Kolumne

Papa-Blog: Hilfe, mein Kind wird gross!

Eltern neigen dazu, ihre Rolle in der Erziehung zu überschätzen. Mindestens so wichtig für den Nachwuchs ist der Kontakt zu anderen Kindern.

Jürg Ackermann
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Bild: Getty

«Papa, ich bin dann mal weg». Wir kamen gerade vom Tennisplatz, als mein grösserer Sohn sagte, dass er sich jetzt nicht mit mir an den Hotelpool setzen wolle. Vom weitem schon hatten nämlich seine Freunde gerufen. «Kommst du mit uns spielen?» Es dauerte drei Sekunden, dann sprang er mit seinen Kumpanen, die er zum Teil erst seit ein paar Stunden kannte, über die Wiese.

Das Hotel in den Alpen, in dem wir einen Teil unserer Sommerferien verbrachten, war für die Kinder ein kleines Paradies. Es gab Hasen, ein paar Esel, ein kleines Fussballfeld, ein grosses Trampolin und natürlich einen Swimmingpool. Unsere Kinder rasten viele Stunden mit ihren neuen Freunden aus Frankfurt und Wien um die Hotelanlage herum und machten Verfolgungsjagden.

Meine Frau und ich mussten sie zuweilen regelrecht überzeugen, mit uns eine Fahrradtour oder eine Wanderung zu unternehmen oder in einem der vielen erfrischenden Bergseen zu baden.

Am Swimmingpool nun alleine liegend, überlegte ich mir: Ist jetzt schon die Zeit gekommen, wo ich meinen älteren Sohn, der bald in die vierte Klasse kommt, nur noch sporadisch sehe, selbst wenn wir in den Ferien sind? Ein bisschen Wehmut machte sich breit, doch dann erkannte ich schnell: Das Ganze hat auch viele positive Aspekte. Und zwar nicht nur darum, weil ich wieder mal in Ruhe ein Buch lesen kann.

Nicht nur Eltern geben den Kindern das Rüstzeug fürs Leben mit

Wir haben Remo Largo wegen seiner Panikmache («Die heutigen Kinder sind alle im Freizeitstress») an dieser Stelle auch schon kritisiert. In einem Punkt hat der bekannte Schweizer Kinderpsychiater wahrscheinlich aber sehr recht: Kinder lernen ganz viel von anderen Kindern.

Eltern bleiben für ihre Sprösslinge zwar lange eine Art Zentrum der Welt und wichtigster Bezugspunkt. Doch sie tendieren dazu, ihre Rolle in der Erziehung zu überschätzen. Denn es sind längst nicht nur sie, die ihren Kindern das Rüstzeug fürs Leben mitgeben.

Wichtig sind auch Grosseltern, Lehrerinnen oder vor allem auch Freunde und Kameraden. Remo Largo sagt:

«Ein Kind sollte mehrere Stunden pro Tag mit Gleichaltrigen zusammen sein. So lernt es, sich in andere Kinder einzufühlen, sich anzupassen, mit Konflikten umzugehen, Beziehungen und Freundschaften zu schliessen.»
Remo Largo, Kinderarzt und Autor von Sachbüchern zum Thema Erziehung.

Remo Largo, Kinderarzt und Autor von Sachbüchern zum Thema Erziehung.

Bild: Keystone

Darum: In Panik zu verfallen, weil die Kinder gross werden und einen scheinbar nicht mehr so stark brauchen, bringt nicht viel. Eltern vergessen manchmal, dass sie vor allem auch stolz sein können, dass die Kinder flügge werden und sich im Leben zurechtfinden.

Irgendwann geht jedes Kind sowieso seinen eigenen Weg, und die Mamas und Papas erhalten wieder neue Freiräume, mit denen sie nach den wahnsinnig zeitintensiven frühen Kinderjahren erst wieder zurechtkommen müssen.

Knausgard und das Vater-Sein im 21. Jahrhundert

So lag ich in meinem Liegestuhl am Hotelpool, genoss die Ruhe und die Aussicht auf die Hügel und Berge und las ein Buch von Karl Ove Knausgard. Die Meinungen über den norwegischen Autor, der eine sechsbändige, 3000 Seiten umfassende Autobiografie schrieb, gehen auseinander. Ich finde ihn grossartig – auch unter dem Aspekt des Papa-Seins.

Mir ist kein Autor bekannt, der das Lebensgefühl einer ganzen Generation und das Vatersein zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen vielen Rollen und Konflikten (Job, Partnerschaft, Haushalt, Freizeit) so gut auf den Punkt gebracht hat.

Diese und andere Gedanken gingen mir durch den Kopf, als mein Sohn nach zwei Stunden um die Ecke schoss und mich von weitem fragte, ob er nun mit seinen Freunden an der Hotelbar eine Fanta und einen Toast bestellen könne.

Ja, er ist wohl endgültig gross geworden.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (9 und 6) in St. Gallen

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