Kolumne

Papa-Blog: «Spiel doch mal mit Tupperware!» Warum sich unser Bub lieber mit Messer und Glasflasche beschäftigt

Unser Kleinster ist ein Jahr alt. Und findet so ziemlich alles interessant, was gefährlich ist. Vielleicht sollten wir unser innerfamiliäres Sicherheitsmanagement überdenken.

Ralf Streule
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Gefahrenzone Sohn.

Gefahrenzone Sohn.

Ralf Streule

So, jetzt schläft er. Endlich Zeit, mir ein, zwei gerade Gedanken zu machen (oder zumindest den Versuch zu starten), bevor mich selber der Schlaf übermannt. Er ist derzeit ständig unterwegs, der Einjährige. «Jö, so ein Aktiver», sagen Bekannte über ihn. Uns wäre, ehrlich gesagt, etwas weniger Bewegungsdrang auch ganz recht. Kein Glas ist vor ihm sicher, keine Leiter, kein Stuhl. Und wendet man den Blick nur ganz kurz ab, sitzt er mit Sicherheit auf dem Tisch und versucht herauszufinden, was passiert, wenn man die Wasserflasche umkippt. Oder ob ein Fünfliber in seinen Mund passt.

Etliche Gläser sind schon zu Bruch gegangen, unzählige WC-Rollen wurden bis zum bitteren Ende aufgerollt.

Nacktschnecken landen auf der Zunge, unreife Brombeeren ebenfalls. Eineinhalb Sätze in der Zeitung gelesen, spielt der Kleine mit der WC-Bürste. Kurz auf den Kaffeeknopf gedrückt, schon hat er seine Finger in der Schublade im Bad eingeklemmt.

Und beim Tischdecken müssen wir stets die Reichweite seiner Arme mitberechnen. Herzig? Ja, aber auch ziemlich anstrengend.

Der Tipp vom Kinderpsychologen hilft wenig

Wir könnten schwören, dass bei den zwei Älteren diese Phase weit weniger ausgeprägt war. Aber Elternsein macht bekanntlich vergesslich. Vielleicht haben wir diese Phase bereits zweimal durchgemacht, können uns einfach nicht mehr besinnen.

Natürlich gibt es viele Tipps von Kinderpsychologen. Die unterste Schublade mit Tupperware füllen, zum Beispiel, damit er sich austoben kann mit Ungefährlichem. Funktioniert bei uns nicht, weil sich der Kleine schlicht nicht dafür interessiert, lieber auf einem wackligen Stühlchen balanciert, um an die Besteckschublade zu kommen. Was tun? Ihn den ganzen Tag an den Kinderstuhl zu zurren ist keine Lösung, stets herumtragen ebenfalls nicht.

Wir lassen ihn inzwischen in vielem gewähren und helfen ihm, mit den Gefahren umzugehen.

Eine Kletterpartie auf der Putzleiter sehen wir inzwischen entspannt, weil wir ihn schon x-Mal dabei begleitet haben und wissen, was er kann. Das Problem an dieser Vorgehensweise: Sie ist extrem zeitaufwändig. Die eine oder andere Beule am Kopf ist inbegriffen. Und wenn Besuch da ist, rennt dieser mit einem Aufschrei zum Kind, in Situationen, in denen wir nicht einmal aufstehen würden.

Vielleicht müssen wir radikal umdenken!

Vielleicht ist unser Sicherheitsempfinden tatsächlich etwas lasch geworden. Und vielleicht müssen wir ja radikal umdenken. Morgen kommen Kindersicherungen an alle Schränke. Übermorgen ziehen wir das Sicherheitsgstältli beim Kinderstuhl etwas enger. Am Wochenende sichern wir die Treppe mit Matten wie an der Lauberhornabfahrt. Und die Wundheil-Crème salben wir dem Buben ab sofort schon am Morgen prophylaktisch ein.

Wenn der Bub grösser wird, werden weitere Sicherheitsmassnahmen nötig. Zunächst kaufen wir ihm ein Young-Boys-Leibchen – sicher ist sicher.

Beim Spaziergang am See ziehen wir ihm die Flügeli an. Auf sein erstes Skateboard kleben wir den Aufkleber «Betreten auf eigene Gefahr», um auch versicherungstechnisch auf der sicheren Seite zu sein.

Wenn er als Teenie in der Badi liegt und die Sonnencrème vergessen hat, bahnen wir uns schnurstracks einen Weg durch die Liegewiese, wo sich die Halbstarken ihre Six-Packs bräunen, und ziehen unserem Kleinen das UV-Schutz-Langarmshirt eigenhändig über den Kopf. Zum ersten Date geben wir ihm eine Plexiglasscheibe mit. Und für die Überlebenswoche in der RS schmuggeln wir unserem Kleinen ein Antibrumm in die Gamelle.

Nicht, dass er uns irgendwann Vorwürfe macht, wir hätten ihm zuwenig geschaut.

Der Autor

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (8 Jahre, 6 Jahre und 1 Jahr) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

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