Kolumne

Papa-Blog: Mein Sohn verkauft einen Apfel für 44 Franken

Wegen der Coronakrise liegt der Kapitalismus gerade darnieder. Nicht so im Bauernhof-Videospiel, wo die Wirtschaft weiter brummt. 

Roger Berhalter
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Mehr Bäume, mehr Felder, mehr von allem: Bauernhof-Spiele wie «Blocky Farm» bringen Kindern den Kapitalismus näher.

Mehr Bäume, mehr Felder, mehr von allem: Bauernhof-Spiele wie «Blocky Farm» bringen Kindern den Kapitalismus näher.

Bild: Screenshot

Mein Sohn versucht, einen Apfel für 44 Franken zu verkaufen. Nicht im richtigen Leben, sondern in einem Videospiel. Da ist der Kleine ein grosser Farmer und führt seinen eigenen Bauernhof. Er bestellt die Felder, melkt die Kühe, sammelt die Hühnereier ein und fährt mit dem Traktor in die Stadt. Dort verkauft er seine Erzeugnisse am Markt zu Preisen, die er selber bestimmt. Ein Apfel für 44 Franken.

Meinen Einwand, das sei doch ein bisschen viel Geld für einen Apfel, lässt mein Sohn nicht gelten: «Äpfel sind aufwendig zu produzieren!» Er habe den Baum schliesslich zuerst pflanzen und giessen müssen. Dann das lange Warten, bis die Äpfel endlich reif waren, das Pflücken und schliesslich der Transport zum Markt. Ein Apfel für 44 Franken? Ein angemessener Preis, findet mein Sohn. Er hatte auch schon acht Rüebli für 180 Franken im Angebot. 

Mehr ist besser, genug gibt's nicht

Dank des Bauernhof-Spiels lernt der Kleine, wie der Kapitalismus funktioniert. Produziere! Verkaufe! Und vor allem: Wachse! Ja, alles ist auf Wachstum ausgerichtet. Will man im Spiel weiterkommen, braucht man mehr Kühe, mehr Hühner,  mehr Apfelbäume, mehr von allem. Zwei Äpfel für 88 Franken! Drei Äpfel für 132 Franken! Am besten zehn Äpfel für 440 Franken!

Soweit die Theorie. Doch die Praxis in Coronazeiten sieht anders aus. Der Kapitalismus brummt nicht mehr, sondern liegt gerade darnieder. Der Bundesrat hat ihn eingeschläfert und versucht gleichzeitig mit Milliarden von Franken zu verhindern, dass er stirbt. Von Wachstum spricht niemand mehr, im Gegenteil: Die Wirtschaft schrumpft im Rekordtempo. Während die bürgerlichen Parteien über die Staatshilfe jubeln - auch das ist in der Theorie nicht vorgesehen - sehen die Linken schon ein neues Wirtschaftssystem am Horizont. Nach der Krise soll es nicht mehr nur um Wachstum gehen. 

Ein virenfreier Bauernhof

Mein Sohn bekommt das alles nicht mit. Er fährt weiterhin mit dem Traktor über die Felder, seine Farm läuft wie geschmiert und virenfrei. Gerade hat er sich einen Bahnhof gebaut, damit er noch mehr Gemüse verkaufen kann. Den Apfel für 44 Franken ist er tatsächlich losgeworden. Wahrscheinlich hat ihn ein Kind gekauft, das ebenso wenig Ahnung vom Kapitalismus hat wie er.  Die beiden müssen halt einfach noch ein bisschen wachsen. 

Der Autor

Roger Berhalter lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen (5 und 7 Jahre) in der Stadt St.Gallen. Er teilt sich mit seiner Partnerin die Erwerbs- und Hausarbeit. Am Backofen aber ist er der Chef.

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