frau zur Gründung einer Familie bewogen haben wird. Für mich selbst konnte ich die Frage nach dem Warum nie präzis beantworten. Irgendwie war immer klar, dass ich irgendwann Kinder wollte. Doch der Kinderwunsch war nicht mehr als ein diffuses Bauchgefühl: Wenn es passt, dann passt es. Aber was steckt dahinter? Wieso zeugen wir eigentlich Kinder?

Die Sinn-These ist Unsinn

Eine Antwort, die ich oft höre, lautet: Kinder geben dem Leben einen Sinn. Wer kleine Menschen gross zieht, hat eine Lebensaufgabe. Man hinterfragt sein Handeln weniger, sondern stellt es ins Interesse der Kinder. Die eigenen Interessen stellt man hinten an. Ich habe Mühe mit dieser These. Zum einen habe ich nicht unbedingt das Gefühl, die Sinnfrage sei geklärt, wenn ich mit einem Wattestäbchen das Erbrochene meiner Tochter aus den Parkettritzen klaube. Zum andern scheint mir die Idee, dass man ein fremdes Leben zeugt, um dem eigenen einen Sinn zu geben, ziemlich egoistisch. Mit Verlaub, aber kann man sich dann nicht einen Hund anschaffen?

Natürlich gibt es noch viele andere Gründe, Kinder zu kriegen. Wer Kinder hat, erhöht seine Chancen, am Lebensende regelmässig Besuch zu erhalten. Manche Pärchen zeugen Kinder, um ihre Beziehung zu retten. Andere können sich nicht entscheiden – und machen Kinder, bevor ihnen die biologische Uhr die Wahl nimmt. Und schliesslich sind da Liebe und Glück, die einen erwarten. Kann man einem Geschöpf auf Erden mehr Liebe geben als dem eigenen Kind? Und was macht zufriedener als der Anblick eines friedlich schlummernden Babys?

Die Illusion des Glücks

Nun bestreiten aber Soziologen, dass Kinder glücklich machen. Eine kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie der Universität Marburg fasst Tausende Glücksumfragen der letzten 30 Jahre zusammen. Eine These daraus: Auf lange Sicht machen Kinder nicht besonders glücklich. Nach dem zweiten Geburtstag des ersten Kindes sackt die durchschnittliche Zufriedenheit der Eltern gar ins Negative (siehe Grafik). Meine Tochter ist jetzt anderthalb Jahre alt. Bleibt uns also noch ein halbes Jahr, ehe die liebevolle Aufbruchstimmung der Jungfamilie zur lähmenden Routine erstarrt?

Quelle: SOEP/Martin Schröder; Redaktion: Katja Fischer De Santi; Grafik: Lea Siegwart

Falls Kinder tatsächlich nicht glücklich machen, wieso um alles in der Welt gründen wir dann Familien? Der Hauptgrund ist meines Erachtens ein einfacher: Menschen kopieren den Lebensentwurf, der sie hervorgebracht hat. Eine Familie mit Kindern ist für sehr viele Leute die Standardperspektive auf ihr Erwachsenenleben, da sie selber in einer Familie aufgewachsen sind. Davon abzuweichen, widerspräche der eigenen bewussten oder unbewussten Erwartungshaltung. Deshalb wollen viele Leute grundsätzlich irgendwann Kinder haben – ohne genau abzuwägen, weshalb sie das wollen.

Kinder machen's möglich

Und nicht zuletzt zeugen wir Kinder, weil wir uns nach der eigenen Kindheit sehnen. In einer hochkomplexen Welt voller Unsicherheit und sozialer Normen ist das kindlich-Naive ein willkommener Kontrapunkt. Ein befreundeter Vater sagte mir kürzlich, er freue sich darauf, mit seiner Tochter dereinst im Alpamare über die Wasserrutschen zu flitzen. Alleine würde er als Erwachsener da nicht hingehen, obwohl ihm die Rutscherei grossen Spass bereite. Kinder machen’s möglich.

Eine Familie ist eben auch eine Zeitmaschine. Eltern versuchen, das Beste aus der eigenen Kindheit weiterzugeben – und können sich dabei selber daran laben. Ich habe schon einmal die lustigsten Hörspiel-Kassetten aus meiner Kindheit digitalisiert. Und kann es kaum erwarten mitzuhören, wenn meine Tochter (hoffentlich) bald Gefallen daran findet.

Im vergangenen Sommer hätten wir beinahe den Zug zurück in die Schweiz verpasst. Denn meine Frau wollte für unsere Tochter unbedingt ein besonderes Babymüesli aus ihrer alten Heimat importieren, das sie früher selber täglich zum Frühstück ass. Unsere Kleine ist mit diesem Brei nie warm geworden. Aber die Mutter verspeist ihn ab und zu in seliger Zufriedenheit.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit 18 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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