Kolumne

Papa-Blog: Ein Plädoyer für die Grossfamilie

Wohnen viele Menschen zusammen, schaut immer jemand auf die Kinder. So einfach ist das.

Adrian Lemmenmeier
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Symbolbild: Keystone

Einmal im Jahr gehen wir runter. Menschen mit südosteuropäischem Migrationshintergrund muss man diesen Satz nicht weiter erklären. Unten – da ist die alte Heimat in einem der Staaten, die nach dem Zerfall Jugoslawiens übrig geblieben sind. Oben – da ist die auf der europäischen Landkarte nördlich gelegene neue Heimat. Zum Beispiel die Schweiz.

Meine Frau hat ihre Kindheit unten verbracht. Und so heisst es auch in unserer jungen Familie mindestens einmal im Jahr: «Idemo dole» – «gömmer abe».

Gut möglich, dass das Virus diese Routine dieses Jahr durchbricht. Umso bewusster wird, was uns dadurch entgeht. Denn unten ist unser Familienleben ein anderes. In St.Gallen wohnen wir zu dritt in einer Vierzimmerwohnung. Dort in einem Haus, in dem sich oft viele andere Menschen aufhalten. Die Grosseltern unserer Tochter, ihre Onkel, Tanten, die Urgrossmutter und manche andere Erwachsene, die im Haus ein und aus gehen und mal auf einen Kaffee bleiben.

All diese Leute bilden für uns ungefragt eine Art 24-Stunden-Kita. Egal ob wir schwimmen gehen, in Ruhe ein Buch lesen wollen – oder ich mit dem Auto einige Runden durchs karge Karstgebirge drehe, weil es mir vor lauter Menschen im Haus zu viel geworden ist: Irgendjemand ist immer da, der gern auf unser Kind aufpasst. Ganz ohne Frage, Zeitlimite, Doodle, Babysitterhonorar. Und ganz ohne Planung. Spontan eben.

Hier oben läuft das komplett anders. Nichts geht ohne Planung. Unsere Kinderbetreuung gleicht der modernen Weltwirtschaft: Hoch spezialisiert, auf viele Standorte verteilt und alles just in time. Heute ich, morgen du, übermorgen die Kita – und hoffentlich bald wieder Oma und Opa. Ungeplante Freiheiten haben in diesem System wenig Platz.

Deshalb ist das Leben in einer Grossfamilie etwas feines. Es erlaubt, die jugendliche Spontanität ins Elternleben zu retten. Gleichzeitig bewahrt es die ältere Generation vor Einsamkeit oder die arbeitslose Tante vor Langeweile. Und schliesslich bietet das Wohnen in einer grossen Gruppe – seien es Verwandte oder nicht – ein unwiderstehliches Gefühl: Schicksalsgemeinschaftszugehörigkeit. Zeit, wieder runter zu gehen. Irgendwann.

Der Auto

Adrian Lemmenmeier ist seit 15 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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