Kolumne

Papa-Blog: Mein Kind ist das letzte – wie soziale Dynamik das Elternsein verkompliziert

Besteht unter Eltern ein Wettbewerb, das eigene Kind bloss nicht als letztes aus der Kita abzuholen?

Adrian Lemmenmeier
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(Bild: Fotostorm)

Kinder zu haben ist toll, so erfüllend, erfrischend, klärt die Sinnfrage, jaja, doch doch. Gleichwohl hat das Kinderhaben auch Kehrseiten. Wenn ich eine Liste machen müsste mit den Dingen, die ich aus meinem vorväterlichen Leben vermisse, dann stünde da zuoberst: Spontanität. Hat man Kinder, muss man jedes Schrittchen planen, für jeden Kinobesuch braucht’s einen Babysitter, für jeden Spaziergang eine von Geschrei begleitete Vorlaufzeit, bis endlich alle warmen Kleider am Kind sind.

Ein unverrückbarer Fixpunkt in der verplanten Elternwoche ist das Abholen des Kindes aus der Kindertagesstätte. Spätestens um 18.30 Uhr müssen die Mamis und Papis ihre Kleinen in Empfang nehmen, sonst gibt es eine Busse. Für jemanden, der bei einer Tageszeitung arbeitet, ist das früh. Und dennoch bin ich regelmässig der Letzte, wenn ich an meinem Kita-Tag gegen 18.20 Uhr diese nach vollen Windeln duftenden Räumlichkeiten betrete. Bei der Kinderübergabe entweichen mir dann Sätze wie «Ach, alle andern sind schon weg?» oder «Jetzt ist aber Zeit, dass auch wir gehen!». Die Leere in der Krippe entlockt mir solche Phrasen.

Denn wenn ich die Kleine abhole, sind die anderen Kinder schon zu Hause. Nur unsere Tochter lutscht noch im Schein der Neonröhren an einem Holzklotz.

Das scheint sie allerdings nicht zu stören. Noch nicht. Mit zehn Monaten hat sie wohl noch kein Gespür dafür entwickelt, was es heisst, die Letzte zu sein. Aber bald wird sie sich fühlen wie der kleine Dicke, der im Turnunterricht immer als Letzter zu einer Mannschaft gerufen wird.

Bald wird ihr das einsame Warten auf die Eltern eine Kerbe in die Seele schlagen, die sich 20 Jahre später höchstens mit teuren Therapien wieder herausfeilen lässt.

Sie wird auf die schiefe Bahn geraten, menschenverachtende Musik hören, Einstiegsdrogen handeln, sich in einen Guru verlieben oder einer reaktionär-nationalistischen Partei beitreten.

Solche Gedanken dürften sich auch die Eltern der anderen Kinder gemacht haben. Denn scheinbar besteht ein inoffizieller Wettbewerb, sein Kind bloss nicht am längsten in der Kita zu lassen. Oder verleitet mich einzig mein schlechtes Gewissen zu dieser Vermutung? Ich werde darüber nachdenken. Und sollte ich die Liste mit Dingen, die ich aus dem vorväterlichen Leben vermisse, weiterführen, so werde ich vielleicht auch Gelassenheit darauf setzen.

Zum Autor:

Adrian Lemmenmeier ist seit zehn Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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