Kolumne

Papa-Blog: Weshalb das Tragetuch nicht zu meinem Freund wird

Entschuldigt, liebe Leute von der wachsenden Tragetuch-Community: Ich kann mich euch nicht anschliessen. Die Binde-Erklärvideos sind eine Tortur. Und Schränke voller Tragetücher Unsinn.

Ralf Streule
Drucken
Teilen
Tragetuch-Freundinnen.

Tragetuch-Freundinnen.

Bild:Werner Schelbert / Neue Zuger Zeitung

Die Tragetuch-Community wird grösser und enthusiastischer. In einer Tragetuch-Tausch-Gruppe auf Facebook erzählen Frauen von ihrer Sammlung. Sie reden von «Woven Wings Purple Rain in Gr. 4 (3,60m)». Sie suchen «dringend eine 4 oder 5. Am liebsten im Tausch gegen die 6, sonst aber auch zum Kauf.»

Sie sprechen über den «schönen Farbverlauf beim Didymos Ada Malachit». Sie klagen ihr Leid, wieder einmal «abstapeln» zu müssen und präsentieren gleichzeitig ihr Gestell mit gegen hundert Tragetüchern. Männliche Gruppenmitglieder sind auf den ersten Blick nicht zu finden.

Man wünscht sich «schöne Trageerlebnisse»

Auch bei meiner Frau haben sich die langen Tücher durchgesetzt gegenüber Tragegstältli oder Kinderwagen. Und ich mache mit. Denn die Vorteile sind gross, liest man. Das Baby spürt und riecht die Mama oder den Papa besser. Das Baby entwickelt ein besseres Urvertrauen. Eine bessere Körperspannung.

Und Mama hat «schöne Trageerlebnisse», wie es kürzlich eine Mutter meiner Frau wünschte, in einem Begleitbriefchen zum bestellten Occasions-Tuch.

Königsdisziplin: Ergonomisch einwandfreie Huckepack-Lage mit Anhock-Spreizhaltung

Bei uns zu Hause liegen fünf Tücher in verschiedenen Farben im Gestell. Zu viele, finde ich. Ich habe schliesslich auch nur ein Paar Fussballschuhe. Die Tücher sind halt auch modisches Accessoire, sagt meine Frau. Ich mache mit.

Und klebt der Kleine einmal schlafend an mir, ist das tatsächlich ein sehr inniges Gefühl. Aber der Weg dahin ist steinig, die Bindetechniken sind eine Herausforderung, besonders wenn man alleine ist mit dem Baby.

Die Bauchposition habe ich meistens im Griff. Die Königsdisziplin aber, die ergonomisch einwandfreie Huckepack-Lage mit Anhock-Spreizhaltung auf meinem Rücken? Ich denke nicht, dass ich das je hinkriege. Der Anfang der Youtube-Erklärvideos ist ja noch leicht:

«Nehmen Sie das Tuch, falten Sie es auf und suchen Sie sich die Mitte.»

Während die Vorzeigemutter eine Babyattrappe auf das Tuch legt, versuche ich es mit dem zappelnden Kleinen. Unfaire Bedingungen. Aber ich mache weiter.

«Fassen Sie in der Breite links und rechts von Ihrem Baby die untere Tuchkante so, dass Sie mit der Tuchbahn bis nach oben bis zu den Ohren des Babys greifen können.»

Hä?

«Raffen Sie auf beiden Seiten die gesamte Stoffbreite in Ihre Hände.»

Ich raffe, ich greife, ich fasse. Ich lasse die rechte Hand los, da ich das Video stoppen muss.

«Greifen Sie mit der rechten Hand, Handfläche nach oben...»

Okay, rechte Hand zurück ans Tuch. Die linke Hand lässt das Video weiterlaufen.

«...und Zeigfinger Richtung Gesicht des Babys, zwischen die beiden Tuchbahnen. Eine Tuchbahn soll zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger liegen. Die zweite Tuchbahn soll zwischen den restlichen drei Fingern und dem Zeigefinger zu liegen kommen.»

Tatsächlich, ich habe es soweit geschafft.

«Kontrollieren Sie mit der linken Hand, ob die Knie des Babys gemäss der Anhock-Spreizhaltung angezogen sind. Heben Sie mit der rechten Hand Ihr Baby auf den linken Unterarm und stehen Sie gegebenenfalls auf.»

Stehen Sie gegebenenfalls auf? Ich höre: Geben Sie gegebenenfalls auf. Denn jetzt wird's schwierig, das Baby muss auf den Rücken.

«Lassen Sie Ihr Baby keinesfalls los.»

Danke für den Tipp.

«Tauchen Sie Ihren Kopf durch die entstandene Lücke der beiden Tuchbahnen hindurch. So dass eine Tuchbahn auf Ihrer linken und eine auf der rechten Schulter zu liegen kommt.»

Das Baby stösst sich vehement nach hinten weg, das Tuch verrutscht. Ich wechsle die Hände, fluche. Das Baby beginnt zu weinen. Die Dame lächelt in die Kamera.

«Greifen Sie mit dem Daumen nach unten und der Handinnenfläche nach aussen jeweils eine Tuchbahn von der Innenseite. Führen Sie diese Tuchbahn nach aussen und unterhalb ihres Armes wieder zurück nach vorne. Klemmen Sie die eine Tuchbahn zwischen Ihre Beine und fächern Sie die andere auf.»

Ich stehe unbequem gebückt da und schwitze. Aber: Ich bin wieder auf Kurs, habe eine Stoffbahn zwischen den Beinen. Das Geschrei auf meinem Rücken versuche ich auszublenden. Das Video läuft weiter, ich habe keine Hand mehr frei, es anzuhalten.

«Die beiden Tuchbahnen vor Ihrem Körper mit einem doppelten Knoten festziehen. Das Baby sitzt nun mit rundem Rücken und der empfohlenen Anhock-Spreizstellung auf Ihrem Rücken.»

Der Kleine stösst sich wieder ab. Ein Görpsli entlädt sich in meinen Nacken. Ich hinke in gebückter Haltung und zusammen geklemmten Knien vor den Spiegel im Badezimmer, um zu retten, was noch zu retten ist. Doch der Kleine rutscht jetzt endgültig ab. Ich lege das schreiende Bündel auf den Boden.

Im Video wird unterdessen bereits das Auswickeln erklärt.

«Sollte Ihr Baby eingeschlafen sein, legen Sie es ab.»

Ich versuche den Kleinen zu trösten. Und suche den Kinderwagen.

Der Autor

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (8 Jahre, 6 Jahre und 10 Monate) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

Mehr zum Thema
Kolumne

Papa-Blog: Wenn das Chaos regiert

Manchmal bleibt einem Vater im Alltagsdurcheinander mit drei Kindern nichts anders übrig, als so zu tun, als habe er alles im Griff. Auch wenn längst alles ausser Kontrolle geraten ist. Ein Beispiel aus den Ferien.
Ralf Streule
Kolumne

Papa-Blog: Lasst die Kinder in Ruhe!

Gute Eltern sind faule Eltern. Faul im Sinne des englischen Autors Tom Hodgkinson. Der Meister des Müssiggangs hat den einzigen Erziehungsratgeber geschrieben, den man kennen muss.
Roger Berhalter