Kolumne

Papa-Blog: So viel Vorfreude wird nie mehr sein – die Magie des ersten Schultags

Der Schulstart ist für kleine Kinder ein grosser Schritt ins Leben. Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Jürg Ackermann
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Das erste Mal mit den Klassengspänli im Schulzimmer.

Das erste Mal mit den Klassengspänli im Schulzimmer.

Bild: Bruno Kissling

Wochenlang hatte er davon gesprochen. Immer wieder sich ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn er an seinem Pult sitzt und seine Lehrerin ihn fragt, wie viel 5+8 ergibt.

Am Montag Morgen war es endlich soweit. Unser Kleiner, den wir doch erst grad noch gewickelt und herumgetragen hatten, stand schon um halb sieben in gespannter Vorfreude angezogen vor seinem Zimmer. Und machte sich nach dem Frühstück mit seinem riesigen Thek bepackt in Richtung Schule auf.

Die Schulleiterin sagte auf dem Pausenplatz ein paar Worte und drückte jedem Erstklässler eine Sonnenblume in die Hand. Überall gezückte Handys und strahlende Gesichter, hie und da gab es auch Freudentränen. Viele Eltern waren wegen der turbulenten letzten Corona-Monate wohl einfach auch froh, dass das Schuljahr wenigstens halbwegs normal beginnen konnte.

Der Kuhfell-Thek als Inbegriff der Coolness

Als ich mich nach der kleinen Begrüssungszeremonie auf den Weg zur Arbeit machte, gingen mir so manche Gedanken durch den Kopf. Ein paar drehten sich auch um den eigenen Schulstart vor bald 40 Jahren.

Ich konnte mich nur noch dunkel erinnern, aber ein paar Sachen waren noch präsent. Am Abend zuvor war mir mulmig zu Mute gewesen, weil ich nicht wusste, ob ich schon am ersten Schultag das ganze ABC und das Kopfrechnen beherrschen müsste.

Es war dann alles halb so schlimm: Unsere Lehrerin, Fräulein Sgier, spielte ein paar Lieder auf dem Klavier und verteilte Hefte, die wir auf den nächsten Tag einfassen und mit einer Namen-Etikette bekleben mussten. Und auf Zeichnungen an der Wandtafel waren Buchstaben versteckt.

Ob wir schon in der ersten Pause Fussball spielten weiss ich nicht mehr, aber bald schon taten wir es in jeder Pause. Herr Eichmüller, der Schulabwart, amtete als Schiedsrichter und griff ein, wenn wir uns nicht darauf einigen konnten, ob der Ball die Torlinie überquert hatte.

Was war das damals anfangs der 1980er Jahre für eine andere Welt! Der kalte Krieg teilte Ost und West, den Beruf, den man erlernte, übte man oft ein Leben lang aus, Computer gab es weit und breit noch keine. Und der Gipfel der ländlichen Coolness war ein Schulthek mit Original-Kuhfell drauf.

Einer der markantesten Einschnitte im Leben

Als ich meinem Sohn ein paar Monate vor seinem Schulstart den Vorschlag machte, ob er diesen immer noch intakten Kuhfellthek vielleicht erben wolle, erntete ich nur ein müdes Lächeln: «Sicher nöd, Papa!»

Die Geschmäcker, was die coolste Ausrüstung für den Schulstart betrifft, mögen sich wandeln, doch so manches ist noch immer gleich. So bleibt der erste Schultag wohl einer der markantesten Einschnitte im Leben, mit dem die ausserfamiliäre Lebenswelt immer grösser wird. Die Schule ist ein Ort der Beziehung, wo so vieles passiert. Mit den Gspänli, mit älteren Schülern auf dem Pausenplatz, im Unterricht mit den Lehrerinnen.

Ein Thek mit Kuhfellmuster aus den 1980er Jahren.

Ein Thek mit Kuhfellmuster aus den 1980er Jahren.

Jeden Tag kommen neue Erfahrungen hinzu, jeden Tag wird er neue Puzzlesteine entdecken, die ihm die Welt im besten Fall ein bisschen verständlicher und zugänglicher machen und sich am Schluss zu etwas Ganzem, einem grossen Bild formen.

Was für Fähigkeiten braucht es in einer Welt voller Algorithmen?

Manchmal frage ich mich, wie unsere Gesellschaft wohl aussehen wird, wenn er die Schule dereinst verlässt. Was es für Berufe geben wird, wenn er sich eines Tages entscheiden muss, womit er seine Brötchen verdient. Was er für Fähigkeiten braucht, wenn in immer mehr Bereichen immer ausgefeiltere Algorithmen entscheiden, weil sie in unglaublich schneller Zeit Berge von Daten so viel besser analysieren können als es das menschliche Gehirn jemals tun kann.

Wir können es nur erahnen, wirklich wissen tun wir es nicht. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht so entscheidend. Viel wichtiger ist, dass er jenseits der Digitalisierungseuphorie in der Schule auch viele grundsätzliche, zeitlose Dinge lernt, an die er sich immer wieder erinnert.

Und dass er auf Lehrerinnen und Lehrer trifft, die ihn im positiven Sinne prägen. Die ihn motivieren, neugierig machen und auf Dinge hinweisen, auf die er selber nie kommen würde, und damit Türen zu Welten öffnen, von denen man als Erwachsener noch profitiert.

Sicher ist auch: Mit meinem legendären Kuhfell-Thek aus den 1980er Jahren hätte er auf dem Pausenplatz Kultcharakter erlangen können. Dass er die Gelegenheit verschmäht hat, wurmt mich noch heute.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (9 und 6) in St. Gallen.

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