Kolumne

Papa-Blog: Vater und Weihnachtsmuffel sein – funktioniert nicht

Irgendwann als Jugendlicher distanziert man sich von der Weihnachtsmagie und -hysterie. Als Vater bleibt einem nichts anderes übrig, als zurückzukrebsen. Was seine guten Seiten hat.

Ralf Streule
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Der Vater hat keine Wahl: Weihnachten ist das Grösste.

Der Vater hat keine Wahl: Weihnachten ist das Grösste.

Getty Images

Manchmal schüttle ich über mich selber verwundert den Kopf. Wenn zum Beispiel eine Gruppe von Kindergärtlern vor der Haustüre steht und etwas von einem hellen Stern singt, wenn 20 übermütige Augenpaare emporblicken und ich ob der Weihnachtsbescherung gerührt bin. Oder wenn ich, wie vor drei Wochen, vor einem Stapel Adventssäckli sitze, die gefüllt sein wollen. 24 orange Säckli für den Mittleren, 24 grüne für den Grossen. Die 24 roten Filzsäckli für das Baby wandern vorerst noch in die Kiste, angeschrieben mit «Weihnachten». Für 2020 oder 2021. Ein Mäschli um die Säckli, eine ausgestanzte Papierschneeflocke mit der Nummer daran gehängt... Ganze Novemberabende gehen für so etwas drauf. Ich schüttle den Kopf.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich einst so weit vorausplanen würde in Sachen Weihnachten. Nur schon die Vorstellung, dass ich jemals vor einem Stapel Adventskalender-Säckli sitzen und diese noch befüllen würde, wäre mir vor ein paar Jahren noch sehr suspekt vorgekommen. Schliesslich hatte ich irgendwann in meiner Jugend mit Weihnachten abgeschlossen. Der Zauber war irgendwann weg. Weihnachten war vor allem: Zu viel von allem. Den grossen Stress im Dezember versuchte ich zu mindern, indem ich mit einigen Bekannten einen Nichtschenk-Pakt schloss. Die Weihnachtsvorfreude war nicht die Vorfreude auf Weihnachten, sondern jene auf Ferientage im Schnee, vielleicht auf den Spengler-Cup, auf das späte Heiligabend-Bier in der Quartierbeiz mit Freunden, auf einige Tennispartien vor Neujahr.

Wenn alles lauter wird, beginnt die stille Zeit

Je näher Weihnachten kam, desto breiter wurde der Panzer aus Sarkasmus, den man im Kollegenkreis gegen den Adventswahn baute. Verstanden fühlte man sich von Christoph und Lollo, den Wiener Liedermachern, die in ihrem Lied «Weihnachten» so schöne Sätze sangen wie «Denn wenn alles immer lauter wird, beginnt die stille Zeit». Oder, etwas brachialer: «Die Eltern sind gestresst, hauen ihren Kindern eine rein. Denn dann wissen die: Soweit kann die Bescherung nicht mehr sein.» Ja, das Lied mit seinen süss vorgetragenen Advents-Hiobsbotschaften gibt die Stimmung jener späten Teen- und frühen Twen-Weihnachten bestens wieder. Die irgendwo schlummernde Freude am Fest, am Zauber der Kinderjahre, drang höchstens noch an die Oberfläche, wenn man als junger Mann in den 1990er-Jahren die neue Weihnachtsbeleuchtung im Heimatdorf dann doch eine Zumutung fand und sich die alte zurückwünschte.

Und jetzt stopfe ich einen Sugus ins Säckli Sieben und finde das ganz okay. Ich frage mich höchstens noch eines: Hätte es ein Papp-Kalender aus dem Supermarkt mit dem silbrigen Glitter und den 24 Fenstern nicht auch getan? Aber auch hier ist man mit Kindern während der Adventszeit bald anderer Meinung. Dieser Übermut, dieses zapplige Warten auf etwas, das sich ennet der Realität befindet, ist ansteckend. Es hat etwas Rührendes, die Vorfreude der Kinder mit einem seriös aufgegleisten Familienadvent zu steigern. Und man ertappt sich dabei: Der Weihnachtsschmuck mit den Lichtern auf der Treppe ist ja doch noch schön. Und der Liederabend in der Schule grandios.

Spätestens wenn ich mit den Kindern an Heiligabend im Quartier herumschleiche, um einen Wink des Christkindlis zu erhalten, und wenn ich dabei selber meine, irgendein Lichtlein vorbeischwirren zu sehen, ist's passiert. Dann gibt es eigentlich nur noch eine schreckliche Weihnachtsvorstellung: Dass auch meine Kinder Weihnachten irgendwann nicht mehr das Grösste finden werden.

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (7 Jahre, 5 Jahre und 5 Monate) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

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Gute Eltern sind faule Eltern. Faul im Sinne des englischen Autors Tom Hodgkinson. Der Meister des Müssiggangs hat den einzigen Erziehungsratgeber geschrieben, den man kennen muss.
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