Kolumne

Papa-Blog: Sei wie ein Kind, träume gross, fliege ins Weltall!

Wenn sich Kinder ihre Zukunft vorstellen, dann meist in rosigen Farben: Sie wollen Astronaut, Fussballspieler oder Popstar werden. Von der Magie grosser Träume könnten auch wir Erwachsene etwas lernen.

Jürg Ackermann
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Bild: Getty

Sohn 1 fragt Sohn 2: «Was willst du werden?» «Geigenspieler oder Fussballprofi!», antwortet der Sechsjährige. «Du musst dich für etwas entscheiden, du kannst nicht beides sein», sagt der Grössere. «Doch das kann ich.»

Unsere Kinder malen sich gerne aus, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Das war schon vor Jahren so, als sie noch im Kindergarten oder kleiner waren. Damals wollten sie Baggerfahrer oder Astronaut werden. Feuerwehrmann oder Skifahrer. Erfinder oder Bauarbeiter.

Diesen Gesprächen an unserem Mittagstisch höre ich oft mit einer Mischung aus Faszination und Nostalgie zu. Denn bei allen Mühen und Anstrengungen gibt es beim Vater-Sein ja auch so etwas wie Glück.

Das Leben steht offen, es kann sich in viele Richtungen entwickeln

Und dieses hängt genau mit solchen Situationen zusammen. Denn wenn sich meine Söhne darüber unterhalten, was dereinst aus ihnen werden könnte, kommen Erinnerungen an die eigene Kindheit hoch. An dieses bezaubernde Gefühl, wenn das Leben offen steht und sich in so viele Richtungen entwickeln kann.

Eines habe ich mir auf jeden Fall vorgenommen: Ihnen nie im Weg stehen, nie ihre waghalsigen Vorstellungen im Keim ersticken, nie den in solchen Situationen nur allzu oft gebrauchten Standardsatz verwenden: «Lerne erst etwas Ordentliches, bevor du deine Träumen verfolgst.»

Wie das dann in der Praxis aussieht, wenn sie mit 18 verkünden, nach Australien auszuwandern und sich als Surflehrer oder Strassenmusiker durchs Leben zu schlagen, weiss ich nicht. Vielleicht sehe ich das Ganze dann nicht mehr so locker. Vielleicht denke ich dann ganz spiessbürgerlich: Mach erst deine Ausbildung fertig, bevor du irgendwelche Flausen nachhängst.

Mit Hingabe spielen, alles andere ausblenden

Überhaupt nehmen Kinder Zeit ganz anders wahr als Erwachsene. Wenn ich mit meinen Söhnen Tischtennis, Fussball oder Karten spiele, dann staune ich immer wieder, mit wie viel Hingabe sie das tun und wie sie den Moment leben, in dem sie alles andere vollständig ausblenden. Was zählt ist alleine der nächste Punkt, der nächste Ballwechsel, der nächste Zug.

Nie käme es ihnen in den Sinn, sich die Stimmung zu vermiesen mit Dingen, die in naher Zukunft anstehen, wie das uns Erwachsenen manchmal passiert. Wenn wir nur noch halbherzig dabei sind. Und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch an die schwierige Sitzung denken, die uns morgen erwartet oder an die vielen Aufgaben, die es bis übermorgen im Büro zu erledigen gilt.

Alle Zweifel zur Seite schieben: Fussballtrainer Arsène Wenger.

Alle Zweifel zur Seite schieben: Fussballtrainer Arsène Wenger.

Bild: Rui Vieira/EPA

So intensiv Kinder in der Gegenwart leben, so kraft- und fantasievoll malen sie sich ihre Zukunft aus. Das ist kein Widerspruch, sondern wohl einfach die andere Seite der Medaille. Denn Kinder gleichen nicht wie Erwachsene ihre Träume stets mit der Realität ab. Was bringt das schon – ausser Ernüchterung und Desillusionierung?

Arsène Wenger gab der «Süddeutschen Zeitung» letzte Woche diesbezüglich ein bemerkenswertes Interview. Der 71-jährige Franzose gehört zu den erfolgreichsten Fussballtrainern, 22 Jahre lang coachte er den englischen Spitzenklub Arsenal. Wenger sagte, er habe sehr früh vor allem eins gelernt:

Das Leben gibt dir fast unbegrenzte Möglichkeiten. Frage dich jeden Tag: Was ist dein Traum? Lass dich total darauf ein und schiebe alle Zweifel zur Seite.

«Alle erfolgreichen Leute, die ich kenne, haben genau diese Schritte befolgt», sagte Wenger.

Einen ähnlichen Weg ging der Oscar gekrönte italienische Schauspieler Roberto Benigni. Die berührende Hauptrolle in der KZ-Komödie «Das Leben ist schön» machte ihn vor mehr als 20 Jahren berühmt. Im Film ist Benigni ein KZ-Häftling, der seinem Sohn die Illusion vermittelt, alles sei nur ein Spiel.

Fantasie und grosse Träume: Schauspieler Roberto Benigni

Fantasie und grosse Träume: Schauspieler Roberto Benigni

Bild: Juan Herrero/AP

Benigni wuchs mit drei Schwestern in ärmlichen Verhältnissen in der Toskana auf. «Das war ein Teil meines Glücks, ich habe gelernt, mich auf meine Vorstellungskraft zu verlassen. Fantasie und grosse Träume zu haben, ist die wichtigste Eigenschaft, die man als Kind entwickeln kann. Sie bringt einen sicher durchs Leben», sagte er kürzlich in einem Interview.

Wenn wir einmal auf unser Leben zurückblicken, ist das möglicherweise ein wichtiger Punkt. Wie weit sind wir gegangen? Haben wir unsere Träume verfolgt oder schon beim geringsten Widerstand aufgegeben? Wahrscheinlich ist es am Ende gar nicht so wichtig, wie erfolgreich man dabei ist. Allein schon der Versuch, etwas gewagt zu haben, von dem man schon als Kind träumte, kann zum persönlichen Glück beitragen. Egal was am Schluss dabei herauskommt.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (9 und 6) in St.Gallen.

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