Kolumne
Papa-Blog: Ein Hoch auf väterliche Kindsköpfe – oder wieso das Kind im Manne salonfähig ist

Die Väter meiner Kindheit waren weitgehend ernsthafte Wesen. Heute ist das alles ganz anders. Und das ist gut so.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Als Vater zum inneren Kind zu stehen, ist eine wichtige Qualität.

Als Vater zum inneren Kind zu stehen, ist eine wichtige Qualität.

Symbolbild: Getty

Wer Kinder erziehen wolle, schrieb einst der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau, solle damit warten, bis er selbst keines mehr sei. Ich halte wenig von diesem Bonmot. Klar: Minderjährige sollen ihre Jugend nicht an ungewollten Nachwuchs verschenken. Als Vater zum inneren Kinde zu stehen, ist aber eine wichtige Qualität. Zumal sein Kind nur versteht, wem es gelingt, auch einmal dessen Perspektive einzunehmen.

Im Gegensatz zu Jean-Jacques Rousseau gehöre ich allerdings einer Generation an, in der erwachsene Kindsköpfe salonfähig sind. Im Zuge der fortschreitenden gesellschaftlichen Liberalisierung werden eben nicht nur Sexualität und Identität aus dem bürgerlichen Sittenkorsett befreit, sondern auch das Kind im Manne. Höchste Zeit, diesem Phänomen einen Beitrag zu widmen.

Dazu ein kleiner Exkurs in meine eigene Kindheit. Als Primarschüler hielt ich die meisten Väter in meinem Umfeld für weitgehend ernsthafte Wesen. Viele trugen Schnäuze, die allerdings nicht wie heute eine modische Orientierung ausdrücken sollten, sondern den Ernst des Erwachsenseins – so schien es mir zumindest, verstärkte doch die Oberlippenbehaarung den Eindruck, dass die Mundwinkel dieser nach Rasierwasser duftenden Riesen stets nach unten zeigten.

Kindlich zu sein, war für diese Männer gar nicht so einfach. Ich erinnere mich bestens an den Vater eines Freundes, der sich jedes Jahr die neuste Ausgabe der Fifa-Fussball-Simulation für die Playstation seiner Kinder kaufte, sie aber weit oben im Schrank vor seiner Gattin versteckte und nur damit spielte, wenn diese ausser Hause war. Andere Väter bauten sich in ihren Estrichen wahre Kinderparadiese aus Pappmaché, wo Eisenbahnen vorbei an Plastiktännchen in originalgetreu nachgebaute Bahnhöfe einfuhren. Den Kindern gegenüber sagten diese Männer, Modelleisenbahnen seien kein Spielzeug – eine Aussage, die selbst uns Erstklässler nicht zu überzeugen vermochte.

Heute ist es für Väter einfach, zu kindlichen Freuden zu stehen. Kürzlich bemerkte ein Freund, er habe zur Geburt seines Sohnes eine Spielzeugeisenbahn erhalten – und es falle ihm schwer, diese nun zwei Jahre ungebraucht im Keller darauf warten zu lassen, bis die motorischen Fähigkeiten des Kindes dem Spielzeug gerecht würden. Mindestens einmal werde er sie schon selber aufbauen.

Kurz nach Weihnachten sah ich auf Facebook den Post eines Gemeindepräsidenten aus der Region. Statt seinem Umfeld in aller Form einen angenehmen Übergang ins neue Jahr zu wünschen, veröffentlichte er Fotos und ein Video einer riesigen Lego-Achterbahn, die er mit seiner Familie über Weihnachten zusammengebaut hatte, und schrieb dazu: «Familien-Lego abgeschlossen. 2021 kann kommen.»

Man stelle sich vor, Anfang der Neunzigerjahre hätte ein Gemeindeammann mittels breit gestreuter Weihnachtskarte bekanntgegeben, er habe nun endlich das Puppenhaus seiner Jüngsten fertig eingerichtet, was ihn in Bezug auf die Herausforderungen des kommenden Jahres sehr optimistisch stimme.

Mich jedenfalls stimmt optimistisch, dass sich kindliches Vergnügen und Erwachsensein in unserer Gesellschaft nicht mehr ausschliessen. Dermassen optimistisch, dass ich diesen Beitrag mit einem Video beende, das rein gar nichts mit Vatersein zu tun hat, mir aber immer wieder kindliche Freude bereitet. Es zeigt einen fast vergessenen Präsidenten an einer Trauerfeier. Möglicherweise hätte auch Jean-Jacques Rousseau gelacht.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit 22 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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