Kolumne

Papa-Blog: Öffnet die Schulen! Jetzt! – Weshalb Homeschooling eben doch nicht so lääss ist

Homeschooling, das klang zunächst spannend und nach einem kleinen Familienabenteuer. Was für ein Irrtum! 

Roger Berhalter
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Weshalb zu Hause für die Schule arbeiten? Nicht alle Kinder sehen den Sinn von Homeschooling ein.

Weshalb zu Hause für die Schule arbeiten? Nicht alle Kinder sehen den Sinn von Homeschooling ein.

Bild: Getty

Eine These: Zu den grossen Verliererinnen der Coronapandemie werden die Befürworterinnen von Homeschooling gehören. Warum? Weil nach fast zwei Monaten Unterricht zu Hause keine Mutter und kein Vater mehr sagen wird: «Wow, Homeschooling, so lääss! Das machen wir jetzt immer so!» Ich jedenfalls habe mich in den vergangenen Tagen oft still schreien gehört: «Öffnet die Schulen! Jetzt!»

Am Anfang wars ja noch lustig. Homeschooling, das klang nach einem kleinen Familienabenteuer: Alle immer zu Hause und keine Schule mehr! Sogleich blühten auch die Homeschooling-Mütter im Land auf. Endlich waren sie nicht mehr die skeptisch beäugte Minderheit, sondern gefragte Expertinnen! Kaum hatte der Bundesrat die Schliessung der Schulen verkündet, stellten erste Homeschoolerinnen ihre Tipps online.

Der Tenor: Ja, es würde ungewohnt und schwierig werden. Aber hey: So viel Zeit mit den Kindern, unberührt vom bösen Bildungssystem! Quality time à gogo! Die Krise als Chance! Der Pandemie sei Dank würden wir zu Hause im Familienidyll zusammen lernen und lachen! Die Kinder würden in Ruhe ihre Aufgaben lösen, während ich auf dem Sofa ein Buch lese. Homeschooling, so lääss!

Totale Verweigerung und mittlere Nervenkrisen

Aber schon am zweiten Tag wurde es mühsam – und fortan nicht mehr besser. Mein älterer Sohn wollte partout nicht einsehen, warum er jetzt plötzlich zu Hause, wo er sonst spielt und tobt, für die Schule arbeiten sollte. Der Jüngere hörte irgendwann auf, Kleider zu tragen... Regelmässig kam es zu totaler Verweigerung (bei den Kindern) und mittleren Nervenkrisen (bei den Eltern).

Ein emotionaler Tiefpunkt war der Moment, als der Ältere ein Glas Wasser über seinem Aufgabenheft verschüttete, während mich der Jüngere fragte, warum ich den neusten Star-Wars-Film so schlecht finde. Innerlich kochend holte ich den Putzlappen aus der Küche, zischte einen Halbsatz mit «Luke Skywalker» und verzog mich für eine Weile nach draussen, allein. Homeschooling, so blöd!

Verständnisvolle Blicke und aufmunternde Kommentare

Erkundungen in unserem Freundeskreis ergaben, dass es allen Eltern gleich geht. Naja, fast allen: Ein Vater findet den Lockdown ganz gut, weil seine Kinder so endlich mal etwas lernen würden; sie hätten grosse Fortschritte gemacht. Aber sonst? Verständnisvolle Blicke und aufmunternde Kommentare:

«Bei uns ist's im Fall auch nicht immer einfach.» 

Noch ein paarmal Schlafen, dann ist es überstanden. Dann verteile ich pädagogisch unkorrekte Ohrfeigen an alle, die das Wort Homeschooling in meiner Nähe laut aussprechen. Und am Montag, wenn die Kinder aus dem Haus und in der Schule sind, werde ich nach draussen gehen und lange und laut klatschen. Für alle Lehrerinnen und Lehrer. Schule, so lääss!

Der Autor

Roger Berhalter lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen (5 und 7 Jahre) in der Stadt St.Gallen. Er teilt sich mit seiner Partnerin die Erwerbs- und Hausarbeit. Am Backofen aber ist er der Chef.

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