Kolumne

Papa-Blog: In Ruhe rumbrüllen – oder weshalb ein Baby neue Perspektiven eröffnet

Kindergeschrei zersägt den stärksten Nerv. Doch es ruft auch überraschende Reaktionen hervor. Drei Beobachtungen.

Adrian Lemmenmeier
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(Bild: Getty)

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Noch zwei Minuten bis Zürich Hauptbahnhof. Ich stehe im Intercity auf der Treppe. Vor mir schwer beladene Touristen, hinter mir gestresste Pendler. Meine Tochter hängt im Tragesack und heult wie ein Feueralarm. Nichts zu machen: Streicheln, lustige Grimassen, Kinderlieder ins Ohr trällern – alles hilft längst nicht mehr. Bleibt nur, ab und zu den Rotz abwischen, den mir die Kleine mit ihren ekstatischen Kopfbewegungen immer wieder in den Bart schmiert. Die übrigen Passagiere leiden geduldig. Natürlich beschwert sich keiner über ein schreiendes Kind, aber genervt sind sie alle.

Die Schiebetür geht auf, die Masse schiebt uns aufs Perron. Ich buckle meine Tasche und rede der Kleinen gut zu. Da zerrt ein junger Mann am Ärmel. «Bravo! Bravo!», sagt der Südländer und streckt beide Daumen in die Höhe. Dann haut er mir kumpelhaft auf die Schulter und verschwindet in der Menge. Eine schöne Solidaritätsgeste unter jungen Vätern, so zumindest meine Interpretation.

Es war nicht das erste Mal, dass das Geschrei unseres Kindes das Mitteilungsbedürfnis Fremder weckt. Vor zwei Wochen war die Kleine beim Einkaufen im Supermarkt unzufrieden – und brüllte lauthals durch die Gänge. Vor der Bananenauslade wandte sich ihr eine Frau zu: «Schrei du nur, mein Kleines. Ich würde ja auch gern wieder einmal so schreien.» Eine Woche später erlebte ich eine identische Szene. Wieder in einem Supermarkt, aber dieses Mal war es eine Angestellte, die zu meiner Tochter sagte: «Brüll nur alles raus!» Sie selbst habe manchmal grosse Lust, hier herumzuschreien. «Aber dann hätten wir wohl bald keine Kunden mehr.»

Ein Kleinkind eröffnet eben immer wieder neue Perspektiven. So habe ich um das Bedürfnis mancher Menschen, in Supermärkten rumzubrüllen, bisher nicht gewusst. Und dabei ist doch das Verlangen zu schreien etwas so wunderbar Natürliches. «Die erste Sprache des Menschen, die universellste, die kraftvollste und die einzige Sprache, die er nötig hatte, bevor es erforderlich war, versammelte Menschen zu überreden, ist der Schrei der Natur.» Das schrieb der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau 1755 in seinem «Diskurs über die Ungleichheit» – einer philosophischen Schrift, die den Menschen in seinem vorgesellschaftlichen Naturzustand so bildhaft verherrlicht wie Walt Disneys Dschungelbuch.

In unserer heutigen Gesellschaft ist das Schreien in Supermärkten Babies vorbehalten. Wieso eigentlich? Erleben wir mit dem Bio-Trend nicht ohnehin eine Rückbesinnung auf die Natur? Da wär es doch nur konsequent, wenn man beim Einkaufen auch in Ruhe rumbrüllen könnte.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit sieben Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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