Kolumne

Papa-Blog: Vater zu sein war nie so einfach wie heute

Eltern sind in der Rollenaufteilung freier als früher. Dennoch hat es Papa immer ein bisschen leichter als Mama.

Adrian Lemmenmeier
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«Wir sind fertig mit dem Fotografieren, Sie dürfen das Kind jetzt wieder der Mutter geben!» – Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert, als Kinderbetreuung klar Frauensache war. (Bild: Keystone/Mauritius Image/Starfoto)

«Wir sind fertig mit dem Fotografieren, Sie dürfen das Kind jetzt wieder der Mutter geben!» – Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert, als Kinderbetreuung klar Frauensache war. (Bild: Keystone/Mauritius Image/Starfoto) 

Manchmal schleiche ich vor Sonnenaufgang durch die Wohnung. Die Arme schaukeln das Töchterlein, die Füsse schlurfen übers Parkett. Zaghaft federe ich die Schritte ab, wie ein Innerrhödler Amtsträger auf dem Weg zur Landsgemeinde. Ich prüfe, ob die Diele knarrt. Denn der hundertjährige Holzboden grochst dermassen unter den Füssen, dass das Kind, das ich in den Schlaf wiege, bei einem Fehltritt wieder aufschreckt.

Bei diesem frühmorgendlichen Rundlauf verliere ich mich gern in Gedanken. Kürzlich stellte ich mir vor, wie sich wohl dieselbe Szene vor hundert Jahren abgespielt hätte. Der Boden hätte bestimmt genauso geknarrt. Doch wär ich als Mann wohl gar nicht um 5 Uhr morgens mit dem Töchterchen im Arm durch die Wohnung geschlichen. Das hätte ich schön meiner Frau überlassen. Und wer weiss: Vielleicht hätte ich ihr aus dem Bett zugerufen, sie solle nicht so laut übers Parkett latschen, schliesslich müsse ich am nächsten Tag zur Arbeit, die Familie ernähre sich nicht von selbst.

Doch auch wenn mir ein patriarchales Familienmodell die gelegentliche morgendliche Schleicherei erspart hätte, steht für mich fest: Heutzutage ist das Vatersein viel angenehmer als vor hundert Jahren. Oder als irgendwann sonst. Und das hat folgende Gründe:

Früher waren die Rollen in der Familie klar verteilt. Mama kümmert sich um Kind und Haushalt. Papa bezahlt alle Windeln, wechselt aber keine. Dieses Muster ist heute zerzaust. Klassische Hausfrauen gibt es immer weniger. Ebenso Männer, die nicht in der Lage sind, ein Spiegelei zu braten. Stattdessen gehören heute junge Väter mit ihren vor den Bauch geschnallten Säuglingen zum Strassenbild. Eltern sind beim Aushandeln der Rollen in der Familie weniger gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. Wir sind freier. Dazu gehört auch, dass Väter ihre Rolle des alleinigen Ernährers los sind. Wer will schon allein die finanzielle Verantwortung für eine Familie tragen?

Das Perfide an der Sache: Trotz aller Freiheit bleibt die Vaterrolle gegenüber der Mutterrolle die einfachere. Reduziert Papa sein Pensum, um mehr für die Kinder da zu sein, gilt das als vorbildlich. Macht es Mama, ist das normal. Warum ist das so? Mag sein, dass das Bild der bürgerlichen Familie noch unverrückt in manchem Oberstübchen hängt. Mag sein, dass wir Vätern mehr verzeihen, weil wir ihnen im Umgang mit Kindern weniger zutrauen. Wenn ich meine sechs Monate alte Tochter abends in eine Bar mitnehme, geht das unter väterliches Engagement. Macht es meine Frau, hat es den Beigeschmack von Verantwortungslosigkeit.

Kürzlich fuhr ich mit der Kleinen im Bus nach Hause. Ihre blauen Knopfaugen funkelten einer älteren Dame entgegen. Statt «Jöööhh» zu rufen, verdrückte die Rentnerin eine Träne. «Es ist so schön zu sehen, wie sich die Männer heute um die Kinder kümmern», sagte sie. Ihren Mann habe man vor 50 Jahren noch ausgelacht, als er die Tochter im Kinderwagen durch die Strassen gestossen habe. «Der hat zu Hause wohl keine rechte Frau, die sich um die Kinder kümmert», habe man ihm nachgesagt.

Ich bin schon sehr froh, dass ich mir heute keinen solchen Schwachsinn anhören muss. Dann lieber vor Sonnenaufgang übers Tafelparkett wippen. 

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit sechs Monaten Vater einer Tochter. Er ist verheiratet und wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

Nächste Woche schreibt Roger Berhalter eine Lobeshymne auf den einzigen Erziehungsratgeber, den man gelesen haben muss.