Kolumne

Papa-Blog: Wider die digitale Erfühlung der Welt – oder: Warum Sensoren blöd sind

Sensoren bestimmen unseren Alltag. Umso ärgerlicher ist es, wenn sie nicht richtig ticken. Zum Beispiel dann, wenn Kinder die öffentliche Toilette benutzen wollen. 

Roger Berhalter
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Am Schlimmsten ist der Föhn: Sensorgesteuerter Handtrockner. (Bild: Getty)

Am Schlimmsten ist der Föhn: Sensorgesteuerter Handtrockner. (Bild: Getty)

Mein Sohn geht gerade durch eine neue Phase: Er hasst Sensoren. Vor allem Sensoren auf öffentlichen Toiletten. Der Fünfjährige kann es nicht ausstehen, wenn das WC automatisch spült, wenn der Wasserhahn nur noch auf Händewedeln reagiert, wenn der Seifenspender wie von Geisterhand Seife ausspuckt und wenn ihm plötzlich der Föhn um die Ohren bläst. «Sensoren sind blöd!», ruft er dann – und verlässt das WC wieder mit voller Blase.   

Eine solche Situation kann zum Spiessrutenlauf werden. Zum Beispiel dann, wenn auf der Autobahnraststätte jede einzelne WC-Kabine mit Sensoren bestückt ist. Dann stürmt der Fünfjährige laut protestierend davon, und gemeinsam suchen wir draussen einen Baum, an den er pinkeln kann. 

Erstaunlich viele Sensoren funktionieren nicht

Erst seit mein Sohn Sensoren hasst, fällt mir auf, wie viele dieser digitalen Fühler es in unserem Alltag schon gibt – und dass erstaunlich viele davon nicht richtig funktionieren. Ich muss dann immer an den Aargauer Psychiater Thomas Spielmann denken, der in einem Vortrag einmal gesagt hat:

«Nicht die Digitalisierung ist das Problem, sondern das Nicht-Funktionieren der Digitalisierung.»

Am schlimmsten war neulich das WC am St.Galler Hauptbahnhof. Während mein Sohn versuchte, Wasser zu lassen, rauschte unter ihm die Spülung dreimal, viermal, ohne Anlass. (Und nicht einmal Klobrillen sind dort vorhanden, aber das ist ein anderes Problem.) Seit mein Sohn dieses verpeilte WC kennengelernt hat, weigert er sich, solche Toiletten zu benutzen und erkundigt sich immer vorab: «Hat's hier Sensoren?»

Sein Widerstand gegen die digitale Erfühlung der Welt ist mir sympathisch. Denn der Kleine hat ja recht: Es ist nicht natürlich, sich im Alltag auf Sensoren statt auf seine Sinne zu verlassen. Es hat etwas Demütigendes, sich auf dem Stillen Örtchen einer übereifrigen Spülung auszusetzen. 

Topmodern und ohne Pinkelbaum

Es geht auch anders: Unser WC-Highlight der vergangenen Wochen war die Autobahnraststätte Bellinzona-Süd. Ein Neubau mit blitzblanken, topmodernen Toiletten – ganz ohne Sensoren! Mein Sohn lächelte, als er aus der Kabine trat. Und ich war froh, denn ein Pinkelbaum war weit und breit nicht zu sehen. 

Roger Berhalter lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen (5 und 7 Jahre) in der Stadt St.Gallen. Er teilt sich mit seiner Partnerin die Erwerbs- und Hausarbeit. Am Backofen aber ist er der Chef.

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