Kolumne

Papa-Blog: Weshalb mich mein Kind ein bisschen weiser macht

Ob wir zufrieden sind oder nicht, hängt mit unseren Erwartungen zusammen. Kinder helfen auf wundersame Weise, diese zu zügeln.

Adrian Lemmenmeier
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«Wie geht es euch?» Bekannte fragen seit der Geburt unserer Tochter in der Regel nach dem gesamten Wohlbefinden der Familie. «Ganz gut», sag ich meistens. Und erzähle etwa, dass wir besser schlafen als noch vor zwei Monaten. Dass die Kleine im Moment fasziniert ist von Autos, aber Angst hat vor Rasenmähern. Oder dass sie so mamafixiert ist, dass sie sich nicht von mir ins Bett bringen lässt. Gewöhnlich beende ich den Smalltalk mit einem Aber: Es ist wohl nur eine Phase. Das kommt sicher wieder anders.

Die Gewissheit, dass die Dinge wieder ändern, hat etwas Beruhigendes. Nur unter Gebrüll in die Kita? Das war eine Phase. Fremde Kinder umstossen? Eine Phase. Durchschlafen? Phase.

Gewiss: Dass nichts bleibt, wie es ist, ist keine bahnbrechende Erkenntnis. Schon der griechische Philosoph Heraklit hielt fest, dass alles im Fluss sei. Und Siddhartha Gautama erklärte, nichts im Leben sei beständig. Nicht zuletzt zeigt uns ein winziges Virus dieses Jahr, dass sich jederzeit alles radikal ändern kann. Unabhängig von unseren Plänen und Erwartungen.

Erwartungen spielen für unsere Zufriedenheit eine zentrale Rolle. Wer sich auf einen cremigen Espresso freut und sauren Filterkaffee serviert kriegt, ist enttäuscht. Wer aber einkalkuliert, dass auch alles anders kommen kann – zum Beispiel die Kaffeemaschine streikt –, wird sich kaum über fehlende Crema ärgern.

Dumm nur, dass die Erwartungen in der Regel steigen, wenn sich unsere Situation verbessert. Wie glücklich machen einen Kellner 50 Franken Trinkgeld, wenn er am Abend zuvor im Lotto gewonnen hat?

Wer aber begreift, dass das Leben aus Phasen besteht, die jederzeit enden können, reduziert die Fallhöhe seiner Erwartungen. Kleinkinder helfen einem dabei, weil sie mit ihren sich auf wundersame Weise ändernden Gewohnheiten den Anspruch auf Planbarkeit immer wieder über den Haufen werfen. Natürlich könnte man für einen besseren Umgang mit seinen Erwartungen auch Siddhartha Gautama lesen. Oder andere grosse Denker. Doch dafür fehlt mir, seit ich Vater bin, die Zeit.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit 19 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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