Kolumne

Papa-Blog: Wie man an Coronatagen der Nostalgie ausgeliefert ist

In der stillstehenden Coronawelt wird man empfänglich für den Blick zurück. Schwer wird's für den Vater, wenn der Sohn bei Bildern aus den 1980ern fragt: «Ist das echt?»

Ralf Streule
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Maria Walliser in Crans Montana 1987: Ein echtes, aber 33 Jahre altes Bild.

Maria Walliser in Crans Montana 1987: Ein echtes, aber 33 Jahre altes Bild.

Bild: Keystone

Es gibt Mütter, die sagen: Die Coronazeit sollten wir geniessen. Weil die Familie zusammenwächst. Weil plötzlich so viel Zeit da ist fürs gemeinsame Spielen oder fürs Vorlesen. Weil die Kinder sich einfach mal in einer Sache verlieren dürfen und nicht schon der nächste Termin ruft.

Und so weiter.

Wenn der Kleine in meinen Armen brüllt und zappelt, die zwei Grossen sich Holzklötze oder die Fernbedienung an die Köpfe werfen, meine Frau aus dem Nebenzimmer um Ruhe bittet, weil sie gerade ein geschäftliches Telefonat führen muss und ich doch eigentlich auch noch etwas schreiben wollte, bin ich mir nicht sicher, wie froh ich über diesen Zustand sein soll. Das Büro hat seine Vorzüge.

Kinder finden plötzlich Dinge im Haushalt, von denen ich selber nicht mehr wusste, dass es sie gibt

Es gibt sie aber tatsächlich, diese magischen Momente, in denen sich die Kinder aus lauter Langeweile mit Dingen beschäftigen, die im Schulalltag nur wenig Platz hatten. Plötzlich sitzen sie da, basteln hirnverbranntes und wahnsinnig kreatives Zeugs, finden plötzlich Schach spannend oder versinken in Büchern wie selten zuvor. Oder sie entdecken in unserem Haushalt Dinge, von denen ich selber nicht mehr wusste, dass es sie je gegeben hat.

Mit einem solch harmlosen Fund begann dann auch meine leichte nostalgische Verstimmung während der Coronazeit. Eine CD von «Merfen Orange» war es, welche die Kinder aus lauter Langeweile irgendwo aus einer Kiste kramten. Sie hörten sich den Thuner Mundart-Hip-Hop an, hatten ziemlich viel Freude daran, und ich merkte zu meinem Erschrecken, dass ich ganze Songpassagen auswendig mitsingen konnte. Wie lange ist das her? Muss vor zehn Jahren gewesen sein. Ich google: Die CD stammt von 1995, aufgelöst wurde die Band im Jahr 2000.

Gerrard und Pirlo waren jung - eine verstörende Lektion

Vielleicht ist man in Zeiten wie diesen, in denen Corona das Bild der Zukunft etwas unscharf macht und gleichzeitig die Zeit stillstehen lässt, für den Blick zurück empfänglicher als sonst. Das Schweizer Fernsehen jedenfalls hat die Tür zur Vergangenheit in den Tagen um Ostern vollends aufgestossen. Es lässt den Champions-League-Final 2005 aufleben, Liverpool gegen die AC Milan. Ich schlucke leer beim Anblick von Steven Gerrard oder Andrea Pirlo. So jung waren die im Jahr 2005? Die beiden Altmeister, die längst die Karrieren beendet haben?

Dann, dieses 1980er-Fernsehprogramm über Ostern: «E.T.», «A Fish called Wanda», «Back to the Future», Aufzeichnungen der Ski-WM in Crans Montana 1987. Ich schalte nur zweimal kurz ein. Einmal bei einer Walkman-Doku aus den 1980ern. Nur schon dieser Ton, der entsteht, wenn das Kassettendesk zugeklappt wird, wirft mich 35 Jahre zurück. Ein zweites Mal bei einer Ski-WM-Rückblende, als gerade Maria Walliser im Riesenslalom zu Bronze holpert und driftet. Wir meinten damals, diese Schwünge seien elegant. Doch sie sind holprig, so ganz ohne Carvingski. Rutschphasen, die beim Zuschauen schmerzen. Mein siebenjähriger Sohn, der sich neben mich gesetzt hat, staunt. Und fragt dann:

«Ist das echt?»

Ich nicke.

Lachen über die 2020er

Das Verrückte am Ganzen ist ja, dass meine Söhne die 2020er-Jahre einmal so betrachten werden wie ich heute die 1980er. Als verstaubtes, aber vertrautes Jahrzehnt. Sie werden über die Zeit, in der sie aufgewachsen sind, den Kopf schütteln. Sie werden über klatschende Leute auf Balkonen lachen. Oder vielleicht über Benzinautos. Ihr Nachwuchs wird dann vielleicht ebenfalls fragen: Ist das echt? Vielleicht werden sie aber auch nie richtig Zeit haben, zurückzuschauen. Es sei denn, ein neuartiges Virus bremse dereinst auch ihren Alltag.

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (7 Jahre, 5 Jahre und 9 Monate) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

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